10 Dinge, die Sie über „Hänsel und Gretel“ wissen sollten

Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald…
… so auch in Humperdincks Oper. Bei Einbruch der Dunkelheit finden die Geschwister den Weg nicht mehr zurück und müssen die Nacht im Wald verbringen. Gut ausgeschlafen und bester Laune entdecken sie am nächsten Morgen ganz in der Nähe ein Lebkuchenhaus. Da sie noch nicht gefrühstückt haben – und das Essen in ihrer Familie sowieso sehr knapp ist – machen sie sich mit großem Appetit über das leckere Häuschen her. Nicht ahnend, dass dessen Eigentümerin eine Hexe ist, die selbst Hunger hat: auf Kinder. Mit falscher Freundlichkeit macht sie sich den Kindern zunächst vertraut, sperrt dann aber Hänsel in einen Käfig, um ihn zu mästen. Gretel muss den Ofen anheizen, sie soll das erste Opfer der Hexe werden. Diese hat aber nicht mit dem Mut und Witz der Kinder gerechnet. Gretel gelingt es, die Hexe selbst in den Ofen zu schieben. Mit lautem Wutgeschrei fährt sie auf ihrem Besen zum Schornstein hinaus. Hänsel und Gretel sind befreit, und zu guter Letzt finden auch Vater und Mutter ihre geliebten Kinder wieder, die sie die ganze Nacht gesucht haben.

Es war einmal…
Gesucht haben? Waren es nicht die Eltern selbst oder zumindest die Stiefmutter, die die Kinder absichtlich in den tiefen Wald gelockt haben, um zwei Esser weniger am Tisch zu haben? So zumindest steht es in dem „Deutschen Märchenbuch“ von Ludwig Bechstein oder in den gesammelten Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. „Hänsel und Gretel“ ist eines der bekanntesten und grausamsten Märchen. Es war schon Teil der ersten Ausgabe der grimmschen Sammlung von 1812, wurde aber für spätere Auflagen immer wieder modifiziert. Sind es in der Erstfassung zum Beispiel noch beide Eltern, die die Kinder im Wald aussetzen, ist es in späteren Bearbeitungen nunmehr die Mutter allein und in den letzten Fassungen schließlich eine böse Stiefmutter. Von einer erwachsenen Leserschaft, auf die Märchen noch im 18. Jahrhundert zugeschnitten waren, fokussierten die Grimms immer stärker auf Kinder als Zuhörerschaft.

Rosina Leckermaul
Für Adelheid Wette, die Schwester von Engelbert Humperdinck und eine der Librettisten der Oper, war das Märchen aber auch in dieser gemäßigten Fassung noch zu grausam. Sie erfand eine eigene Variante: Die Mutter schickt ihre beiden Kinder nicht in böser Absicht in den Wald, sondern als kleine Bestrafung für nichterfüllte Aufgaben. Sie sollen Erdbeeren für das Abendbrot pflücken.
Wettes Eingriff verändert den Kern der Erzählung, denn er hebt die Parallelen zwischen Mutter und Hexe auf, von denen es in der ursprünglichen Märchenversion zahlreiche gibt und die die eine Figur zum Alter Ego der anderen macht. Indem Hänsel und Gretel die Hexe töten, überwinden sie symbolisch auch die grausame Stiefmutter. Der Lohn für das beherzte Handeln der Kinder folgt auf dem Fuß: Perlen und Edelsteine finden sich im Hexenhaus, und zuhause ist die Stiefmutter inzwischen gestorben. Dem Vater, lediglich ein Mitläufer, wird verziehen. Die Hexe der Oper, Rosina Leckermaul, ist zu einer „Bilderbuchhexe“ zusammengeschrumpft – mit mehr humoristischen als bedrohlichen Zügen.

„Familienübel“
Adelheid bat ihren Bruder per Brief um die Komposition einiger Lieder für ein kleines Märchenspiel, das im Familienkreis zum Geburtstag des Schwagers aufgeführt werden sollte. Humperdinck schickte postwendend die bestellten vier Lieder, die Aufführung wurde in Abwesenheit Engelberts ein großer Erfolg. So groß, dass die Familie ihn am darauffolgenden Pfingstwochenende erwartete, um ihn zur Ausarbeitung des kleinen Märchenspiels zu einem Singspiel zu überreden.
Die Idee dazu hatte sein Schwager und Jugendfreund Hermann Wette. Der Arzt und Schriftsteller griff selbst zur Feder und steuerte zahlreiche Verse bei, während Humperdincks Vater die Szene zwischen den Eltern ausformulierte. Der ursprüngliche Text von Adelheid wurde zudem durch die Figuren Sand- und Taumännchen sowie die Kuchenkinder ergänzt. Das Bild vom Hand-in-Hand-arbeitenden Geschwisterpaar, das Adelheid Wette später verkaufen wollte, war also eher ein Marketingtrick: „Hänsel und Gretel“ war ein Familienprojekt, von Humperdinck auch gern mal als „Familienübel“ bezeichnet.

