„Tristan und Isolde“ 1917 in Dortmund

„Tristan und Isolde“ 1917 in Dortmund

Was man auf Flohmärkten nicht alles entdecken kann: zum Beispiel einen Aushang von 1917, der eine Vorstellung von Tristan und Isolde im Dortmunder Stadttheater ankündigt. Hofopernsänger Max Krauss – der übrigens nicht, wie man meinen könnte, den Tristan, sondern seinen Getreuen Kurwenal gesungen hat – ist uns heute kein Begriff mehr, ebenso wenig die anderen Beteiligten der Aufführung. Aber dass im bitteren Kriegsjahr 1917 überhaupt eine Aufführung von Wagners Riesenwerk zustande kommen konnte und auch noch ausverkauft war, bezeugt die Sehnsucht der damaligen Dortmunder Bevölkerung, auch in schwersten Zeiten große Theateraufführungen zu sehen!
Mit der Aufführungsdauer von 4 ¼ Stunden schaffte man den Tristan in Rekordzeit, allerdings ließ man dafür auch die Ouvertüre weg; schade, denn die ist eines der erstaunlichsten Musikstücke aller Zeiten.
Was den unten aufgelisteten Rest des Spielplans angeht: Da ist mancher Klassiker dabei, aber auch Stücke, die längst in der Versenkung verschwunden sind. Gezeigt wurde zur Weihnachtszeit auch Hänsel und Gretel des Wagner-Verehrers Engelbert Humperdinck, das auch in dieser Spielzeit wieder gemeinsam mit Tristan und Isolde auf dem Programm der Oper Dortmund steht.

Plakat_Tristan_und_Isolde

Vielen Dank an unsere Kollegin Michaela Schloemann für diesen historischen Fund aus der Dortmunder Theatergeschichte!

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Georg Holzer

Hier sieht man ihn an des Dramaturgen Lieblingsplatz: dem Schreibtisch. Georg Holzer ist mit seiner umfassenden Bildung, seinen klugen Ideen und seinen Formulierungskünsten so etwas wie der „Think Tank“ der Oper Dortmund. Wer einmal eine seiner übrigens brillanten Einführungen gehört hat, weiß: Georg Holzer kommt aus Bayern. Studiert hat er dann aber in Berlin, Poitiers und Florenz, bis er als Dramaturgie- und Regieassistent sein erstes Theaterengagement an den traditionsreichen Münchner Kammerspielen antrat. Heute ist er Chefdramaturg der Oper Dortmund. Überdies ist er auch ein gefragter Übersetzer, nicht nur der Übertitel der Oper Dortmund, sondern auch diverser Theaterstücke und insbesondere französischer Lyrik. Den nötigen Ausgleich zu so viel Kopfarbeit findet er bei ausgedehnten Jogging-Runden durch Dortmunds Parks.

There are 2 comments for this article
  1. Henning at 22:33

    Die „Rekordzeit“ von 4 1/4 Stunden ist leicht zu erklären: Bis um die Mitte des 20. Jahrhunderts waren Kürzungen üblich, die im 2. und 3. Akt je etwa zehn Minuten einsparten und vor allem dem Sänger des Tristan zur Erleichterung dienten. Die aus der Zeit vor 1950 erhaltenen Aufführungsmitschnitte von Met, Covent Garden usw. haben alle diese Kürzungen. Mit diesen Strichen dauerte die Oper etwa 3 1/4 bis 3 1/2 Stunden, mit zwei Pausen ergeben sich die 4 1/4 Stunden.

    Dass man die „Ouvertüre“ weggelassen hätte, halte ich für völlig ausgeschlossen. Der Satz „Der Oper geht eine Ouvertüre nicht voraus“ bedeutet vielmehr: Das Werk hat keine abgetrennte Ouvertüre, nach der applaudiert wird und zu spät gekommene Besucher noch eingelassen werden. Sondern die Orchestereinleitung ist ein Vorspiel, das nahtlos in den ersten Akt übergeht, weshalb ein Einlass von Zuspätkommern nicht möglich ist.

    Das sollte man doch wohl wissen, Herr Dramaturg.

  2. Harry at 9:00

    So ist es mit einer Theater-Vorstellung: Ist sie vorüber, ist sie auch schon „Schnee von gestern“. In diesem Falle: Den Sängern ergeht es nicht anders! Sie können noch so viel bewundert werden, wenn sie in ein anderes Engagement wechseln und darüber viele Jahre vergehen, sind sie vergessen. Einzig in der Erinnerung des Publikums bleiben sie „lebendig“. Jüngstes Dortmunder Beispiel: Zum 50-jährigen Bestehen des Großen Hauses wurde weder in einer Festschrift, nicht im Theater-Magazin und nicht in der Presse an künstlerische Großtaten erinnert!
    Fast 100 Jahre nach der zitierten Tristan-Aufführung sei deshalb angemerkt:
    Nach Engagements in St. Gallen, Aachen und an der damaligen „Hofoper“ in Hannover, war der Bass-Bariton MAX KRAUSS (1886-1968) freiberuflich tätig und gastierte an großen deutschen und europäischen Bühnen. In Dortmund (1917/18) ist der nach dem Kurwenal auch als Telramund aufgetreten. – Der Bassist LUDOLF BODMER begann seine Bühnen-Laufbahn 1904/05 in Dortmund (Eröffnungsspielzeit des Dülferschen Hauses). Nach Stationen in Mülhausen/Elsass, Augsburg, Hannover und Braunschweig kam es in Dortmund zu einem außerordentlich erfolgreichen Anstellungs-Gastspiel als Sarastro. Ab 1916/17 wirkte er hier als „1. seriöser Bass“, sang alle Fachpartien in mehreren Neuinszierungen und erfreute sich größter Beliebtheit und Wertschätzung. Im Frühjahr 1933 wurde Bodmer (mit weiteren Kollegen) von den Nazis, den braunen „Schöngeistern“, aus unserer Stadt verjagt. Dieses Künstlerschicksal MUSS man kennen, und es darf niemals vergessen werden! – Von der damaligen „Hofoper“ in Weimar kam der lyrische Tenor MAX NICOLAUS 1916/17 nach Dortmund. Bis 1925/26 war er in einem umfangreichen Repertoire zu erleben. Nach seinem Bühnenabschied wirkte er als Pädagoge und Leiter der Opernschule am Dortmunder Konservatorium und muss als „Institution“ im Dortmunder Musikleben in Erinnerung bleiben!

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