“Bühnenpraktische Rekonstruktion” – Was ist das eigentlich?

Im Fall von „Roxy und ihr Wunderteam“ bedeutet dies, dass die Originalpartitur des Werkes verschollen ist und für die Deutsche Erstaufführung rekonstruiert werden musste. “Roxy” ist in dieser Hinsicht kein Einzelfall: Im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 und der Vertreibung der jüdischen Kulturschaffenden aus Deutschland und Europa, sind viele wertvolle Werke dieser Zeit verloren gegangen. Doch in den letzten Jahren kommt Bewegung in die Operettenwelt:
Nachdem die Gattung Operette durch die Wissenschaft wieder rehabilitiert worden war und den Geruch der allzu verstaubten Heimattümelei abgelegt hatte – u.a. mit der Tagung „Operette unterm Hakenkreuz“ 2005 an der Staatsoperette in Dresden – werden die großen Jazz-Operetten der 30er Jahre immer öfter in rekonstruierten Fassungen aufgeführt. Spektakulärstes Beispiel dafür ist sicherlich die Aufführung von „Im weißen Rössl“ an der Dresdner Staatsoperette 2009. Das Original-Material, das eigentlich als verschollen galt, hatte man im Archiv eines Theaters in Zagreb wiedergefunden. „Im weißen Rössl“ entpuppte sich als jazzige, freche und grelle Revueoperette, die nur noch wenig mit ihrem Heimatfilmimage zu tun hatte.
Verantwortlich für die bühnenpraktische Rekonstruktion des „Rössl“ waren die Musiker Henning Hagedorn und Matthias Grimminger. Beide haben bereits für das WDR-Rundfunkorchester Operettenpartituren von Komponisten, die von den Nationalsozialisten verfemt waren, rekonstruiert. Für den Komponisten Paul Abraham gelten sie als Spezialisten und haben die bühnenpraktischen Rekonstruktionen von „Viktoria und ihr Husar“ sowie „Ball im Savoy“ angefertigt und zeichnen auch verantwortlich für „Roxy und ihr Wunderteam“.
Paul Abraham war nicht der einzige, der seine Operetten instrumentiert hat. Das lässt sich u.a. aus verschiedenen Namenskürzeln schließen, die in den Partituren zu finden sind. Wie es damals üblich war, dachten die Arrangeure verschiedene Besetzungen gleich mit: Den großen Orchesterapparat ebenso wie die kleine Combo. Gewöhnlich fasste Paul Abraham seine Instrumentation in einer so genannten „Zentralpartitur“ zusammen. In dieser Partitur – ein „ganz eigenartiges Gebilde“ (Nico Dostal) – waren immer alle Instrumente im Einsatz: „Holzbläser, Blechbläser und Streicher waren zwar wie in jeder anderen Partitur untereinandergeschrieben, aber jede einzelne Gruppe war für sich satzgemäß spielbar. Bei der Orchesterprobe wurde dann die Einteilung getroffen, welchen Abschnitt einer Nummer entweder die Holzbläser oder das Blech oder die Streichergruppe spielen sollte.“ Abraham entschied also erst beim Hören seiner Komposition, welche Instrumente wann spielen sollten. Die Pianisten im Orchester hatten freie Hand, es waren allesamt jazzerprobte Musiker, die es gewohnt waren zu improvisieren und damit zur musikalischen Gestalt des Werkes jeden Abend ihren eigenen Anteil zu leisten. Der Begriff „Jazz-Operette“ beinhaltet auch diese Variabilität im Orchester. Nicht nur die Pianisten wurden zum Improvisieren angehalten, auch Gitarristen oder Schlagzeuger. Selbst die Harfenstimme ist gelegentlich 10stimmig ausgesetzt – unspielbar – , der Spieler konnte selbst entscheiden, welche Stimmen er auswählt.
Die Rekonstruktion bezieht sich jedoch nicht nur auf den reinen Notentext, auch Angaben zu Dynamik und Tempo mussten im Fall von „Roxy“ ergänzt werden. Henning Hagedorn: „Die damaligen Musiker waren mit dieser Art der Musik wesentlich vertrauter als heute und konnten solche fehlenden Angaben ad hoc ersetzen. Wir versuchen, entsprechend den älteren Operetten, ein ähnliches Konzept zu notieren.“
Heute kann man nicht mehr davon ausgehen, dass die Orchestermusiker mit der Stilistik und Spielweise der Zeit vertraut sind bzw. auf dermaßen spontane Anweisungen eines Dirigenten reagieren können. Henning Hagedorn und Matthias Grimminger legen deswegen in ihren bühnenpraktischen Rekonstruktionen der Abraham’schen Partituren fest, welche Instrumentengruppe wann zum Einsatz kommt. Sie orientieren sich dabei v.a. an zeitgenössischen Aufnahmen und Filmdokumenten, denen sie den Sound Abrahams ablauschen.
Im Fall von „Roxy und ihr Wunderteam“ ist eine solche Zentralpartitur (noch nicht) aufgetaucht, vielleicht hat es sie auch nie gegeben. Hagedorn und Grimminger liegen das (unvollständige) Orchestermaterial der ungarischen Fassung aus der Zeit der Uraufführung, der Klavierauszug sowie der Film „Die entführte Braut“ vor. Aus diesem Material und mit Hilfe ihrer Erfahrung mit anderen Werken des Komponisten erstellen sie die Partitur, die erstmals auch die zusätzlichen Musiknummern des Films enthält.
Die Orchesterbesetzung der Bühnenfassung von „Roxy“ ist ungewöhnlich klein für Paul Abraham. Sie sieht lediglich einen Kontrabass, Geigen, Klavier, Banjo, Blech- und Holzbläser vor. Für die Filmmusik setzte er allerdings eine größere Besetzung ein, eine Hawaii-Gitarre etwa kommt dazu und eine Flöte. Diese Instrumente werden für die Dortmunder Fassung übernommen, Streicher und Bläser entsprechend angepasst, so dass die Orchesterbesetzung insgesamt vergrößert wird [und damit etwa der mittleren Besetzung von „Ball im Savoy“ entspricht], um der Größe des Dortmunder Hauses gerecht zu werden. Auch seine Vorgehensweise beim Arrangieren ist bei „Roxy“ eine etwas andere. Vermutlich weil er nur ein kleineres Orchester zur Verfügung hatte, schreibt er nicht wie zuvor üblich für jedes Instrument alle Nummern aus, sondern differenziert bereits während des Instrumentationsprozesses. Die Möglichkeit, spontan zwischen Melodie- und Begleitstimme zu wechseln, entfällt hier also.
An der Oper Dortmund wird „Roxy“ nicht nur in dieser rekonstruierten Fassung aufgeführt, sondern einige Musiker verwenden auch historische Instrumente. Zumindest die Saxophone, das Schlagzeug und das Sousaphon stammen aus der Zeit um 1930. Und: In Dortmund haben die Spieler von Klavier, Saxophon und Schlagzeug nach wie vor die Möglichkeit zu improvisieren – was sie auch zur Freude unseres Publikums hörbar nutzen.

