10 Dinge, die Sie über ANATEVKA wissen sollten

Ab Ende Januar wird die erfolgreiche Musical-Produktion ANATEVKA mit Ks. Hannes Brock als Milchmann Tevje wieder in der Oper Dortmund zu sehen sein. Spannendes zum Hintergrund des Klassikers und Basisinformationen zu dem Stück von Jerry Bock, Sheldon Harnichk und Joseph Stein finden Sie hier:

Titel
„Anna Tevka“ ist nicht der Name der weiblichen Hauptfigur, sondern das ukrainische Schtetl, in dem die Handlung des Musicals stattfindet.

Was ist ein Schtetl?
Schtetl waren Dörfer oder Kleinstädte in Osteuropa mit einem hohen Anteil an jüdischer Bevölkerung, die infolgedessen stark von jüdischer Tradition und Lebensweise geprägt waren. Je stärker der Druck von außen wurde, desto mehr besannen sich die Juden auf ihre Tradition und Religion. In den Schtetln konservierte sich so eine orthodoxe Lebensweise, wie sie im übrigen Europa kaum mehr vorhanden war. Im Zuge der Pogrome ab 1905 und infolge der Vertreibungen im zweiten Weltkrieg wurde die Welt der Schtetl vernichtet.

Worum geht es in dem Musical?
Der Milchmann Tevje hat fünf Töchter, drei davon im heiratsfähigen Alter. Er versucht, diese angemessen, das heißt seinem jüdischen Glauben gemäß, zu verheiraten. Das geht nicht ohne Reibereien ab; denn die Töchter haben ihren eigenen Kopf – und seine Frau Golde im Übrigen auch. Mit Humor und einer gehörigen Portion Vaterliebe findet Tevje meistens einen Weg, ihre Wahl zu akzeptieren. Doch nicht immer gelingt es ihm, über den eigenen Schatten zu springen.

Worum geht es noch?
Um die Situation der Ostjuden an der Wende zum 20. Jahrhundert unter der Herrschaft des zaristischen Russlands. Ihr Leben in den Schtetln war von Armut geprägt, und immer wieder mussten sie neue Schikanen der russischen Bevölkerung hinnehmen. Auch in Anatevka spüren die Bewohner die Verschärfung der antisemitischen Politik nach der Revolution von 1905.

Worauf basiert die Handlung?
Auf den Erzählungen „Tewje, der Milchiger“ (1920ff.) von Scholem Alejchem. Alejchem gilt als Mitbegründer der Literatur in jiddischer Sprache, mit der es den Autoren gelang, breite Schichten der ostjüdischen Bevölkerung zu erreichen, die das Hebräische – die traditionelle Schrift- und Gelehrtensprache der Juden – nicht beherrschten. Seine Geschichten beschreiben fast immer den Alltag im jüdischen Schtetl. Der schonungslos realistischen Darstellung des oftmals ärmlichen Lebens setzt er Witz und Ironie entgegen, weswegen er auch als Humorist oder Satiriker bezeichnet wird.
Die alles dominierende Hauptfigur seiner Erzählungen ist Tevje, ein tiefgläubiger und in der jüdischen Kultur verwurzelter Mann, dessen Bildung sich vor allem aus dem Studium der Bibel ableitet. Er hat eine wort- und bildgewaltige Sprache, durchsetzt mit Bibelsprüchen, jiddischen Sprichwörtern und zahlreichen aus dem Ukrainischen entlehnter Wörter.
Der äußere Rahmen der Sammlung ist ein Gespräch: Tevje berichtet dem „Gast“ Alejchem von seinem Leben, seinen Sorgen und Wünschen und von seinen Töchtern, sieben an der Zahl. Während er von den Versuchen erzählt, die Töchter zu verheiraten, werden gleichzeitig die innerjüdischen sozialen Entwicklungen, aber auch die politischen Umstände in Russland und der Welt thematisiert.
Das Musical konzentriert sich mehr noch als die Vorlage auf Tevje und seine Familie, genauer: auf die Verheiratung seiner drei ältesten Töchter. Im Gegensatz zu vielen anderen Musicals steht das Wort im Vordergrund. Namentlich die Hauptfigur Tevje definiert sich über ihre Zwiesprachen mit seinem Gott, die häufig von Musik untermalt werden, und über die Dialoge mit den anderen Figuren. Seine Sprache, die Art seines Humors und seine Angewohnheit, die bittere Realität hinter amüsanten Bemerkungen zu verstecken, machen die spezifische Atmosphäre von Alejchems Text aus. Joseph Stein ist es gelungen, diese Atmosphäre ins Musical zu übertragen.

Ist die Musik jüdisch?
Nicht so sehr, wie man denken könnte: Für die Komposition von „Anatevka“ hat sich Jerry Bock zwar mit jüdischer und russischer Musik auseinandergesetzt. Allerdings dominieren diese Bezüge seine Partitur nicht, sondern tauchen eher wie Zitate auf. Die Musik des Musicals hat ganz verschiedene Facetten: ausgelassene Tanzmusik wie in „L’Chaim“, berührende Momente der Innerlichkeit wie in „Chavaleh“, rituelle Musik, Melodramen usw. Die relativ große Orchesterbesetzung ermöglicht die Mischung ganz verschiedener Klangfarben: den klassischen Broadway-Sound bedienen Songs wie „Matchmaker“ oder „Now I have everything“. Anklänge an jüdische Musik finden sich eher in den Nummern der älteren Generation, z.B. in Tevjes „If I were a rich man“, wo sich Koloraturen auf sinnfreie Silben finden, die auf chassidische Musik verweisen.

