10 Dinge, die Sie über „Der Nussknacker“ wissen sollten

10 Dinge, die Sie über „Der Nussknacker“ wissen sollten

Wussten Sie eigentlich…

… dass das Ballett „Der Nussknacker“ bei seiner Uraufführung 1892 am Marinski-Theater in St. Petersburg durchgefallen ist?
Unvorstellbar, denn heute zählt er zu den meistgespielten Tanzschöpfungen von Peter I. Tschaikowsky. Grund dafür war ein Chaos am Ende des 1. Aktes. Man hatte gänzlich bühnenunerfahrene Kinder auftreten lassen, die mitten in der turbulenten Schlacht zwischen Nussknacker und Mäusekönig die Orientierung verloren.

… dass im „Nussknacker“ erstmals ein ganz besonderes Instrument zu hören ist?
Tschaikowsky hatte in Paris ein seltsames Instrument ausfindig gemacht, ein hohes Glockenspiel mit Klaviertastatur. Er war von dem überirdischen Klang dieser Erfindung eines französischen Instrumentenbauers dermaßen angetan, dass er es erwarb. Ursprünglich wollte er es für eine seiner sinfonischen Dichtungen verwenden, dann aber besann er sich und verlieh damit dem Auftritt der Zuckerfee in „Der Nussknacker“ sein unverwechselbares Klanggepräge. Das Instrument heißt „Celesta“ und ist heute fester Bestandteil jedes Orchesters.

… dass es fast nicht zur Aufführung des Balletts gekommen wäre?
Der Intendant des Marinski-Theaters und der Ballettmeister, der legendäre Marius Petipa, zerstritten sich während der Konzeption der Produktion. Die Premiere wurde mehrmals verschoben, weil die beiden sich nicht über die Gestaltung und die Anzahl der Tänze in den beiden Akten einigen konnten. Wäre das Bühnenbild nicht bereits gebaut gewesen und die Kostüme geschneidert, sie hätten die Premiere abgesagt.

 … dass Tschaikowsky seine hinreißende Musik eigentlich gar nicht komponieren wollte?
Sein allererstes Ballett, „Schwanensee“, fiel bei der Premiere 1877 gnadenlos durch. Schuld daran waren die unbeholfene Choreographie und die Musik, die für das damalige Publikum viel zu neuartig war. Sein zweites Ballett „Dornröschen“ fand schon mehr Beachtung. Tschaikowsky selbst aber sah sich mehr als Opernkomponist und Symphoniker. Er arbeitete gerade an einer Oper. Sie war ihm wichtiger als das Ballett. Heute ist sie beinahe vergessen. Den „Nussknacker“ dagegen kennt jeder.

… dass ein tragisches Ereignis ihn zur Komposition anregte?
Tschaikowsky stand vor seiner ersten Welttournee, die ich bis New York, Philadelphia und Baltimore bringen sollte. Da erfuhr er, dass seine geliebte Schwester Alexandra plötzlich verstorben war. Im Kreis ihrer Familie hatte er sich immer wohl gefühlt. Die schreckliche Nachricht regte ihn an, seiner Schwester und ihrer Familie ein Denkmal zu setzen. Mit der liebevollen Schilderung des Weihnachtsfests im ersten Akt von „Der Nussknacker“ tat er es.

 … dass Tschaikowsky ein Vater der Filmmusik ist?
Schon in der Stummfilmära, als Kinovorführungen von Pianisten oder Kinoorganisten live begleitet wurden, fanden sich viele Charakterstücke aus dem „Nussknacker“ in ihrem Repertoire. Große Filmkomponisten der frühen Tonfilmära bedienten sich aus Tschaikowskys Melodienschatz. So wurde der legendäre Horrorstreifen „Die Mumie“ mit Boris Karloff in der Titelrolle mit Musik von Tschaikowsky unterlegt. 1940 gestaltete Walt Disney einen Teil seines legendären Streifens „Fantasia“ mit Ausschnitten aus der „Nussknacker-Suite“. Dirigent Lepold Stokowski musste zu diesem Zweck die Partitur kaum für die damalige Aufnahmetechnik bearbeiten. Tschaikowsky war der geborene Filmkomponist.

… dass „Der Nussknacker“ sechzig Jahre brauchte, um ein Welterfolg zu werden?
Tschaikowskys „Nussknacker“-Musik fand schon bald Eingang ins Konzertrepertoire. Das Ballett dagegen fand nur zögerlich seinen Weg nach Westen. Lange Zeit wurde es im Repertoire des Marinski-Theaters gehalten, aber von anderen Theatern nicht nachgespielt. Erst nach der russischen Revolution gelangte es in den Westen, wurde dort aber kaum zur Kenntnis genommen. Erst Mitte der Fünfziger Jahre inszenierte es George Balanchine, der große Vordenker des Tanzes, in den USA. Seither ist es dort – mehr noch als „Schwanensee“ – der Inbegriff für klassisches Ballett.

… wie der Choreograph des Dortmunder „Nussknacker“, Benjamin Millepied, das Tanzen lernte?
Von seiner Mutter, Catherine Flori, die selbst Tänzerin war. Er war damals acht Jahre. Später studierte er in Lyon und bald schon an der renommierten School of American Ballett. Zehn Jahre war er dann erster Solist des New York City Balletts, das einst George Balanchine gegründet hat, jener George Balanchine, der dem „Nussknacker“ zu Weltruhm verhalf.

… dass der Bühnen- und Kostümdesigner der Produktion nicht nur fürs Theater arbeitet?
Paul Cox ist einer der angesehendsten Kinderbuchillustratoren Frankreichs. Geboren 1959 in Paris, hat der vielseitige Künstler auch Firmenlogos gestaltet und ungewöhnliche Raumkonzepte entwickelt, u.a. für ein Jesuitenkloster in Chaumont, sowie ungewöhnliche Kunst-Aktionen im Pariser Centre Georges Pompidou und im Salon d’Art in Brüssel initiiert.

This article was written by
Christian Baier

Christian Baier, geboren in Wien. Musiktheaterdramaturg und Schriftsteller. Nach seiner Tätigkeit als Chefredakteur der Österreichischen Musikzeitschrift war er Chefdramaturg der Wiener Festwochen, der Wuppertaler Bühnen und des Theater Dortmund sowie Künstlerischer Produktionsleiter in der Intendanz der Deutschen Oper Berlin. Daneben zahlreiche Gastdramaturgien, u.a. Semperoper Dresden, Theater an der Wien, Landestheater Linz, Musiktheater im Revier Gelsenkirchen und Hong Kong Ballett. Seit 2006 arbeitet er mit Xin Peng Wang zusammen. Seit 2011 ist er Chefdramaturg des Ballett Dortmund, seit 2013 Künstlerischer Leiter der Internationalen Gluck Opern Festspiele.

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