Ein „Cassenstück ersten Ranges“
Dennoch ging es nicht nur um eine Liebhaberei am Familientisch. Humperdinck hatte sich als Komponist selbst noch nicht gefunden, hatte Projekte angefangen und wieder aufgegeben. Von seiner künstlerischen Krise hing aber nicht nur seine berufliche Laufbahn ab, sondern auch sein privates Glück: Die Eltern seiner Verlobten Hedwig Taxer hatten klare finanzielle Voraussetzungen an die Erlaubnis der Eheschließung geknüpft. Mit seinem Gehalt als Lektor beim Musikverleger Schott konnte er ihre Erwartungen nicht erfüllen.
„Hänsel und Gretel“ erschien allen als ein reelles und erfolgversprechendes Projekt, es sollte ein „Cassenstück ersten Ranges“ werden. Und nicht nur Humperdinck hoffte, dadurch die geplante Hochzeit voranzutreiben. Die kinderreiche Familie Wette litt ebenfalls unter arger Geldnot. Auch sie versprach sich durch die Einnahme von Tantiemen eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage.

Ein Weihnachtsstück?
Alle Häuser, denen Humperdinck das Werk zur Uraufführung andiente, planten eine Aufführungsserie in der Vorweihnachtszeit. Obwohl Erdbeerenpflücken nicht gerade eine winterliche Beschäftigung ist, wurde „Hänsel und Gretel“, ähnlich wie das Märchen, zum Weihnachtsstück schlechthin.
Den Zuschlag für die Uraufführung erhielt München, Karlsruhe sollte folgen und Weimar unter der musikalischen Leitung von Richard Strauss vor Weihnachten noch zwei Benefiz-Vorstellungen aufführen. Die Grippewelle überantwortete dann aber dem Komponistenkollegen Strauss die Uraufführung – obwohl auch in Weimar das Orchester durch Influenza ausgedünnt und Hänsel sich den Fuß vertreten hatte. Für die mäßige Uraufführung am 23. Dezember 1893 wurde Humperdinck durch zahlreiche Folgeproduktionen entschädigt – bereits 1894 eroberte sich „Hänsel und Gretel“ viele der deutschen Bühnen und von da aus die der ganzen Welt.

Der Wagnerianer
„Seit ich zu Wagner nach Bayreuth gekommen bin, hat es mit der eigenen Produktion ein plötzliches Ende genommen“, schrieb Engelbert Humperdinck an seine Eltern. „Die Hauptsache ist, dass ich mich selbst wiederfinde.“ Und das hat etwas gedauert. Humperdinck war ein glühender Wagnerianer und enger Mitarbeiter des „Meisters aus Bayreuth“ gewesen. Sein Tod 1883 stürzte ihn in eine schwere künstlerische und persönliche Krise. Es brauchte den Anstoß und die Unterstützung der gesamten Familie sowie einige Jahre Entstehungszeit, bis Humperdinck mit „Hänsel und Gretel“ seine erste Oper komponiert und zu einem eigenen Stil gefunden hat.

„Ein Kinderstubenweihfestspiel“
Doch natürlich erging es ihm nicht anders wie den meisten seiner Zeitgenossen; das Werk Richard Wagners hat auch bei ihm Spuren hinterlassen: Nachdem Humperdinck zunächst lange Zeit an der Singspielfassung von „Hänsel und Gretel“ gearbeitet hatte, fasste er schließlich den Entschluss, das Werk durchzukomponieren, d.h. auf Dialoge oder Rezitative zu verzichten. Die Entscheidung kostete ihn zwei Jahre, und sie hat mit Wagner zu tun, da dieser mit seinem Werk konsequent die Idee des durchkomponierten Musikdramas mit seiner „unendlichen Melodie“ und einer dichten Verflechtung von Leitmotiven verfochten hatte. Im Gegensatz zu Wagner, setzt Humperdinck jedoch weiterhin auf geschlossene Formen, indem er zum Beispiel in seine Partitur kleine Lieder einflicht. Und Motive, die sich bei ihm mit bestimmten Personen oder Situationen verbinden, tauchen lediglich als Erinnerungsmotiv wieder auf. Eine Verknüpfung von Motiven oder eine eigene semantische Ebene durch die Motive ist in seiner Partitur selten zu finden. Und noch ein Aspekt spricht gegen blindes Epigonentum: Humperdinck zeichnet im ersten Bild eine ganz realistische Szenerie. Er erzählt von Hunger und Armut, von der Verzweiflung der Mutter, vom Alkoholismus des Vaters – so etwas gibt es bei Wagner nicht.
Die Durchmischung von durchkomponiertem Musikdrama, Liedern und Realismus machen „Hänsel und Gretel“ zu einem eigenständigen Werk. Also kein „Kinderstubenweihfestspiel“, wie Humperdinck seine Märchenoper in Anspielung auf das „Bühnenweihfestspiel Parsifal“ scherzhaft nannte.