Gibt es auch Tanzszenen in dem Musical?
Ja, mehrere. Die Oper Dortmund hat deswegen auch sechs Tänzer engagiert, die zum Beispiel den berühmten Flaschentanz tanzen. Sie präsentieren sich aber auch als akrobatische Russen oder skurrile Geister, die Tevjes Frau Golde im Traum erscheinen. Doch nicht nur die Tänzer schwingen das Tanzbein, sondern auch die Solisten sowie die Damen und Herren des Chores: Schließlich geht es in dem Musical um eine ganze Dorfgemeinschaft; alle Feste werden gemeinsam gefeiert und dabei wird, ob im Wirtshaus oder auf der Hochzeit, getanzt.

Welcher ist der bekannteste Song?
„If I were a rich man“ – „Wenn ich einmal reich wär“ des Milchmanns Tevje. Dieser Song ist weit über das Musical hinaus bekannt geworden. Tevje malt sich darin aus, was er anstellen würde, wenn er viel Geld hätte. Er würde sich zum Beispiel ein großes Haus bauen, in dem es eine Treppe gäbe, die zwar ins Nichts führt, dafür aber gut aussieht. Seine Frau Golde könnte den ganzen Tag mit dem Personal schimpfen; er selbst würde sich dem Bibelstudium widmen und wäre als hoher Gelehrter anerkannt: denn wer reich ist, gilt auch als klug. Den Text dieses Songs hat Joseph Stein zum großen Teil wörtlich aus Alejchems Vorlage zitiert.

Was ist das Besondere an „Anatevka“?
„Anatevka“ scheint alle Regeln des Showbusiness zu brechen: Ein Musical ohne Happy End, ohne große Shownummern und romantische Liebesgeschichte war zumindest in den 60er Jahren neu. Das Besondere ist der schmale Grat zwischen Spaß und tödlichem Ernst sowie die Verflechtung von privater Geschichte und politischem Hintergrund. Für Regisseur Johannes Schmid liegt die Qualität des Musicals in der guten Balance beider Aspekte und darin, wie mit den tragischen Ereignissen umgegangen wird: „Nicht das Leiden der Jüdischen Bevölkerung wird gezeigt, sondern ihre Lebenslust und ihr Überlebenswille. Ich glaube, am meisten betrifft den Zuschauer das Ende nicht, wenn wir sehen, wie sehr die jüdische Bevölkerung leidet, sondern wenn WIR leiden, weil die Leichtigkeit verschwunden ist. Wenn wir fühlen, welcher Verlust es ist, dass diese Menschen, die wir in ihren Eigenarten über den Abend so ins Herz geschlossen haben, nicht mehr in Anatevka sind!“

Wann wurde „Anatevka“ uraufgeführt?
Die Uraufführung fand am 22. September 1964 am New Yorker Broadway statt. Mit 3242 Vorstellungen in Folge brachte es „Anatevka“ auf die damals längste Laufzeit eines Musicals am Broadway. Als es dort abgesetzt wurde, hatte sich das Stück bereits auf der ganzen Welt verbreitet.
Dieser große Erfolg eines scheinbar untypischen Musicals hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen: Neben der unbestrittenen Qualität von Buch und Musik unter anderem mit der Situation des Broadways in dieser Zeit. Die größte Theatermeile der Welt steckte Anfang der 60er Jahre in einer tiefen Krise. Auf die großen Hits „My Fair Lady (1956) und „West Side Story“ (1957) war kein vergleichbarer Kassenknüller mehr gefolgt. Zudem machten sowohl Hollywood mit aufwändigen Musicalverfilmungen, als auch der neu aufgekommene Off-Broadway mit seinen kleineren Bühnen, die den kommerzialisierten Großproduktionen schlankere und anspruchsvollere Stücke entgegensetzten, dem Geburts- und Heimatort des us-amerikanischen Musicals zunehmend Konkurrenz. „Anatevka“ war ein Experiment, den stereotypen Shows etwas Neues entgegenzusetzen. Es gelang: „Anatevka“ gehört bis heute zu den meistgespielten Musicals.

This article was written by
Wiebke Hetmanek

Sie ist eine der wenigen Dramaturginnen Deutschlands, die sich nicht nur der Oper verschrieben hat, sondern ein spezielles Faible für die so genannte leichte Muse hat: Wiebke Hetmanek nimmt Operette und Musical verdammt ernst – und liebt sie leidenschaftlich. Nach „Funny Girl“ folgt nun mit „Roxy und ihr Wunderteam“ ihre zweite Ausgrabung am Theater Dortmund. Geboren in Kiel, studierte Wiebke Hetmanek Musikwissenschaft, Literaturwissenschaft und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften an den Universitäten Bochum und Köln. Erste Station ihrer beruflichen Laufbahn war die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg, es folgte das Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, und seit 2011 die Oper Dortmund. Wiebke Hetmanek ist außerdem die sehr erfolgreiche Autorin der Kinderopern „Der kleine Barbier oder Eine haarige Angelegenheit“, „Kaimakan und Pappatatschi oder Piraten fluchen nicht“ sowie „Ritter Eisenfraß“.

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