Piranhas mit Erdbeermarmelade – Ferien im Theater Dortmund

Ferien im Theater, das erinnert immer ein wenig an die längst vergangene Schulzeit. So wie damals die großen Ferien sechs Wochen dauerten und alle gemeinsam, also Lehrer und Schüler, sich in die Sommerpause aufmachten, gehen vom Intendanten bis zum Hospitanten alle in den tarifrechtlichen Jahresurlaub. Während man allerdings in anderen Berufen die sechs Wochen Urlaub über das gesamte Jahr verteilen darf, können Theaterleute, wie einst als Pennäler, die gesamten 30 Tage auf einmal verprassen.
Für sechs volle Wochen kommt folglich die künstlerische Grundversorgung zum Stillstand und bietet einen Eindruck, wenn Forderungen derer umgesetzt würden, die Kultur mit „Deutschland sucht den Superstar“ als ausreichend ansehen und Kulturfinanzierung am liebsten gänzlich zusammendampfen würden.
Sechs volle Wochen wird dementsprechend auch das Theater Dortmund künstlerisch verwaist sein. Dabei setzt der Stillstand abrupt ein, weil schließlich bis zur letzten Minute der Spielzeit Vorstellungen gespielt oder für kommende Produktionen probiert wird.
Da in der Oper und im Ballett Dortmund Menschen aus allen Kontinenten und Ländern arbeiten, bieten die großen Theaterferien endlich Zeit, Familie oder alte Freunde und Bekannte zu besuchen und wiederzusehen. Was machen also unsere Künstlerinnen und Künstler in ihrem Urlaub? Drei Damen und ein Herr geben Auskunft, wie sie den Sommer 2015 verbringen.

Emily Newton

Eine, die bis zum Schluss am 28. Juni auf der Bühne stehen wird, ist Emily Newton. Die Sopranistin aus Texas wird als Donna Elvira in „Don Giovanni“ auf der Bühne zu sehen und als eine der letzten in den Urlaub gehen. Nun wäre es naheliegend anzunehmen, dass Emily gleich am nächsten Tag das erst beste Flugzeug besteigt, um mit ihrem Mann in den heimischen Lonestar State zu fliegen und die Segnungen der wieder boomenden US-Wirtschaft bei ca. 38° C zu genießen. Doch nichts könnte Emily ferner sein als das. Emily Newton ist nämlich so etwas wie die Elly Beinhorn der Sopranistinnen, was ihre Abenteuerlust oder ihr Draufgängertum angeht. Wenn sie nicht gerade auf der Bühne des Dortmunder Opernhauses steht, springt sie aus Flugzeugen – natürlich mit Fallschirm – oder taucht mit Haien, das jedoch nicht in einem Sicherheitskäfig, so etwas Langweiliges käme für E.N. nicht in Frage. Und so kommt es, dass sich Emily im Sommer 2015 einen langen Traum erfüllen wird. Mit ihrem Mann Kenneth Mattice wird sie sich auf die Spuren der Inkas, oder jedenfalls dem, was davon übrig geblieben ist, begeben. Von der Hauptstadt Lima geht es in die Andenstadt Cusco in 3.400 Meter Höhe, um sich ein wenig zu akklimatisieren. Allerdings ist Cusco nur ein erster Zwischenstopp. Das eigentliche Ziel sind die Ruinen der alten Inkastadt Choquequirao. Ein kurzer Gedanke des Entdeckerpaares Newton-Mattice war es, auf den Inkatrail nach Machu Picchu zu wandern. Doch die Vorstellung, Teil einer organisierten Reisegruppe zu sein, die dort zu den bekannten Sehenswürdigkeiten im klimatisierten Bus und mit ausreichend Kaltgetränken hingekarrt wird, entsprach nicht so ganz dem, was sich die beiden unter einem Entspannungsurlaub vorstellten. Also wird man fünf Tage völlig alleine durch die Berge nach Choquequirao wandern, um sich in wahrhaftiger Ruhe die alte Inkastadt anzusehen. Einziger Begleiter wird ein Maultier sein, das das Notwendigste tragen wird. Geschlafen wird im Zelt und die Versorgung wird aus dem bestehen, was die auf der Route liegenden Dörfer bereithalten. Über Arequipa und dem Colca Canyon geht es dann nach Iquitos und in den Regenwald. Ein weiteres Highlight wird eine Bootsfahrt auf dem Amazonas sein. Emily hofft dabei auf eine Begegnung mit den berüchtigten Piranhas, um denen mal gehörig auf den Zahn zu fühlen.

