Flucht vor Banalität in eine Welt des Scheins

Ballettdirektor Xin Peng Wang spricht über den „Zauberberg“ und die Aktualität von Thomas Manns Roman

Herr Wang, Sie haben in den vergangenen Jahren durch Ihre Handlungsballette nach weltliterarischen Vorlagen überregional für große Aufmerksamkeit gesorgt: „Hamlet“, „Krieg und Frieden“, „Traum der roten Kammer“, „Geschichten aus dem Wienerwald“. Warum die ganz großen Stoffe?

Xin Peng Wang: Sie sind ein Abbild des menschlichen Lebens und stellen Fragen, die jeden von uns betreffen. Wie leben Menschen? Was fangen wir mit unserem Leben an? Sie erzählen von Irrtümern und Katastrophen, aber auch von Sehnsüchten und Hoffnungen. Außerdem zeigt sich an den Stoffen sehr gut, wie sehr weltpolitische Entwicklungen und vermeintlich große Ideen sich auf das Leben jedes Einzelnen ganz konkret auswirken. Genau das berührt mich und löst in mir große Bilder aus. Diese möchte ich auf der Bühne umsetzen.

Mit Ihrer neuesten Kreation wagen Sie sich weit vor: „Der Zauberberg“ von Thomas Mann, weltweit erstmals als Ballett. Über sieben Jahre erstreckt sich die Geschichte von Hans Castorp in einem Schweizer Lungensanatorium. Was hat Sie an diesem Stoff gereizt?

Xin Peng Wang: Ein junger Mensch versucht, der Welt abhandenzukommen. Das normale Leben scheint ihm banal und reizlos. Er flüchtet sich in eine Scheinwelt. Das ist ungeheuer aktuell. Der Roman spielt vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Man spricht von der Zeit der großen Langeweile. 1914 freute man sich auf den Krieg als reinigendes Gewitter, um dieser Eintönigkeit zu entfliehen. Wenn wir uns anschauen, was Menschen heute bewegt, sich Organisationen, wie z.B. dem Islamischen Staat anzuschließen, haben wir ein ähnliches Muster. Schauen Sie mal, was da in den Sozialen Medien abgeht. Da wird das eigene Leben, auch das bestialische Tun, wie eine persönliche Version des Computerspiels Counterstrike dargestellt, in der man endlich die Hauptrolle spielen kann. Da ist sie dann wieder, die Scheinwelt, allerdings auch mit ihren konkreten Auswirkungen auf die Opfer. Und da zeigt sich, wie aktuell Manns „Zauberberg“ ist.

800 Seiten umfasst dieser Jahrhundertroman. Lässt sich so ein Wälzer überhaupt „vertanzen“?

Xin Peng Wang: „Vertanzen“? Das war gar nicht meine Absicht. In „Zauberberg“ geht es mir um die Stimmung einer Weltflucht. Es ist das Porträt einer Gemeinschaft zwischen Lebensüberschuss und Lebensüberdruss. Was auf der Bühne stattfindet, sind Momentaufnahmen aus den sieben Jahren des Hans Castorp auf dem Zauberberg, wie Weltflucht, Sehnsucht, Liebe, Sex, Tod. Das löst bei mir dann die Bilder mit ihrer jeweiligen Poesie aus, die wir auf die Bühne bringen.

Thomas Manns Romane gelten als Sprachkunstwerke. Wie geht denn das zusammen mit dem Tanz?

Xin Peng Wang: Tanz ist nicht sprachlos. Wir gebrauchen nur eine andere Sprache. Was sonst in vielen Sätzen beschrieben wird, lässt sich mit unserem Körper oft in einer einzigen Bewegung ausdrücken. Jede Bewegung im Tanz ist ein Echo der Seele.

Kann man der Handlung Ihres neuen Balletts folgen, auch wenn man den Roman nicht gelesen hat?

Xin Peng Wang: Aber natürlich. „Zauberberg“ handelt von uns, von unserer Einstellung zum Leben. Hier und heute. Tanz ist unmittelbarer Ausdruck innerer Emotion. Um von Kunst berührt zu werden, braucht es keine literarische Vorbildung, eigentlich braucht man überhaupt keine Vorbildung. Am Ende ist entscheidend, ob man emotional gepackt wird. Schlecht ist, wenn man gleichgültig bleibt.

Und wenn jemand nach dem Besuch der Vorstellung dann zum Roman greift…

Xin Peng Wang (lacht): Dann wäre das natürlich auch ganz toll!

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