Kinderlieder
Das Verdikt des Kritikers Eduard Hanslick, „dass die nicht von Humperdinck komponierten Kinderlieder die melodische Essenz seiner Oper ausmachen“ beeinflusste lange Zeit die Beurteilung von „Hänsel und Gretel“. Was die Autorschaft der Kinderlieder angeht, muss man allerdings etwas differenzieren:
Engelbert Humperdinck beschäftigte sich ausgiebig mit dem Liedgut seiner rheinländischen Heimat. Durch seine Mutter lernte er zudem westfälische Volks- und Kinderlieder kennen. In „Hänsel und Gretel“ brachte er seine Kenntnisse ein, ging dabei jedoch unterschiedlich vor: Zwei Volkslieder hat er textlich und musikalisch nahezu unverändert in seine Partitur eingearbeitet: „Suse, liebe Suse“ und „Ein Männlein steht im Walde“. „Brüderchen, komm tanz mit mir“ ist dagegen eine „Erfindung“ von Komponist und Librettistin, die später allerdings so populär geworden ist, dass man ein Volkslied zu hören glaubt. Der Text des „Abendsegen“ stammt aus „Des Knaben Wunderhorn“, einer Sammlung von Volksliedern, die Achim von Arnim und Clemens Brentano zusammengestellt haben. Die choralartige Vertonung ist jedoch von Humperdinck selbst. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Volksliedzitate oder an Volkslieder gemahnende Passagen.

„Knusper, Knusper, Knäuschen…“
Jedes Jahr in der Adventszeit werden zahlreiche „Knusperhäuschen“ gebacken – Häuser aus Lebkuchen, deren Wände und Dächer mit Süßigkeiten beklebt werden. Der Ursprung dieses Brauches liegt im Dunkeln, mit dem christlichen Weihnachtsfest hat er wahrscheinlich wenig zu tun – obwohl es eine Theorie gibt, den Brauch auf den hebräischen Namen der Geburtsstadt Jesu, Bethlehem, zurückzuführen, der in etwa mit „Haus des Brotes“ zu übersetzen ist.
Schon im Märchen vom Schlaraffenland wird von Lebkuchenhäusern gesprochen. So zum Beispiel 1530 bei Hans Sachs: „Da sind die Häuser gedeckt mit Fladen, mit Lebkuchen Tür und Fensterladen.“ Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die vorweihnachtlichen Lebkuchenhäuser vom Märchen „Hänsel und Gretel“ inspiriert wurden. Erst im 19. Jahrhundert hatte sich der Lebkuchen zum typischen Weihnachtsgebäck entwickelt, und schließlich gehören auch die beiden Kinder und eine schaurige Hexenfigur aus Zuckerguss zu jedem echtem Knusperhäuschen.

This article was written by
Wiebke Hetmanek

Sie ist eine der wenigen Dramaturginnen Deutschlands, die sich nicht nur der Oper verschrieben hat, sondern ein spezielles Faible für die so genannte leichte Muse hat: Wiebke Hetmanek nimmt Operette und Musical verdammt ernst – und liebt sie leidenschaftlich. Nach „Funny Girl“ folgt nun mit „Roxy und ihr Wunderteam“ ihre zweite Ausgrabung am Theater Dortmund. Geboren in Kiel, studierte Wiebke Hetmanek Musikwissenschaft, Literaturwissenschaft und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften an den Universitäten Bochum und Köln. Erste Station ihrer beruflichen Laufbahn war die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg, es folgte das Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, und seit 2011 die Oper Dortmund. Wiebke Hetmanek ist außerdem die sehr erfolgreiche Autorin der Kinderopern „Der kleine Barbier oder Eine haarige Angelegenheit“, „Kaimakan und Pappatatschi oder Piraten fluchen nicht“ sowie „Ritter Eisenfraß“.

There is 1 comment for this article
  1. Angela Adhikari at 11:05

    Ganz herzlichen Dank für den guten Artikel! Wir sind in der Vorbereitung einer Aufführung von “Hänsel und Gretel” mit Klarinettenquartett und Vorleserin … da kommen die Infos gerade recht.

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