Clara Carolina Sozano Hernandez

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Etwas weiter nördlich in Südamerika wird Clara Carolina Sorzano Hernandez ihren Urlaub verbringen. In Venezuelas Hauptstadt Caracas besucht die Solistin des Balletts Dortmund ihre Familie und will so viele Freunde und alte Bekannte wie möglich zu treffen. Besonders freut sie sich, ihren Bruder zu sehen, der in der Colonia Tovar vor den Toren Caracas zuhause ist und das „deutscheste“ Haus Südamerikas besitzt. Deutsches Haus deswegen, weil es in dieser Form auch im Schwarzwald, Oberpfaffenhofen oder Oberammergau stehen könnte, inklusive Doppelverglasung und siebenfacher Mülltrennung. Das Treffen im „südamerikanischen Deutschland“ ist ein alljährliches Ritual der Familie Sorzano Hernandez. Und obwohl sich Clara hauptsächlich nur entspannen will, hat sie auch in diesem Jahr wieder vor, Kindern in Caracas Tanz- und Ballettstunden zu geben, die sich sonst solche Stunden nicht leisten könnten. Venezuela hat nicht wirklich eine Tanztradition, wie es die europäischen Länder haben, was Clara jedoch nicht davon abhält, Ballett mehr und mehr auch in Venezuela bekannt zu machen. Die Talente sind da, nur die Möglichkeiten den Tanzberuf auszuüben fehlen, weswegen fast alle venezuelanischen Tänzerinnen und Tänzer im Ausland arbeiten müssen. Deswegen verfolgt Clara immer im Sommer ihren Plan, Strukturen in Caracas zu schaffen, die Tanzcompagnien fördern und damit professionellen Tanz auch in diesem südamerikanischen Land zu ermöglichen.

Gal Mazor Mahzari

GalMahzari

Weiter östlich auf dem Globus wird Claras Kollege vom Dortmunder Ballett Gal Mazor Mahzari einen Teil seiner Ferien verbringen. Nach drei Jahren wird Gal wieder seine Familie und Freunde in seiner Heimatstadt Rosh-HaAyin in Israel besuchen. Nach dem Gal lange Zeit nicht in Israel war, ist er sehr gespannt darauf, wie sich das Land in den letzten Jahren verändert und weiterentwickelt hat. Gal meint, dass sich einiges für ihn und seine Wahrnehmung auf sein Heimatland differenzierter darstellt, seit dem er mit 17 Jahren Israel verließ, um seine Karriere als Tänzer zu verfolgen. Dieser Weg führte ihn über New York und Philadelphia nach Dortmund. Besonders freut er sich darauf, Freunde aus der Schulzeit zu sehen, die er früher täglich traf. Und natürlich wird er auch nach Tel Aviv fahren, die wohl großartigste und lebenswerteste Metropole im östlichen Mittelmeer. Aber Gal wird nicht die gesamten sechs Wochen in Israel verbringen. Einen Teil der Ferien wird er mit den tschechischen Choreographen Jiri und Otto Bubenicheck in Prag verbringen, um mit ihnen an einem neuen Tanzprojekt zu arbeiten. Die drei hatten bereits während der Produktion „Drei Streifen: Tanz!“ des Ballett Dortmund zusammengearbeitet.

Tamara Weimerich

TamaraWeimerich

Wenn am 28. Juni der Vorhang zur letzten „Don Giovanni“-Vorstellung im Opernhaus fällt, wird die Spielzeit 2014/15 auch erst dann für Tamara Weimerich vorbei sein. Große Urlaubspläne hat Tamara nicht und wird die kommenden sechs Wochen – abgesehen von ein paar Tagestrips in die Umgebung – in Dortmund verbringen. Ihr 18 Monate alter Sohn Jakob hält sie derart auf Trapp, dass An- und Abreisetermine, Hotelbuchungen, Ausflugsreservierungen und Gepäckaufgaben so ziemlich das Letzte sind, worum sich Tamara in diesem Sommer kümmern will. Nach ihren Rollen in „Don Giovanni“, „Anatevka“, „Saul“ und „Vom Mädchen, das nicht schlafen wollte“ möchte sie einfach nur entspannen, ausschlafen, lesen und den Tag mit ihrem Sohn verbringen. Alles Tätigkeiten, die man in Dortmund mit seinen ca. 90 Regentagen im Sommer auch hervorragend machen kann. Was sie jedoch auch vor hat, ist das Einkochen von Erdbeermarmelade. Tamaras Kochkünste haben ihr nämlich branchenintern den Namen „Martha Stewart der Opernwelt“ eingebracht und ihre Erdbeermarmelade – auch im Dortmunder Musiktheater als „Tamara´s Pure Strawberry Preserves“ bekannt – genießt im Theater Dortmund einen Ruf, vergleichbar mit dem einer Flasche Château Margaux 2009 oder iranischem Beluga-Kaviars. Am Theater Dortmund ist Tamaras Marmelade so etwas, wie eine inoffizielle Währung, die mitunter äußerst erfolgreich auch in festgefahrensten Situationen als „Problemlöser“ eingesetzt wurde und dem Ausdruck, „damit läuft´s, wie geschmiert“ eine recht eigene und neue Bedeutung gegeben hat.

Natürlich werden neben den vier genannten Personen noch viele weitere Beschäftigte des Theaters Dortmund ihre Ferien irgendwie und irgendwo verbringen. Mit Menschen aus 80 Ländern kann das Theater Dortmund den gesamten Globus mit Urlaubsgeschichten abdecken, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Aber egal, ob die Frauen und Männer des Theaters ihren Urlaub in der wasserreichen Metropole Westfalens, in den Bergen vor Caracas, in den sanften Hügeln des Heiligen Landes oder im Dschungel des Amazonas und bei den Überbleibseln der Inkas verbringen werden, ab dem 13. August werden alle zusammen wieder das Opernhaus zum Vibrieren bringen.

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