10 Dinge, die Sie über „Sneewitte“ wissen sollten

Am 19. März hat die Musiktheaterproduktion des Komponisten Jens Joneleit in der Jungen Oper Premiere. „Sneewitte“ – ein Schreibfehler?
Auch das uns allen bekannte Märchen „Schneewittchen“ der Gebrüder Grimm hieß nicht zu Beginn so. Schneewittchens wunderschöne Haare waren im Anfang nicht schwarz, und die böse Königin war nicht immer die Stiefmutter. Alles das, was heute für viele unverrückbar mit „Schneewittchen“ verbunden ist, entstand erst allmählich. Noch in der Fassung von 1808 beschreiben die Gebrüder Grimm die Haare als gelb, die böse Königin war zunächst die leibliche Mutter und das Märchen hieß „Sneewittchen“ (Schneeweißchen).

Wie stießen die Gebrüder Grimm auf die Schneewittchengeschichte?
Wahrscheinlich hörten sie die Geschichte von der hessischen Märchenerzählerin Marie Hassenpflug, die vermutlich auch die Lebensgeschichte der Gräfin Margaretha von Waldeck aus dem 16. Jahrhundert kannte. Deren Schicksal könnte die Vorlage für das Märchen gewesen sein. Ihre Schönheit war weithin bekannt und ihre Stiefmutter besonders streng, so ist es im Archiv in Bad Wildungen nach zu lesen. Ihr Vater Graf Philipp IV schickte sie im Alter von 16 Jahren an den Hof von Brabant (dem heutigen Brüssel). Auf ihrer Reise an den Rhein durchquerte sie das Siebengebirge. Zum Verhängnis wurde ihr, dass gleich mehrere hochgestellte Herren um ihre Hand anhielten. Im Alter von nur 21 Jahren starb sie. Die Chroniken berichten von einer Vergiftung durch Arsen. Margaretha von Waldeck war blond.
Als „Schneewittchen“ dann 1812 als 53. Märchen in die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm aufgenommen wurde, war „ das Töchterlein so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz“.

Und wie wurde aus Schneewittchen Sneewitte?
Im Libretto der holländischen Librettistin Sophie Kassies hat Sneewittchen seine Verkleinerungsform abgelegt. Sie ist nicht länger das liebe, nur süße und unschuldige Ding, sondern ein heranwachsendes Mädchen mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein und zu großen Füßen, mit denen sie anderen Menschen auch schon mal auf die Zehen treten kann.

Wie vertragen sich Sneewitte und ihre Stiefmutter?
Anfangs ist es ein gutes Verhältnis. Sie kümmert sich liebevoll um den mutterlosen Säugling, so hingebungsvoll, dass sich auch der König in sie verliebt, und sie schließlich zu seiner neuen Königin macht. Zusammen schauen Sneewitte und ihre Stiefmutter in den Spiegel und Sneewitte weiß schon die Antwort auf die Frage. „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ – „Du!“ Doch als sie fast dreizehn Jahre alt ist, steht für sie fest: „Aber eines Tages wird er mich am schönsten finden!“. Und damit fangen die Probleme an.

„Aber Sneewitte ist tausendmal schöner als Ihr!“
Sneewitte „blüht“ zur jungen Frau heran, genießt die Aufmerksamkeit, die ihr geschenkt wird, und die Königin muss erkennen, dass sie älter wird. Nicht ganz leicht zu verkraften, wenn man sich bis dahin seiner Attraktivität und Wertschätzung sicher sein konnte. „Ich ersetzte die Mama, war Tag und Nacht für sie da, keiner kam ihr je so nah. Auf meine Ruhe habe ich stets verzichtet, war ganz ihrem Glücke verpflichtet. All das wird nun einfach vernichtet!“ Die Königin wird unzufrieden, übellaunig und ihre Umgebung, auch der König, geht ihr aus dem Weg. Da reift in ihr der Entschluss, um ihre Position zu kämpfen: Sneewitte muss verschwinden!