Das Notenbeispiel zeigt den Beginn der “Känguruh”-Nummer aus dem “Ball im Savoy”. In den ersten beiden Takten haben die Klarinetten die Melodie, das Blech einen Kontrapunkt, in den beiden folgenden Takten ist es umgekehrt. Zusätzlich zum Kontrapunkt ist in den Stimmen die Melodie rot eingezeichnet, so dass jede Instrumentengruppe für sich melodieführend und begleitend tätig sein kann.

This article was written by
Wiebke Hetmanek

Sie ist eine der wenigen Dramaturginnen Deutschlands, die sich nicht nur der Oper verschrieben hat, sondern ein spezielles Faible für die so genannte leichte Muse hat: Wiebke Hetmanek nimmt Operette und Musical verdammt ernst – und liebt sie leidenschaftlich. Nach „Funny Girl“ folgt nun mit „Roxy und ihr Wunderteam“ ihre zweite Ausgrabung am Theater Dortmund. Geboren in Kiel, studierte Wiebke Hetmanek Musikwissenschaft, Literaturwissenschaft und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften an den Universitäten Bochum und Köln. Erste Station ihrer beruflichen Laufbahn war die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg, es folgte das Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, und seit 2011 die Oper Dortmund. Wiebke Hetmanek ist außerdem die sehr erfolgreiche Autorin der Kinderopern „Der kleine Barbier oder Eine haarige Angelegenheit“, „Kaimakan und Pappatatschi oder Piraten fluchen nicht“ sowie „Ritter Eisenfraß“.

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