Nur nicht ans Tanzen denken!

Plié zur Da Capo-Arie? In Rinaldo ist eine Tanztruppe auf der Bühne. Olaf Reinecke tanzt selbst mit und ist Dance Captain der Produktion. Was er als solcher zu tun hat und wie der Tanz in dieser Barockoper aussieht, hat er Marie König im Gespräch verraten.

Wir bezeichnen Rinaldo gern als Barock-Musical. Siehst du auch im Tanz eine Parallele zum Musical?
Zunächst einmal gibt es so richtige „Show-Nummern“, die von Händel auch so gemeint sind, und die kommen natürlich auch im modernen Musical oft vor. Noch spannender ist aber, dass die Trennung der Sparten gewissermaßen aufgehoben wird.
In anderen Opern gibt es Ballett-Einlagen: die Tänzer kommen, machen ihre Nummer und gehen dann wieder. Hier sind die Tänzer als Darsteller in das gesamte Geschehen integriert! Es sind alle beteiligt, Musik und Tanz gehen eine Symbiose ein – auch, weil die Sänger tanzen. Ich glaube, das ist es, was ich daran Musical nennen würde. Das ist dieses Sparten-Übergreifende, alle machen alles. Also die Tänzer fangen nicht plötzlich an zu singen, aber ansonsten ist es nicht getrennt. (lacht) Meiner Meinung nach ist Rinaldo – vor allem für eine Oper – ein sehr bewegter Abend. Es passiert viel, es wird viel getanzt, es ist sehr viel Action auf der Bühne; und das wird ja auch eher dem Musical zugeschrieben als dem klassischen Musiktheater.

Wie würdest du das Tanz-Genre beschreiben, das wir in Rinaldo sehen?
Das ist schwer zu sagen. Natürlich kann man es Tanztheater nennen, das wäre aber ein bisschen zu kurz gegriffen. Es ist ein bunter Mix aus den Leuten, die es gestaltet haben. Der Choreograf Ramses Sigl hat einen sehr breiten Background, meine Erfahrungen kommen noch dazu und dann die Impulse der Tänzer, die auch aus unterschiedlichen Stilrichtungen kommen. Es ist etwas ganz eigenes und reagiert choreografisch auf die Situation, die wir in der Inszenierung vorfinden.

Welche Situation ist das?
Am Anfang verkörpern die Tänzer beispielsweise eine Gesellschaft der Business-Leute, die quasi – ich will jetzt nicht sagen, wie Maschinen – aber doch sehr auf Form gedrillt, sehr akkurat sind. In der Masse von so vielen Tänzern bilden sie einen Gegensatz zu Rinaldo, der anfänglich eher unsicher ist und nicht mehr so überzeugt von der ganzen Sache. Dieser Kontrast lässt sich körperlich sehr gut darstellen, finde ich. Natürlich gibt es noch viele weitere Rollen, welche die Tänzer einnehmen – und in denen sie die Oper um eine ganz eigene Ebene erweitern.

Was passiert in dieser Ebene?
Ich denke, der Tanz hilft wahnsinnig dabei, eine Stimmung zu verstärken, die sowieso in der Musik, im Gesang, in der Sprache vorhanden ist. Er hilft dabei, Dinge noch deutlicher zu machen – eine Aufgabe, die der Tanz in unterschiedlichen Zusammenhängen übernimmt.

Was ist deine Aufgabe als Dance Captain?
Letztes Jahr, als die Inszenierung in Bonn aufgeführt wurde, habe ich die choreografische Assistenz übernommen und den Choreografen Ramses Sigl unterstützt.
Da ich schon wusste, dass das Stück nach Dortmund kommen würde, habe ich mich außerdem verstärkt mit den Abläufen beschäftigt und geschaut, was bewegungsmäßig passiert. Nicht nur bei den Tänzern, sondern auch bei den Statisten und den Sängern. Das versuche ich jetzt auf die neue Situation und die neuen Darsteller zu übertragen; es an die Gegebenheiten anzupassen. Weil ich in Bonn alle Vorstellungen gespielt habe, weiß ich um die Probleme, die auf der Bühne so entstehen können. Ich weiß, wie viele Statisten in welchen Szenen auf der Bühne sind, wer wann welches Kostüm braucht und ob die Tür an dieser Stelle auf oder zu ist. Deshalb bin ich auch schon von allen Abteilungen hier auf solche Fragen hin gelöchert worden! (lacht) Viele Dinge geschehen hinter der Bühne oder im Bühnenbild, und von außen kann keiner sehen, wer was wie macht! Viele Probleme lassen sich hier im Vorfeld lösen, weil es jemanden gibt, der all das schon einmal miterlebt hat. Das ist vielleicht nicht direkt die Aufgabe eines Dance Captain, sondern einfach die Erfahrungsweitergabe dessen, was ich da mitbekommen habe.
Grundsätzlich bin ich dafür verantwortlich, dass die Qualität während der Vorstellungsserie erhalten bleibt. Also ich schaue, ob Auffrischungs- oder Verständigungsproben nötig sind und kümmere mich darum, dass die Choreografie richtig umgesetzt wird.

