10 Dinge, die Sie über „Vom Mädchen, das nicht schlafen wollte“ wissen sollten

Die beiden Freunde Lena und Leander vertreiben sich ihre Zeit am Fluss. Um Lena zu imponieren, schießt Leander einen Apfel vom Baum – auf dem Nachhauseweg bemerken Sie, dass er dabei auch einen Vogel getroffen hat. Er liegt wie tot auf der Erde. Aus Angst, wie der Vogel nicht mehr aufzuwachen, beschließt Lena, nicht mehr zu schlafen.
Nach einigen Wochen Schlaflosigkeit machen sich die Eltern ernsthaft Sorgen. Die herbeigerufenen Ärzte können jedoch die Ursache nicht feststellen und streiten sich über die Therapie. Die Schützen des Dorfes empfinden Lenas Wachzustand allmählich als Bedrohung, sie befürchten, selbst untote Seelen zu werden. Als sie Lena und Leander angreifen, fliehen die beiden übers Wasser und machen sich auf die Suche nach einem Schlafmittel.
Auf ihrer Reise treffen sie auf Flößer, die als todsicheres Schlafmittel harte Arbeit empfehlen. Doch bei Lena schlägt es nicht an. Später begegnen sie dem Totengräber. Als Leander ihm zu Hilfe kommen will, zieht der Totengräber Lenas Freund auf die andere Seite. Dort trifft Leander auf die Vogelprinzessin Alba, die den toten Vogel wieder zu Leben erweckt. Damit sie auch Lena hilft, muss Leander versprechen, Alba zu heiraten.
Lena ist unterdessen von der Schlaflosigkeit sehr geschwächt. Der Mondmann führt sie zur Hochzeit von Alba und Leander. Als sie sieht, dass sich die beiden küssen, bricht sie zusammen und schläft. Leander bringt die schlafende Lena nach Hause.
Im Dorf wird Lena mit einem Fest begrüßt. Doch selbst das Getöse der Schützen kann Lena nicht aufwecken. Nur Leander glaubt noch daran, dass alles gut wird und nimmt seine Freundin mit zum Fluss. Der Mond kommt vorbei und bringt frischen Mondkuchen mit. Der herrliche Duft weckt Lena wieder auf. Wie zwei Verliebte, die sich endlich wiedergefunden haben, schauen sich Lena und Leander an, und küssen sich.

Nur ein Traum?
Zugegeben, die Geschichte klingt nicht immer logisch. Was realistisch beginnt, entwickelt zunehmend eine surreale Eigendynamik. Eine Prinzessin, die tote Vögel aufwecken kann? Ein Mond, dessen Mutter Kuchen backt? Und wenn Lena just dort am Fluss wieder aufwacht, wo sie eingeschlafen ist, liegt der Gedanke nahe, dass die ganze Handlung nur ein Traum gewesen ist. Schließlich liest der Mond Träume, „wie andere Leute Zeitung“. „Doch“, so Regisseur Johannes Schmid, „hier gibt es keine platte Eindeutigkeit. Denn Lena und Leander haben sich inzwischen deutlich weiterentwickelt! Und der Kuss zwischen den beiden, der am Ende steht, wäre ohne die Handlung, die vielleicht eben auch nur ein Traum war, nicht möglich.“

Der Librettist
Martin Baltscheit, geboren 1965 in Düsseldorf, studierte Kommunikationsdesign an der Folkwangschule für Gestaltung Essen. Im Anschluss war er tätig als Illustrator, Sprecher, Bilderbuch-, Prosa-, Hörspiel- und Theaterautor. Für seine Arbeiten erhielt er zahlreiche Auszeichnungen unter anderem den Deutschen Jugendtheaterpreis 2010, den Deutschen Jugendliteraturpreis 2011, „Hörbuch des Jahres 2014“ und viele mehr. Der in Düsseldorf lebende Kinderbuchautor und -illustrator ist bekannt durch seine phantasievollen, unkonventionellen Kinderbücher wie „Vom Löwen, der nicht schreiben konnte“ oder „Der Philosofisch“. Zahlreiche Filme, Theaterstücke und Tonträger hat er in den letzten Jahren verfasst. Die Familienoper „Vom Mädchen, das nicht schlafen wollte“ ist sein erstes Libretto.

