Der Mensch im Mittelpunkt: Der Theaterbau 1966

Am Rande des Walls liegt sie, die riesige Schildkröte. Außenrum Büroklötze und das Rauschen der Umgehungsstraße. Menschen hasten vorbei, auf dem Weg in die Innenstadt, überqueren den Platz, ohne auch nur einmal den Blick zu heben. Sie sind den Anblick gewohnt, die Besonderheit ist alltäglich geworden, die riesige grüne Kuppel eine vertraute Erhebung der Stadtsilhouette. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass auf diesem Platz ein Krater klaffte. Im Jahre 1966 entstand nach einer langen Planungsphase und Großbaustelle das Dortmunder Opernhaus am Platz der Alten Synagoge. Ein kurzer Ausflug in die Geschichte eines einzigartigen Hauses.

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Das Dülfer’sche Theater

„Nimmer entbehre die strebende Stadt der veredelnden Künste. Opferbereiter Sinn baute den Musen dies Heim.“ Dieser etwas schwülstige, aber schöne Satz schmückte die Fassade des ersten großen Theaterhauses in Dortmund. Der Dülfer’sche Bau, benannt nach dem Architekten Martin Dülfer, wurde 1904 eröffnet. Fast furchteinflößend wirkte das Prunkgebäude mit seinem dunklen Stein, den mannshohen Statuen und Säulen. Im Inneren jedoch wuchs das zarte Pflänzchen einer neuen Theatertradition heran. Schon bald gastierten hier die großen Künstler der damaligen Zeit und das Haus etablierte sich schnell in der Theaterlandschaft. Heute spricht man von den „großen Tagen“ des Dülfer’schen Theaters.
1943 fielen die ersten Bomben auf das Gebäude. Ein Jahr später wurde der Rest zerstört; vom Heim der Musen war einzig ein riesiger Schutthaufen übrig geblieben. 1944 ordnete Hitler die Schließung aller Theater an, doch direkt nach Kriegsende wurden in den Trümmern der Kasinos, Kirchen und Gemeindesäle Bühnen zusammengeschustert und wieder begonnen, Theater zu spielen. Die Behelfsbühnen entwickelten sich zu Interimsbühnen und in den Jahren 1948-50 wurde das „Kleine Haus“ am Hiltropwall erbaut, das heutige Schauspielhaus.

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Die Baustelle des “Kleinen Hauses”

Es musste schnell gehen, deshalb wurde das neue Gebäude direkt an die Ruine des Dülfer’schen Baus gesetzt. Es ging nicht darum, sich architektonisch zu verkünsteln, sondern man wollte schnell wieder Theater spielen können, und zwar in einem eigenen Haus. Deshalb kümmerte sich auch die Bauverwaltung selbst darum und sparte sich einen externen Architekten. Das Kleine Haus erntete viel Kritik ob seiner Bauweise, doch es erfüllte seinen Zweck und sollte bald eine große Schwester bekommen.
Nachdem ein originalgetreuer Wiederaufbau der Ruine ausgeschlossen worden war, schrieb die Stadt schon im Dezember 1954 den Neubau eines Opernhauses aus. Eine Knobelaufgabe für die Wettbewerbsteilnehmer: Der Spielbetrieb im Kleinen Haus sollte keinerlei Einschränkungen erfahren – während die alte Ruine abgerissen und ein neues Haus entstehen sollte.
Die Architekten Rosskotten und Tritthart ergatterten 1955 den ersten Preis. Ihr Entwurf sah ein großes bühnentechnisches Gebäude zwischen Kleinem und dem neuen Haus vor, von beiden Seiten nutzbar. Dieses in der Form sehr schlichte, aber mit einer außergewöhnlichen Fassade versehene Gebäude ergänzten Rosskotten und Tritthart mit einem echten architektonischen Knaller, einer Weltneuheit: der riesigen dreipunktgelagerten Betonschale. Wie ein Zelt spannt sie sich mit ihren 54 Metern Durchmesser über den Foyerbereich und den Zuschauerraum. Die weltweit einzigartige Kuppel macht das Opernhaus unverwechselbar, wobei sie nicht nur als schützender Schildkrötenpanzer verstanden werden will: Offenheit und Helligkeit entstehen durch die riesigen Fenster, und gemeinsam mit dem weitläufigen Vorplatz lädt diese Architektur, so Heinrich Rosskotten, „schon von weitem den Besucher ein und zieht ihn in das Gebäude. Damit rückt der Mensch in den Mittelpunkt des Bauwerks.“

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Das fertiggestellte Opernhaus

Am 12. März 2016 wird das 50-jährige Jubiläum des Opernhauses mit einem Festakt und der Wiederaufnahme des „Rosenkavaliers“ von Richard Strauss gefeiert.
Ab diesem Zeitpunkt ist im Foyer des Opernhauses die Ausstellung „Gestaltung und Erlebnis – Das Opernhaus 1966“ zu sehen, die Einblicke in die Entstehung des Gebäudes gewährt. Die Ausstellung ist im Rahmen eines Opernhausbesuches kostenlos zugänglich, öffentliche Führungen finden einmal monatlich statt, kostenlose Zählkarten dafür gibt es an der Theaterkasse. Termine: 26.3. /30.4./28.5./25.6.

Marie König

 

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