Geldstrafe und Arbeitsdienst für einen Opernregisseur

Seit vier Monaten arbeite ich nun wieder an einem deutschen Theater. Nach langen Jahren der Theaterauszeit bin ich seit letztem November am Theater Dortmund Pressesprecher der Oper und des Balletts. Okay, meine Berufsbiografie ist jetzt nicht übermäßig interessant, aber mir fiel recht schnell auf, dass sich, seitdem ich das Theater Mitte der 2000er Jahre verließ, dort einiges verändert hat. Nicht nur dass die Kantinen ein vegetarisches Gericht pro Tag anbieten, was wiederum mich nun nicht sonderlich interessiert, sondern dass sich die Anforderungen an Sängerinnen und Sänger ungemein verändert haben und damit gewachsen sind. Ich erinnere mich noch an Zeiten, als sich bei Operninszenierungen Sänger auf die Bühne wuchteten, um im Zentrum der Bühne, in Position „Standbein/Spielbein“, Arien oder Duette ins Publikum zu schmettern. Das war schon in Ordnung und sprach ja auch sehr viele an. Heute aber müssen Sängerinnen und Sänger Anforderungen erfüllen, die denen von Actionfilmen gleichen. Actionfilme, in denen die Stars ihre Stunts selbst drehen. Gleichzeitig müssen sie in der Lage sein, eine psychologische Tiefe der darzustellenden Charaktere herzustellen, die höchste Schauspielerqualitäten erfordert. Natürlich müssen sie gesanglich dieselbe Qualität erbringen, wie ihre Kolleginnen und Kollegen von damals. Aber das Geschehen ist um einiges vielschichtiger und facettenreicher geworden. Das liegt an Regiekonzepten, die Inhalte verdichten und in Kontext zu unseren Problemen und unserer Zeit setzen. Das alles hat die Oper meiner Meinung nach ungemein bereichert.

Und das führt mich zu dem, was sich in all den Jahren nicht geändert hat: Das große Lamento gegen das Regietheater. Werktreue wurde und wird wohl bis in alle Ewigkeit immer gefordert. „Das haben aber Komponist und Librettist von damals nicht im Sinn gehabt“ oder „die ständigen aktuellen Verweise stören meinen Kulturgenuss“, sind die Sätze, die vorhersehbar immer wieder heruntergebetet werden. Stets kann mit der Frage gerechnet werden, ob die Inszenierung „modern“ oder „originalgetreu“ ist. Und bevor die Vorstellung angefangen hat, stehen Meinungen oder Urteile bereits fest.

Wenn das Theater Spiegelbild der Gesellschaft sein soll, muss es ihr diesen jedoch auch vorhalten. Das heißt, Theater für das Jetzt und Heute machen. Nur so bleibt es relevant.

Wie relevant, aber auch gefährlich das sein kann, ist aktuell am Opernhaus in Nowosibirsk zu sehen. Dort werden wegen einer „Tannhäuser“ Inszenierung Regisseur Timofej Kuljabin und Operndirektor Boris Mesdritsch mit einer Geldstrafe und Arbeitsdienst bedroht, weil sich der örtliche Bischof von der Produktion beleidigt fühlte. Nun kann man meinen, dass Nowosibirsk doch recht weit weg ist aber wie sagte Charles de Gaulle in einem anderen Zusammenhang: „Es kommt näher“.

Das weltweite Lamento über das Regietheater scheint mittlerweile recht seltsame Auswüchse anzunehmen.

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