Der Komponist
Marius Felix Lange wurde 1968 in Berlin geboren und erhielt mit acht Jahren ersten Violin- und mit elf Jahren ersten Klavierunterricht. Von nachhaltiger Bedeutung war für ihn die Mitgliedschaft im Festivalorchester des Schleswig-Holstein Musik Festivals unter Leonard Bernstein (1987) und besonders die Begegnung mit Sergiu Celibidache. Nach einem Geigenstudium begann Lange 1993 ein Schulmusikstudium, das er durch die Fächer Jazz- und Popularmusik erweiterte und 2001 mit dem 1. Staatsexamen abschloss.
Von 1998 bis 2002 studierte er außerdem Filmmusik und Sounddesign an der Filmakademie Baden-Württemberg sowie ab 2001 Komposition bei Ulrich Leyendecker in Mannheim (Diplom 2006). Ein wesentlicher Höhepunkt seiner Karriere war der erste Preis beim 1. Internationalen Kompositionswettbewerb Köln für die Oper für Kinder und Erwachsene „Das Opernschiff oder Am Südpol, denkt man, ist es heiß“ auf ein Libretto von Elke Heidenreich. Es folgten „Schneewittchen“ (UA Oper Köln 2011) sowie die Gruseloper „Das Gespenst von Canterville“, die im November 2013 am Opernhaus Zürich uraufgeführt wurde. Im Februar 2014 kam „Vom Mädchen, das nicht schlafen wollte“ am Theater Duisburg zur Premiere.

Worum geht es – aus Sicht des Komponisten Marius Felix Lange
Die Oper spielt in einer archetypischen Welt, die zeitlich und örtlich nicht festgelegt ist (und somit glücklicherweise nicht dem allerorten ertönenden Schrei nach ‚Heutigkeit’ folgt, ‚heutig’ kann morgen schnell ‚gestrig’ sein.) Das Libretto von Martin Baltscheit feiert das Leben, die Liebe, die Natur, den Traum, den Wechsel der Tageszeiten, die Fantasie. Seine Sprache klingt, und die Geschichte funktioniert wunderbar im ‚Makrokosmos’ der feine Fäden verknüpfenden Gesamtanlage, wie im ‚Mikrokosmos’ charmanter Binneneinfälle und Wortspiele. Ein wundervolles Bett, in das man als Komponist nur zu gerne seine Töne legt. (Sikorski Magazin 2/2014)

Worum geht es – aus Sicht des Regisseurs Johannes Schmid
Die große Stärke der Oper ist, dass sie durchaus ernste Themen für Kinder verarbeitet – z. B. die Angst vor dem Tod –, diese aber nie zu eindeutig aufs Brot schmiert und immer auch ein komödiantisches Gegengewicht liefert. So sind die Schützen zwar bedrohlich, aber auch eine sehr skurrile unfähige, fast slapstickmäßige Truppe. Und der Mond, der die Geschichte kommentierend begleitet, ist eher ein Straßenphilosoph mit Zu- und Abnehmproblemen, als ein klassischer Mondmann. Und es geht eben nicht nur um die Angst vor dem Tod, sondern auch um die Geschichte einer ersten zarten Liebe, um den ersten Kuss. Das Erwachen der Pubertät, die Ablösung von den Eltern, ja das Erwachsenwerden ist der zweite große Themenkomplex.

Der Mond ist aufgegangen
„Der Mond ist aufgegangen“ – wer kennt nicht dieses schlichte „Abendlied“ von Matthias Claudius (dessen Todestag sich in diesem Jahr zum 200. Mal jährt). In der Vertonung von Johann Abraham Peter Schulz ist es zu einem bis heute gesungenen Volkslied geworden ist. Doch Schulz war nicht der einzige, der den Text von Claudius vertont hat, auch Joseph Haydn, Franz Schubert oder Carl Orff bis hin zu zeitgenössischen Künstlern wie Nena oder Götz Alsmann haben ihre Versionen komponiert.
Auch in „Vom Mädchen, das nicht schlafen wollte“ spielt das Lied eine große Rolle. Es ist – angelehnt an die populärste Vertonung – die Erkennungsmelodie des Mondes, der als Ratgeber, Tröster oder Begleiter von Lena und Leander mehrmals in der Oper auftaucht. Librettist Martin Baltscheit variiert dabei die berühmten Zeilen von Claudius – gleich zu Beginn schon allein deswegen, weil der Mond über sich selbst singt: „So bin ich aufgegangen.“ Im Folgenden werden die Eingriffe stärker, der Mond wird zunehmend personalisiert, vermenschlicht, wenn er etwa mit seinen schwankendem Gewicht zu kämpfen hat: „Wie ist das nur geschehen? Ich bin nur halb zu sehen und doch so rund und schön.“
Einher mit den textlichen Veränderungen gehen musikalische Variationen. Komponist Marius Felix Lange hat die bekannte Melodie mal mehr, mal weniger stark bearbeitet, immer ist sie jedoch erkennbar. So verbindet der Zuhörer mit der Figur des Mondes etwas Vertrautes, Heimeliges, so wie Lena und Leander im Stück den Mond als einen etwas „schrägen“, aber verlässlichen Partner kennenlernen.

