10 Dinge, die Sie über „Next to Normal“ wissen sollten

Worum geht es?
Beglückend, schmerzhaft und unbedingt lohnenswert sei die Arbeit an dem Musical „Next to Normal“, schrieb der Regisseur der Uraufführung Michael Greif. Und warum? Weil es sich um ehrliche Charaktere drehe und ein aktuelles Thema, das fast jeden etwas angehe: Psychische Erkrankung. In „Next to Normal“ geht es um die gutbürgerliche Kleinfamilie Goodman: Dan und Diana mit ihren pubertierenden Kindern Gabe und Natalie. Doch ganz so normal, wie es auf den ersten Blick erscheint, sind sie eben nicht: Mutter Diana leidet unter einer bipolaren Störung, die sie und ihre Familie im Griff hat.

Die Idee zu dem Musical…
… hatte der Autor Brian Yorkey. Auf der Suche nach einem geeigneten Stoff für ein Kurzmusical, mit dem er sich gemeinsam mit Tom Kitt zum Abschluss eines Workshops präsentieren könnte, zappte er durch das nächtliche Fernsehprogramm und blieb an einer Dokumentation über Elektrokrampftherapie hängen. Diese gab ihm den Anstoß, ein Stück über eine psychisch kranke Frau und die Auswirkungen der Erkrankung auf ihre Umwelt zu schreiben.

Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt
An einer bipolaren affektiven Störung, die früher als manisch-depressiv bezeichnet wurde, leiden laut WHO etwa 2-3 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Ursachen für diese schwere psychische Erkrankung sind vielfältig und meist ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, darunter die genetische Disposition und psychosozialen Belastungen. Die Betroffenen sind großen Stimmungsschwankungen ausgesetzt, manische Episoden folgen auf depressive und umgekehrt. Aufgrund der unterschiedlichen Verläufe und individuellen Erscheinungsformen ist eine bipolare Störung schwer zu diagnostizieren – und noch schwerer zu behandeln. Wird die Krankheit nicht behandelt, bleibt die Gefahr schwerer Depressionen bzw. Manien bestehen, heilbar ist eine bipolare Störung jedoch nicht.

Therapieformen
An erster Stelle einer Therapie steht die Aufklärung des Patienten und nach Möglichkeit auch der Angehörigen; denn ohne die Bereitschaft des Betroffenen, sich behandeln zu lassen und die Unterstützung des sozialen Umfelds ist eine Therapie kaum möglich. Die Behandlung mit Medikamenten geht dabei Hand in Hand mit Psychotherapie und Psychoedukation. Bei letzterer lernt der Patient, die Symptome einer herannahenden Manie bzw. Depression frühzeitig zu erkennen und typische Auslöser zu vermeiden. Wenn die Medikamente nicht greifen, kommt auch die Elektrokrampftherapie zum Einsatz, bei der das Gehirn kurze Stromimpulse versetzt bekommt.

Preisgekrönt
Aus der zehnminütigen Abschlussarbeit „Feeling electric“ ist zehn Jahre später ein abendfüllendes Musical geworden, das wichtige Preise gewann: 3 Tony-Awards und den Pulitzer Prize for drama. Der Tony Award ist der wichtigste amerikanische Theaterpreis und vergleichbar mit dem Oscar für Filme. Er wird jährlich in 15 verschiedenen Kategorien an Stücke vergeben, die am Broadway gespielt haben. „Next to Normal“ wurde 2009 in zehn Kategorien nominiert und gewann drei: Partitur, Orchestration und beste Hauptdarstellerin.
Das Pendant zum Tony für die amerikanische Literatur ist der Pulitzer-Preis. Er wird für viele Formate vergeben, wie Romane, Reportagen, Karikatur und auch für Theaterstücke. „Next to Normal“ ist eines der wenigen Musicals, die mit dieser Auszeichnung geadelt wurden.

Das Team
Für die Produktion konnte die Oper Dortmund ein Team von Musicalspezialisten gewinnen. Stefan Huber, der mit „Evita“ und „Funny Girl“ bereits auf große Publikumserfolge in Dortmund verweisen kann, ist einer der gefragtesten Musicalregisseure im deutschsprachigen Raum. Huber setzt sich in seiner Arbeit immer wieder für selten gespielte Werke ein und initiiert Erst- und Uraufführungen. Oft arbeitet er dabei mit Kai Tietje zusammen, der sich nach seinen Engagements an den Vereinigten Bühnen Wien und als Musikalischer Leiter der Musicalsparte am Landestheater Linz zu einem der wenigen Fachmänner der Musicalliteratur in Deutschland entwickelt hat.

