Das Dortmunder Opernhaus im Bann des Fußballs II: Philipp Bykov

Seit Freitag, 10. Juni, rollt der Ball wieder. Der Fußball beherrscht den europäischen Kontinent und hat auch das Dortmunder Opernhaus in seinen Bann gezogen. Sofort treten alle Sichtweisen und Einstellungen hinsichtlich der wohl weltweit beliebtesten Sport zu Tage, vom freundlichem Desinteresse, zur feurig-unschuldiger Erwartung auf jedes Spiel, bis hin zur Annahme, dass es sich bei dieser Sportart  – frei nach dem preußischen Kriegtheoretiker Clausewitz – um nichts weniger als um die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln handelt.
Fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Theater Dortmund aus fünf Ländern werden ihre ganz persönliche Ansicht und ihre ureigensten Hoffnung im Hinblick auf die laufende UEFA EURO 2016 darstellen. Gemeinsam mit den Redakteuren Beate Dönnewald und Nils Heimann wurden die Beiträge für die EM-Sonderbeilage der Ruhr Nachrichten erstellt. Der Opernhausblog dankt den beiden Dortmunder Journalisten und den Ruhr Nachrichten für die Erlaubnis, die Beiträge auch im OPERNHAUSBLOG publizieren zu dürfen.

Eine Runde um den Arc de Triomphe
Der Russe Philipp Bykov hat große Lust, spontan zum EM-Endspiel nach Paris zu fahren

An das Fußball-Sommermärchen 2006 erinnert sich der Wahl-Dortmunder Philipp Bykov aus Kasachstan gerne zurück. Vor allem an den Tag, als Deutschland gegen Polen gewann. „Nach dem Spiel sind meine Freunde und ich nach draußen geeilt. Wir hörten Trommel-Klänge und entdeckten auf der Hohen Straße Samba-Tänzerinnen. Bis zum Morgengrauen haben wir und viele andere mitgetanzt.“
Möglicherweise tanzt der 36-Jährige am 10. Juli wieder, dann aber nicht in Dortmund, sondern auf der Avenue des Champs-Élysées oder einer anderen Straße in der EM-Hauptstadt. Denn der Orchesterwart am Theater Dortmund hält es durchaus für möglich, ganz spontan mit dem Auto zum EM-Endspiel nach Paris zu fahren. Ohne Ticket im Handschuhfach. Ohne einen konkreten Plan. Aber zumindest mit einem Ziel: eine Ehrenrunde um den Arc de Triomphe zu drehen. „Dabei fühlt man sich wie ein echter Pariser“, grinst der deutschstämmige Russe.
Stadion im Wohnzimmer
Ansonsten, räumt Philipp Bykov ein, sei er in Sachen Fußball eher wenig initiativ, lasse sich von seinen Freunden aber gerne mitreißen. So sei er schon einige Male in den Genuss eines Besuchs im Signal-Iduna-Park gekommen. Oft würde aber auch seine Wohnung im Kreuzviertel zum Mini-Stadion. „Meine Freunde laden sich meistens selber ein, weil ich einen Beamer habe“, erzählt der 36-Jährige. Besonders amüsant in seinen Augen: wenn sich die Fanlager „St. Petersburg“ und „Moskau“ fetzen.
Bei ihm würde es sich immer erst während eines Spielverlaufs entscheiden, wem er den Sieg gönnt. Meistens halte er mit den Underdogs oder mit Mannschaften, bei denen man den Willen und Ehrgeiz, unbedingt gewinnen zu wollen, spürt. „Es muss einfach mehr als nüchterner, technischer Fußball sein.“
Über einen EM-Sieg Russlands oder der Ukraine würde er sich natürlich riesig freuen. „Spielerisch und technisch kann es das russische Team auf jeden Fall bis in Viertelfinale schaffen. Ich glaube an den Geist der Russen“, sagt Philipp Bykov über die „Sbornaja“. In der Vorrunde muss Russland gegen England, Wales und die Slowakei antreten. „Gegen England, das wird interessant, die beiden Teams halte ich für gleichwertig.“
Fußball spielte bereits in der Kindheit und Jugend von Philipp Bykov eine prägende Rolle. In Kasachstan genauso wie in Dortmund, wo er seit 1991 lebt.
„Beim Ringen haben unsere russischen Trainer immer die Pausen genutzt, um mit uns zu kicken“, erzählt Philipp Bykov. Später dann in Scharnhorst, wo er aufwuchs, spielte er in einer Freizeitgruppe Fußball. Gemeinsam mit seinem Vater. Jeden Sonntagvormittag um 10 Uhr, das war Pflicht. Dann hieß es „Deutschland gegen Russland“ mit Philipp Bykov auf der Position „links außen“. „Die Atmosphäre war sehr einschüchternd.“
Generell habe der Sport ihm geholfen, Anschluss zu finden. „Als ich nach Deutschland kam, war ich klein und hatte Sprachschwierigkeiten. Das war ein Sprung ins kalte Wasser. Durch den Sport habe ich Freunde gefunden.“ Seit einem halben Jahr spielt er wieder in einer Freizeitgruppe Fußball – mit Theater-Kollegen.
In Kasachstan war Philipp Bykov seit 15 Jahren nicht mehr. „Meine Verbindung dorthin ist nicht mehr so groß. Vieles hat sich dort verändert.“ Irgendwann möchte er aber wieder in die alte Heimat reisen.

Steckbrief

› Beruf und Alter:
Orchesterwart am Theater und Architektur-Student an der FH Dortmund, 36 Jahre

› Wie lange leben Sie bereits in Deutschland?
seit 1991

› Wer ist Ihr Lieblingsverein in Russland?
Zenit St. Petersburg

› Wer ist Ihr Lieblingsverein in Deutschland?
BVB 09

› Tipp: Wer wird Europameister 2016?
hoffentlich Russland oder die Ukraine

› Drei Schlagworte: Warum ist Dortmund lebenswert?
„Mir gefallen Größe und Weite und das viele Grün in Dortmund. Aus künstlerischer Sicht gefallen mir besonders die Industrieanlagen beziehungsweise Brachflächen.“

Beate Dönnewald

This article was written by

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.