10 Dinge, die Sie über „Faust I“ wissen sollten

Die historische Vorlage
Dr. Johann Faust hat es tatsächlich gegeben. Vermutlich lebte er von 1480 bis 1540, also in der Übergangszeit vom abergläubischen Mittelalter und der „aufgeklärten“ Neuzeit. In mehreren Stadtchroniken und Traktaten wird er als Schwarzmagier, Astrologe und Wunderheiler erwähnt. Dem Neffen des Humanisten Ulrich von Hutten stellte er ein Horoskop, das tatsächlich eintraf. Ob es sich bei dem vielerorts Genannten tatsächlich um eine Person handelt, ist bis heute nicht geklärt. „Faust“ (vom italienischen „Fausto“) war in der Renaissance ein weit verbreiteter Name. Laut einem Bericht des Stadtschreibers von Staufen wurde er in der Nacht vom 5. April 1540 im Gasthaus „Zum Löwen“ vom Teufel geholt.

Legendenbildung
Um 1540 kursierten verschiedene Zauberbücher, die die teuflischen Beschwörungsformeln von Faust publik machen. 1587 verfasste der Buchdrucker Johann Spieß das Volksbuch „Historia von D. Johann Faustus“, das bald schon in viele Sprachen übersetzt wurde. So gelangte der Stoff nach England, wo ihn der Shakespeare-Zeitgenosse Christopher Marlowe erstmals dramatisierte.

Hundeshow
Im 16. und 17. Jahrhundert war der Stoff um den wissensdurstigen Gelehrten, der mit dem Teufel einen Pakt eingeht, sehr beliebt. Er war sogar Held einer Hundeshow, mit der der Augsburger Schausteller Rudolf Lange zwischen 1717 und 1721 durch die Lande zog. Die Darbietung muss so eindrucksvoll gewesen sein, dass Lange sogar mit der Inquisition in Konflikt kam und beinahe hingerichtet worden wäre.

Johann Wolfgang von Goethe
Johann Wolfgang von Goethe begegnete Faust erstmals bei einer Vorführung eines der unzähligen Puppenspiele, die dem Wissenschaftlicher, der Gott in die Karten schauen möchte, gewidmet waren. Zwischen seinem 21. und seinem 57. Lebensjahr wird sich der Dichterfürst intensiv mit dem Stoff auseinandersetzen. Zuerst verfasst er selbst ein Puppenspiel, ehe er sich der dramatischen Ausformung des Stoffes zum Menschheitsdrama widmet.

Die Gretchen-Tragödie
Die Gretchen-Tragödie ist ein wesentlicher Bestandteil von Goethes Drama. Faust, von Mephisto zum jungen Mann verwandelt, flirtet mit einem einfachen Bürgermädchen. Margarethe wird schwanger von ihm, er entzieht sich seiner Pflicht, sie tötet ihr Kind und wird dafür zum Tode verurteilt. Fausts Reue kommt zu spät. Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit. In seinen jungen Jahren war Goethe Jurist. Einer seiner ersten Fälle war jener der Kindsmörderin Susanna Margaretha Brandt. Der Fall machte viel Aufsehen in der Öffentlichkeit.

Die erste Faust-Oper
1797 wurde Faust zum Opernhelden. Johann Ignaz Walter widmet ihm ein „großes romantisches“ Bühnenwerk. Das Stück ist heute nahezu vergessen. Erst neunzehn Jahre später schuf Louis Spohr die erste gültige Faust-Oper. Sie war eines der meistgespielten Stücke ihrer Zeit und stand an Popularität dem „Freischütz“ von Carl Maria von Weber nicht nach.

Von Faust bis Frankenstein
In diesen Jahren entwickelt sich im englischen Sprachraum die „Gothic Novel“ – der Vorläufer des Horrorromans. Wichtigstes Werk dieser Strömung: Mary W. Shelleys „Frankenstein“. Ein Förderer von Mary W. Shelley war der exzentrische Lord Byron, der eine Kunstfigur schuf, die für das Geistesleben des 19. Jahrhunderts nicht minder bedeutsam ist wie Faust: Manfred. Peter I. Tschaikowsky widmet dieser Ikone des getriebenen Menschen eine symphonische Dichtung, die gerne als seine 7. Symphonie bezeichnet wird. Robert Schumann war sowohl von Faust als auch von Manfred so fasziniert, dass er über beide große symphonische Werke schuf.

Richard Wagner
Richard Wagner befasste sich intensiv mit Faust. Ihn zum Opernstoff zu machen, wagte er allerdings nicht. Eine gewaltige „Faust“-Symphonie sowie ein Liederzyklus nach Texten aus Goethes Drama zeugen von der tiefen Bewunderung.

Gustav Mahler
Die gigantomanischste Hommage an Goethe stellt Gustav Mahlers achte Symphonie dar. Das Riesenorchester und die obligaten Chöre sprengen bei der Uraufführung in München 1910 beinahe die Kapazität des Konzertsaales. Das Werk, auch als „Symphonie der Tausend“ bekannt, besteht aus zwei Sätzen. Der zweite ist die Vertonung des kompletten Finales (Fausts Himmelfahrt) aus dem zweiten Teil von Goethes Tragödie.

Das erste Faust Ballett
Das erste Faust-Ballett wurde am 12. Februar 1848 an der Mailänder Scala aufgeführt. Als Margarethe war damals die legendäre Fanny Elßler zu erleben, die erste Tänzerin, deren Röcke so kurz waren, dass man – Skandal, Skandal! – ihre Waden sehen konnte. Die Produktion wurde fünf Jahre später in St. Petersburg gezeigt. Dort tanzte ein gewisser Marius Petipa den Faust. Petipa wird später Ballettmeister des Petersburger Marinskij-Theaters und alle drei Ballette von Peter I. Tschaikowsky zum Weltruhm verhelfen

This article was written by
Christian Baier

Christian Baier, geboren in Wien. Musiktheaterdramaturg und Schriftsteller. Nach seiner Tätigkeit als Chefredakteur der Österreichischen Musikzeitschrift war er Chefdramaturg der Wiener Festwochen, der Wuppertaler Bühnen und des Theater Dortmund sowie Künstlerischer Produktionsleiter in der Intendanz der Deutschen Oper Berlin. Daneben zahlreiche Gastdramaturgien, u.a. Semperoper Dresden, Theater an der Wien, Landestheater Linz, Musiktheater im Revier Gelsenkirchen und Hong Kong Ballett. Seit 2006 arbeitet er mit Xin Peng Wang zusammen. Seit 2011 ist er Chefdramaturg des Ballett Dortmund, seit 2013 Künstlerischer Leiter der Internationalen Gluck Opern Festspiele.

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