Ist es schwierig, mit den Sängern choreografisch zu arbeiten?
Es ist von Sänger zu Sänger unterschiedlich, aber grundsätzlich ist es schon schwierig, weil es noch einer Aufmerksamkeit mehr bedarf. Also zusätzlich zu den „normalen“ Gedanken wie: „Was muss ich singen, was muss ich spielen, ich muss noch auf den Dirigenten gucken, ich muss mit meinen Partnern agieren…“ kommt „Oh Gott, ich muss Choreografie machen, jetzt hab ich auch noch diesen Stress!“
Wenn ich Choreografie für Opern mache, muss ich den Sängern erst einmal diesen Stress nehmen. Allein das Wort „Choreografie“ ist immer so ein großer Berg. Den muss man wegnehmen und sagen: „Denk nicht tanzen, denk nicht Choreografie“. Für die Sänger ist es ja genauso wie für die Tänzer: Die Bewegungen sind aus dem Spiel entwickelt. Sie kommen nicht fremd irgendwoher, sondern sind aus der Figur heraus zu denken. Ab dem Moment, in dem die Sänger das verstehen und von dieser wahnsinnigen Angst wegkommen, geht es sehr einfach.

Das heißt also, die Choreografie kann sich auch an eine Person anpassen?
Ja! Generell ist es so – sowohl bei den Tänzern als auch bei den Sängern –, dass immer geschaut werden muss, was für diese Person jetzt gut und sinnvoll ist, was sie leisten kann. Auch, wenn wir die Inszenierung übernehmen, ist natürlich nicht alles zu 100% so, wie es war, weil es sich schon dadurch ändert, dass andere Personen die Rollen spielen.

Inwiefern kannst du dich selbst kreativ in die Choreografie mit einbringen?
An einigen Stellen gibt es sehr kleine Eingriffe in die Choreografie. Bei manchen Nummern hat die musikalische Leitung in Dortmund eine andere Vorstellung als die in Bonn. Dann ist plötzlich ein Tempo anders, und damit muss man umgehen. Manchmal funktioniert die Choreografie nicht mehr so richtig, weil es für die Tänzer viel zu schnell wird oder die Bewegungen bei einem langsameren Tempo nicht mehr klar genug das erzählen, was sie erzählen sollten. Außerdem ist es in der Barockmusik ja so, dass die Verzierungen sehr frei gesungen werden können. Manchmal kommt hinten plötzlich noch was dran, was es vorher nicht gab – und dann müssen die Choreografien gekürzt oder ergänzt werden. Dadurch, dass es andere Darsteller sind, muss man sowieso schauen, was an einzelnen Personen besser aussieht oder was eine Stärke des Tänzers oder der Tänzerin ist, und wie man diese noch besser in die Choreografie integrieren kann. Diese Änderungen sind aber nicht gravierend – ich mache nicht meine persönliche Choreografie dazu, sondern versuche, der ursprünglichen Idee gerecht zu werden.

Welche Szene ist tänzerisch die größte Herausforderung?
Ich glaube, die größte Herausforderung für das gesamte Ensemble ist Rinaldos Arie „Venti turbini“. In dieser Szene wird der Wind heraufbeschworen, die Drehbühne dreht sich, fast alle Darsteller sind auf der Bühne. Sie müssen gegen einen Wind anspielen, der immer stärker wird – und nicht real ist! Erst ist es nur ein laues Lüftchen, dann ein Sturm und später ein Orkan. Die Darsteller müssen nicht nur spielen, sondern auch noch die Bühne umbauen, immer, wenn sie nicht zu sehen sind. Das alles mit dem Orchester und der Bühnendrehung zu koordinieren, ist eine sehr große Herausforderung!

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