Das Märchen nimmt seinen Lauf, wie wir es kennen…
Ja, Sneewitte wird vom Jäger verschont und kommt zu den Zwergen, aber die Art und Weise dies zu erzählen, weicht vom traditionellen Märchen und der traditionellen Oper ab. Besetzt ist diese Produktion mit zwei Sängerinnen (Königin und Sneewitte), zwei Schauspielern (König, Kommentatoren, Jäger und Zwerge), spielenden Musikern und Technikern. Also gibt es Szenen, die vom Gesang geprägt sind und andere vom Dialog und wieder andere beziehen die Musiker als Darsteller mit ein. Das Orchester hat nicht seinen Platz im Orchestergraben, sondern ist Teil des Bühnengeschehens und treibt die Geschichte mit voran. Dabei gehen alle Akteure davon aus, dass das Märchen den Zuschauern bekannt ist, sie aber neue Seiten entdecken können. Zwischen den beiden Schauspielern entwickeln sich kurze Gespräche, in denen das Verhalten der Figuren kommentiert und in Frage gestellt werden. Bei der nächsten Gelegenheit schlüpfen sie selbst in Rollen und sind Teil der Szene.

Was gibt es zu entdecken in der Musik?
Jens Joneleit ist ein Grenzgänger zwischen den Künsten. 1968 in Offenbach geboren, studierte er in den USA Malerei und Komposition. Er wurde Meisterschüler bei Robert Marek und Joel Naumann. Nach dem Abschluss seines Studiums kehrte er nach Berlin zurück. Heute lebt er dort als freischaffender Komponist und widmet sich auch weiterhin der Malerei. Nach „Der Brand. Proscaenium emblematicum“ (2007) und „Piero – Ende der Nacht“ (2008) ist die Kinderoper „Sneewitte“ als sein drittes Werk für das Musiktheater ebenfalls 2008 entstanden. Seine Musik wird als eruptiv, konzeptstark und eigenwillig beschrieben. Er hat eine Komposition geschaffen, in der Dialogszenen von der Musik charakterisiert und begleitet werden z.B. durch „Ermutigungsmusik“, um dann in Songs zu münden. Alles hat einen jazzigen Ton.

Wie finden sich die zuschauenden Kinder in „Sneewitte“ wieder?
Die Regisseurin Antje Siebers hat mit Sneewitte eine starke Identifikationsfigur geschaffen. Die Sängerin Hasti Molavian singt und spielt sie als lebensfrohes, starkes Mädchen, das aber auch Züge einer verwöhnten Göre hat, die selbstverständlich davon ausgeht, dass alle sie lieben und ihr Bestes wollen. Umso mehr ist Sneewitte erstaunt und erschrocken, dass sie sich ihre (Stief-)mutter so zur Feindin machen konnte. Erschrocken singt sie „Ich liebe dich doch. Meine Mutti bist du. Ich liebe dich immer noch.“ Antje Siebers zeigt, wie schwer das Erwachsenwerden und das Älterwerden sind und die daraus zwangsläufig entstehenden Konflikte. Im Zentrum stehen Mutter und Tochter, gesungen und gespielt von Engjellushe Duka und Hasti Molavian.

Welche Rolle spielen die Männer in diesem Zusammenhang?
Für den König ist Sneewitte, der süße Fratz, den er verwöhnt. Für den Jäger ist sie ein Problemfall und für die Zwerge ein Mädchen, und Mädchen sind merkwürdig, Prinzessinnen sind die schlimmsten, und ehe man sich versieht, riecht man wie sie…

Wie kann man sich informieren, wenn man mit seiner Schulklasse eine Vorstellung besuchen möchte?
Am 16. März 2015 laden die Junge Oper und das Kinder- und Jugendtheater zum Themenabend für Pädagogen ein. Um 17.30 Uhr findet im Institut des Schauspielhauses eine Einführung statt, um 18.00 Uhr schließt sich der gemeinsame Probenbesuch an. Dauer ca. 75 min.
Ab dem 17. März ist das Materialheft für den Unterricht auf der Stückseite zum download zu finden.

Und darüber hinaus?
Im Rahmen des „Kulturrucksack“ findet das Projekt „Aahhh Mama“ statt. Die Junge Oper und das Museum Ostwall im Dortmunder U bieten es für Mädchen zwischen 10 und 14 Jahren an und auch die Mütter dürfen dazu kommen. Die Mädchen beschäftigen sich spielerisch, gesanglich und bildnerisch mit dem Thema „Tochter und Mutter“. Start: 14.März 2015, 11.00 – 16.00 Uhr, Museum Ostwall im U / Anmeldungen bei: Heike Buderus, Junge Oper, hbuderus@theaterdo.de, Tel. 0231 – 5022413

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