„In dieser Musik ist alles drin“

… sagt Motonori Kobayashi über Händels SAUL. Der 1. Kapellmeister des Theaters Dortmund hat die musikalische Leitung, wenn am 25. April das Oratorium in einer szenischen Aufführung im Opernhaus zur Premiere kommt. Schon einmal leitete er in Dortmund eine große Oper von Georg Friedrich Händel: 2010 dirigierte Kobayashi JULIUS CÄSAR IN ÄGYPTEN.

Mögen Sie eigentlich Barockmusik?
Ja, und wie! Ich liebe Barock. Da ist einfach alles drin: Drama, Lyrik, Koloraturen, Höhe, Tiefe – alle Emotionen sind in Musik ausgedrückt. Aber um das wirklich zu erkennen, muss man sich diese Musik erarbeiten, denn auf den ersten Blick wirkt sie fremd. Man kann sie nicht so einfach lesen wie Mozart oder spätere Komponisten. Dabei sieht Barockmusik auf den ersten Blick simpel aus. Ihren Reichtum entdeckt man erst, wenn man sich näher mit ihr beschäftigt. Ich habe viel Barock gespielt, z.B. alle Monteverdi-Opern am Cembalo. Dadurch bin ich mit dieser Musik vertrauter geworden. Heute finde ich mich schneller hinein, wenn ich eine für mich neue Barock-Partitur studiere.

Worauf kommt es in einer guten Händel-Aufführung an?
Auf die Klarheit und Unterschiedlichkeit der einzelnen Nummern. Bei Händel muss man für jedes Stück eine Überschrift finden: Neid, Wut, Freude, Sehnsucht usw. Wenn ich das mit den Sängern und dem Orchester dann herausarbeite, bekommt die Musik den Zug, den sie braucht. SAUL ist ein sehr abwechslungsreiches Stück, das keine Längen hat. Die Rezitative sind knapp, die Da-capo-Arien selten und auch eher kurz. Zunächst einmal sieht der SAUL in seiner Einfachheit und Direktheit fast aus wie ein Frühwerk. Aber es ist nach den großen Opern geschrieben! Und wenn man genauer hinsieht, erkennt man das auch. Es ist die Einfachheit dessen, der alles Komplizierte schon hinter sich hat – einfach, aber raffiniert. Eine reiche Orchestrierung, eine konzentrierte Komposition mit Instrumenten, die in den Opern selten vorkommen: das Carillon (ein Glockenspiel), die Harfe oder die Orgel.

Können die modernen Instrumente, die die Dortmunder Philharmoniker spielen, sich bei dieser Musik mit Originalinstrumenten messen?
Ich glaube, wichtiger als die Machart der Instrumente ist der Geist, aus dem musiziert wird. Das Orchester hat in den letzten Jahren viel Erfahrung mit Alter Musik gesammelt, gerade Händel wird häufig gespielt. Und auch Mozart verstehen wir ja heute aus dem Barock-Stil. Das heißt aber nicht, dass wir nicht an den Details arbeiten müssen. In einer barocken Partitur gibt es kaum Hinweise darauf, wie etwas gespielt werden soll. Die Musiker im 18. Jahrhundert wussten einfach, wie es sein musste. Wir müssen das erst wieder herausbekommen, und wir haben natürlich die Wahl zwischen verschiedenen Möglichkeiten. Wenn wir für die Streicher Barock-Bögen hätten, würden sich einige technische Fragen von alleine beantworten. Vielleicht können wir in der Zukunft welche anschaffen; für das Spielen von Barockmusik würde sich das lohnen.

Die barocke A-B-A-Arie ist bei manchen Musikfreunden gefürchtet, weil sie sich sehr lange hinziehen kann. Wie schafft man es, die Wiederholung des Hauptteils spannend zu gestalten?
Wie gesagt, allzu viele Da-capo-Arien sind im SAUL gar nicht vertreten. Aber natürlich hat die Wiederholung, die für unsere Ohren oft redundant ist, ihren emotionalen Grund. Wir müssen das nicht wiederholen, sondern neu gestalten: Die Figur steht ja am Ende des B-Teils anders da als zu Beginn der Arie, sie hat etwas ausgesprochen, erfahren und verstanden. Das lässt sich mit Verzierungen verdeutlichen, oder mit einer anderen Dynamik und Fermaten. Vor allem hilft die szenische Darstellung, die Musik so lebendig zu gestalten, wie sie sein muss. Händel war eben ein echter Theatermensch!

Mehr zu unserer Neuproduktion können Sie bei der Matinee am  12. April um 11.15 Uhr im Opernfoyer erfahren.

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Georg Holzer

Hier sieht man ihn an des Dramaturgen Lieblingsplatz: dem Schreibtisch. Georg Holzer ist mit seiner umfassenden Bildung, seinen klugen Ideen und seinen Formulierungskünsten so etwas wie der „Think Tank“ der Oper Dortmund. Wer einmal eine seiner übrigens brillanten Einführungen gehört hat, weiß: Georg Holzer kommt aus Bayern. Studiert hat er dann aber in Berlin, Poitiers und Florenz, bis er als Dramaturgie- und Regieassistent sein erstes Theaterengagement an den traditionsreichen Münchner Kammerspielen antrat. Heute ist er Chefdramaturg der Oper Dortmund. Überdies ist er auch ein gefragter Übersetzer, nicht nur der Übertitel der Oper Dortmund, sondern auch diverser Theaterstücke und insbesondere französischer Lyrik. Den nötigen Ausgleich zu so viel Kopfarbeit findet er bei ausgedehnten Jogging-Runden durch Dortmunds Parks.

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  1. Horst Karbaum at 17:17

    Es gibt nichts Schöneres, als Herrn Kobayashi zuzuhören, wenn er über Musik spricht und das mit Beispielen unterstreicht. Und jung wie er ist, ist er schon weise, was dieser Satz „Es ist die Einfachheit dessen, der alles Komplizierte schon hinter sich hat …“ beweist. Ich würde es etwas laxer ausdrücken nämlich „Schwierig ist es, etwas so zu machen, das es Anderen total leicht erscheint.“

    Er kann das auch. Insbesondere denke ich an eine Matinée mit ihm und Frau Marguerre zur „Entführung aus dem Serail“ glaube ich. Wie er uns Laien da Einiges zur Musik vermittelt hat, wirkte absolut einfach, es ging aber um sehr komplizierte Dinge.

    Meine Anregung: Viele Matinéen mit ihm und Frau Marguerrre, im Sinne von „Was Sie schon immer über Musik wissen wollten …“ oder „Kobayashis Musikseminar“ unabhängig davon ob eine Veranstaltung dazu ansteht oder nicht.

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