Über 600 Bewerbungen…
…hat die Oper Dortmund für die sechs Partien bekommen. In aufwändigen Auditions wurde die „Traumfamilie“ zusammengestellt: Mit Maya Hakvoort und Rob Fowler als Diana und Dan konnte Dortmund zwei Künstler gewinnen, die nicht nur renommierte und erfahrene Sänger sind, sondern auch hervorragende Schauspieler, die die unterschiedlichen Facetten dieser szenisch wie musikalisch anspruchsvollen Partien auszuloten verstehen. Ihre Kinder, Natalie und Gabe, werden von Eve Rades und Johannes Huth übernommen, zwei junge Darsteller (beide zurzeit bei „Hinterm Horizont“), die bei den Auditions mit ihrem natürlichen Spiel überzeugen konnten. Als Henry, Freund von Natalie und Fels in der Gefühlsbrandung, gastiert Dustin Smailes nach Stationen am Theater Hof („Frankenstein jr.“) und St. Gallen („Anything Goes“, „Flashdance“) zum ersten Mal in Dortmund. Ebenso wie Jörg Neubauer („Rebecca“, „Natürlich blond“, „Io Senza Te“), der den beiden Therapeuten Stimme und Gestalt verleiht.

Die Musik
„Next to Normal“ ist ein Band-Musical: Schlagzeug, Gitarre, Bass und Keyboard kommen mit Violine und Cello zusammen. Tom Kitt zitiert in seiner Partitur viele Stile: Rock- und Popmusik, Folk, Country… Die sechs Darsteller sind dabei nicht nur solistisch eingesetzt, sondern in einigen Nummern auch als Background-Chor.

LWL Klinik für Pychiatrie in Dortmund Aplerbeck
Bei der Vorbereitung auf das Stück hat das Team großartige Unterstützung bei Hans Joachim Thimm gefunden, leitender Oberarzt an der LWL Klinik für Psychiatrie in Dortmund-Aplerbeck. Nicht nur, dass er dem Team jederzeit mit seinem Fachwissen zur Verfügung steht, er hat den Darstellern auch ermöglicht, den Klinikalltag kennenzulernen, mit Ärzten, Patienten und Angehörigen zu sprechen.
Im Rahmen der „Landhauslesungen“ stellt das Ensemble das Musical am 29. Februar 2016 in einem öffentlichen Konzert vor.

Ein feel-everything-Musical
„Next to Normal“ sei ein feel-everything-Musical, schrieb der Kritiker der New York Times nach der Broadway-Premiere 2009. Dank des Librettos von Brian Yorkey besteht zu keinem Zeitpunkt die Gefahr, in tränenduselige Betroffenheit abzurutschen. Witzige und freche Nummern stehen neben berührenden Balladen, jeder Charakter wird ernst genommen, doch manche Szene auch bis zur Skurrilität überhöhnt. Lachen und Weinen liegen bei diesem Musical eng beieinander.

This article was written by
Wiebke Hetmanek

Sie ist eine der wenigen Dramaturginnen Deutschlands, die sich nicht nur der Oper verschrieben hat, sondern ein spezielles Faible für die so genannte leichte Muse hat: Wiebke Hetmanek nimmt Operette und Musical verdammt ernst – und liebt sie leidenschaftlich. Nach „Funny Girl“ folgt nun mit „Roxy und ihr Wunderteam“ ihre zweite Ausgrabung am Theater Dortmund. Geboren in Kiel, studierte Wiebke Hetmanek Musikwissenschaft, Literaturwissenschaft und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften an den Universitäten Bochum und Köln. Erste Station ihrer beruflichen Laufbahn war die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg, es folgte das Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, und seit 2011 die Oper Dortmund. Wiebke Hetmanek ist außerdem die sehr erfolgreiche Autorin der Kinderopern „Der kleine Barbier oder Eine haarige Angelegenheit“, „Kaimakan und Pappatatschi oder Piraten fluchen nicht“ sowie „Ritter Eisenfraß“.

There are 2 comments for this article
  1. Wolfgang Seubert at 21:17

    Habe die Deutschland Premiere von Next to Normal in Fürth mit Pia Douwes und Thomas Borchert gesehen – ich war begeistert.i

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