Heilige Vielfaltigkeit: Reinold und Rinaldo

Heilige Vielfaltigkeit: Reinold und Rinaldo

Zum Helden wird, wer Großartiges vollbringt. Zur Verwandlung in einen Mythos aber gehört noch ein wenig mehr: Was der Dortmunder Reinold mit dem Opernhelden Rinaldo zu tun hat.

Lebensgroß hat er sich auf dem Sockel in seiner Namenskirche St. Reinoldi postiert, mit seinem Holzarm streckt er uns das Schwert entgegen. Der Schutzpatron Dortmunds trägt Ritterrüstung und Mönchskutte, schon das passt nicht recht zusammen. Und dann die Sache mit dem Namen: In Dortmund darf man ihn Reinold nennen, woanders aber heißt er Renaud, Reinout, Rinaldo. Schwer zu fassen ist dieser Heilige, der die Historiker mit wilden Lebensgeschichten beglückte. Die Hauptquelle seiner Biografie ist die Chanson de geste „Renaut de Montauban“ aus Frankreich, die in alle möglichen Sprachen übersetzt und in ganz Europa bekannt wurde.
Geboren wird Reinold als Jüngster der vier Söhne des Grafen Haimon und der schönen Aja, Schwester Karls des Großen. Die vier Haimonskinder vagabundieren durch die Lande, stets zu Pferd; Ihr heißgeliebtes Zauberross Bayard trägt die vier Brüder auf seinem monströsen Rücken durch alle Abenteuer. Zu ihrem Onkel hegen die Brüder keine große Zuneigung: Bei jeder Gelegenheit stellen sie sich Karl in den Weg, kämpfen offen gegen ihn. Das zieht Folgen nach sich. Die vier müssen büßen, Bayard wird – inzwischen seiner Zauberkräfte nicht mehr Herr – ertränkt. Reinold schwört aus Reue dem weltlichen Leben ab, wird Mönch und zieht waffenlos in den Kreuzzug nach Jerusalem, wo er mithilfe seines Pilgerstabs die Heiden besiegt. Zurück in Europa, verdingt er sich als Handwerker in Köln. Er arbeitet als Steinmetz auf der Dombaustelle und ist dabei so fleißig und bescheiden, dass er den Neid seiner Kollegen auf sich zieht. Im Schlaf wird er von einem Steinhammer erschlagen und sein Leichnam im Rhein entsorgt. Spätestens jetzt wird seine übermenschliche Kraft offenbar: Er lenkt aus dem Jenseits eine kranke Frau zu seinen sterblichen Überresten, sie wird geheilt und sein Leichnam geborgen. Die Kölner planen bereits eine aufsehenerregende Beisetzung, doch Reinold hat seinen eigenen Kopf: Der Karren, auf dem sein Leichnam liegt, fährt wie von Geisterhand nach Dortmund, dort soll seine letzte Ruhestätte sein. Im Laufe der Geschichte verschwinden die Reliquien jedoch, werden aufgeteilt, verkauft, verschickt und wieder zurückgeholt.

Mit der Reinoldverehrung verhält es sich ein wenig beständiger: Seit dem 13. Jahrhundert huldigen die Dortmunder ihrem Ritterheiligen, in seinem Namen wird eine Gilde gegründet, Reinold taucht auf Notgeldscheinen auf und ist den Bürgern durch alle Zeiten ein strahlendes Vorbild. Er vereint in sich die Tugenden des Ritters und des Mönchs – ist kämpferisch und fromm zugleich, dient dem Herrn und stirbt als Märtyrer.
Soweit die vermeintlichen Fakten, die in fast allen Quellen zu finden sind. In Zank gerät die Geschichtsschreibung über die Kirche, an der Reinold tatsächlich mitgewirkt hat – es könnte auch St. Pantaleon in Köln gewesen sein. Uneinig ist man sich auch über seine Lebensdaten: Als Zeitgenosse Karls des Großen († 814) müsste er im 8. oder 9. Jahrhundert gelebt haben, als Teilnehmer am Ersten Kreuzzug nach Jerusalem (1096 – 99) im 11. Jahrhundert. Genauso verschleiert ist seine Profession: man weiß nicht, ob er ein handwerklich begabter Mönch, ein wohlhabender Bauherr oder ein einfacher Handwerker war – und mysteriöserweise scheint es auch noch einen anderen Handwerker namens Reinold gegeben zu haben, der beim Dombau umkam. Wahrscheinlich vermischen sich in dieser Figur die Lebensläufe mehrere Personen, die zu unterschiedlichen Zeiten gelebt haben. Gerne verwechselt wird Reinold mit dem Rasenden Roland oder Orlando, dem Schutzheiligen Bremens, der auch ein Neffe Karls des Großen und somit ein Cousin Reinolds war. Je weiter man sich in dieses mythologische Dickicht vorwagt, desto dichter verschlingen sich die Zweige, desto rätselhafter winden sich die Umwege.

Sicher ist, dass dieser R., wie auch immer man ihn weiter nennen mag, eine einzigartige Begeisterung für seine Geschichte und einen ganzen Katalog voll ihm gewidmeter Werke hervorgerufen hat. Als Haimonskind ist er mit seinen drei Brüdern in zahlreichen Kunstwerken, Fresken und Hauseingängen verewigt. Als Rinaldo wird er zur Titelfigur des Epos „La Gerusalemme Liberata“ von Torquato Tasso und so zur Hauptperson in Friedrich Händels Oper. Seine Wahrhaftig- und Frömmigkeit kommt dort zur Geltung, ebenso wie seine Mitwirkung am Kreuzzug in Jerusalem – wo er nicht nur mit dem Pilgerstab kämpft. Viel spannender noch ist aber seine Gefühlswelt, die ihn in die Arme der gefährlichen Armida treibt und ihn zweifeln lässt, seine Unlust zu kämpfen und seine Abneigung gegen die Konformität. Bei Händel wird aus Reinold ein tief empfindsamer, untypischer Held. Eine neue Facette von R. also, die den Mythos weiterspinnt, mit Klang und Farbe füllt und uns einen Menschen näherbringt, den die Wissenschaft nur ansatzweise begreifen kann.

Marie König

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