Das Bühnen- und Kostümbild
Um sich ein Bühnenbild für die phantastische Reise von Lena und Leander auszudenken, braucht es viel Phantasie. Und die hat die Bühnen- und Kostümbildnerin Tatjana Ivschina. An der Oper Dortmund begeisterte sie bereits mit ihren Ausstattungen von „Der gestiefelte Kater“ und „Aschenputtel“.
Tatjana Ivschina wurde in Taschkent, Usbekistan, geboren und studierte Bildende Künste in ihrer Heimatstadt und an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach bei rosalie, Hans-Jürgen Drescher und Hans Hollmann. Sie arbeitete u.a. am Theater Bremen, Landestheater Linz, Stadttheater St. Gallen, den Staatstheatern Oldenburg, Darmstadt und Nürnberg sowie an der Rheinoper und der Oper Leipzig. Neben ihrer Theaterarbeit widmet sich die Künstlerin regelmäßig diversen Ausstellungsprojekten, u.a. in Marburg, Frankfurt am Main, Berlin und Dresden.
Von ihrem Bühnenbild zu „Vom Mädchen, das nicht schlafen wollte“, zeigte sich nicht nur das Publikum beeindruckt: „Ein hinreißendes Bühnenbild und traumhafte Kostüme“, schrieb etwa die NRZ nach der Uraufführung. Und das opernnetz berichtete: „Sie hat eine Bühne geschaffen, die in ihrer Detailfreude, überraschenden Wendungen und großer Fantasie einlädt, sich ganz und gar in die Geschichte hineinziehen zu lassen. Dabei nutzt sie die Räume in allen Ebenen, schafft ungewöhnliche Perspektiven und kommt mit denkbar wenigen Umbauten aus, die quasi en passant passieren. Dass es dazu stimmige Kostüme gibt, ist fast schon selbstverständlich.“ Einige ihrer Figurinen haben wir in den Blog gestellt, die Originale lohnen sich noch viel mehr.

Familienoper
Den Begriff „Familienoper“ prägte der Komponist Marius Felix Lange: „Ich ziehe den Begriff ‚Familienoper’ oder ‚Oper für Kinder und Erwachsene’ dem Begriff ‚Kinderoper’ vor, da ich meine Opern nicht nur für die Kinder, sondern auch für die diese begleitenden Erwachsenen schreibe. So in etwa wie bei Ravensburger Spielen, die ja oft die Altersangabe 6-99 tragen. An einer Kinderoper, so wie ich sie verstehe, sollten Kinder aktiv am Entstehungsprozess und an der Aufführung beteiligt sein.“

Junge Oper Rhein-Ruhr
In der Spielzeit 2013/14 startete in Nordrhein-Westfalen ein deutschlandweit einzigartiges Projekt: „Junge Opern Rhein-Ruhr“ heißt die Kooperation, die zwischen der Deutschen Oper am Rhein, dem Theater Dortmund und dem Theater Bonn geschlossen wurde, um den Bereich der Kinder- und Jugendopern gemeinsam deutlich zu stärken.
Das Angebot an Kinder- und Jugendopern, dem sich die Theater zunehmend und engagiert widmen, ist übersichtlich. In der Mehrzahl umfasst es Produktionen für Kammerbühnen und kleine Spielstätten. Die Kooperation „Junge Opern Rhein-Ruhr“ hat sich deshalb das ehrgeizige Ziel gesetzt, Kinderopern mit umfangreicher Besetzung für die großen Bühnen ihrer vier Spielstätten zu produzieren.
Dafür wurden diverse Kompositionsaufträge erfolgreich vergeben: „Vom Mädchen, das nicht schlafen wollte“ war die erste Uraufführung im Rahmen dieses Projektes, gefolgt von „Ronja Räubertochter“, komponiert von Jörn Arnecke im Februar 2015. In der Spielzeit 15/16 wird es abermals eine Komposition von Felix Marius Lange geben: „Die Schneekönigin“, während in der Spielzeit 16/17 erstmals an der Oper Dortmund eine Familienoper uraufgeführt wird.
Das Projekt steht unter der Schirmherrschaft von Ute Schäfer, Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen.

This article was written by
Wiebke Hetmanek

Sie ist eine der wenigen Dramaturginnen Deutschlands, die sich nicht nur der Oper verschrieben hat, sondern ein spezielles Faible für die so genannte leichte Muse hat: Wiebke Hetmanek nimmt Operette und Musical verdammt ernst – und liebt sie leidenschaftlich. Nach „Funny Girl“ folgt nun mit „Roxy und ihr Wunderteam“ ihre zweite Ausgrabung am Theater Dortmund. Geboren in Kiel, studierte Wiebke Hetmanek Musikwissenschaft, Literaturwissenschaft und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften an den Universitäten Bochum und Köln. Erste Station ihrer beruflichen Laufbahn war die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg, es folgte das Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, und seit 2011 die Oper Dortmund. Wiebke Hetmanek ist außerdem die sehr erfolgreiche Autorin der Kinderopern „Der kleine Barbier oder Eine haarige Angelegenheit“, „Kaimakan und Pappatatschi oder Piraten fluchen nicht“ sowie „Ritter Eisenfraß“.

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