Zehn Dinge, die Sie über FAUST (MARGARETHE) wissen sollten

Zehn Dinge, die Sie über FAUST (MARGARETHE) wissen sollten

Bühne oder Kirche?
Charles Gounod lebte von 1818 bis 1893 und verbrachte fast sein ganzes Leben in seiner Heimatstadt Paris; nur nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 übersiedelte er für ein paar Jahre nach London und gründete dort einen später berühmten Chor. Als junger Mann konnte er sich nicht recht entscheiden, ob er lieber Priester oder Komponist werden sollte. Auch nach seinem Verzicht auf die geistliche Laufbahn 1848 blieb er der Kirche eng verbunden und komponierte neben seinen 12 Opern auch zahlreiche große und kleine geistliche Werke.

Ein europäischer Mythos
Die Historia von D. Johann Fausten eines unbekannten Verfassers erschien 1587. Seitdem geistert Doktor Faust durch die Literatur und das Theater Europas. Von großen Dramatikern wie Christopher Marlowe und Goethe bis hin zu Puppenspielern und Schmierenkomödianten hat Faust viele Künstler fasziniert – und immer auch das Publikum. Die Geschichte vom Gelehrten, der einen Pakt mit dem Teufel schließt und auf der Suche nach Erregung und Genuss durch die Welt fährt, bietet Gelegenheit zu großen Theatereffekten: Liebe, Rausch und satanische Feste gehörten immer fest ins Programm, wenn Faust die Bühne betrat.

Fack ju Göhte
Goethes Faust war bei den französischen Romantikern sehr populär, man las ihn in der genialen Übersetzung des Dichters Gérard de Nerval. Auch dem jungen Gounod fiel das Stück in die Hände und beeindruckte ihn tief. Die direkte Vorlage zur Oper war aber nicht Goethes Text, sondern ein Boulevardstück mit dem Titel Faust et Marguerite von Michel Carré. Der hatte sich um Goethes tiefgründiges Welt-Drama nicht allzu sehr gekümmert und aus ihm eine flotte Liebesgeschichte gemacht, wie sie das Pariser Publikum seiner Zeit verlangte. Die Unterschiede zu Goethes Text sind riesig, allerdings finden sich auch einige interessante Spuren der deutschen Tragödie.

Ein verpfuschtes Leben
Zu Beginn des Stücks sitzt der alte Doktor Faust verzweifelt in seinem Studierzimmer. Sein Leben neigt sich dem Ende zu, aber er hat das Gefühl, es total verpfuscht zu haben. Statt es in vollen Zügen zu genießen, hat er es mit Büchern verbracht, um alle Rätsel der Welt zu lösen – doch je mehr er gelesen und nachgedacht hat, desto unklarer wurde alles. Jetzt möchte er sich am liebsten umbringen. Vom Selbstmord hält ihn ein fröhlicher Chor ab, der ein Frühlingslied singt, aber seine Probleme sind damit nicht gelöst. Also ruft er den Teufel zur Hilfe. Wie könnte er auch ahnen, dass der umgehend auftaucht?

Der Teufel Méphistophèles
Einer der wichtigsten Unterschiede zwischen Goethe und Gounod ist die Figur des Mephisto. In Goethes Faust ist er ein Komödiant, dem auch öfter mal was misslingt und der weniger ein Teufel ist als ein Stachel in Fausts Gewissen. Die Wette mit Gott um Fausts Seele, die er im Prolog abschließt, macht ihn zu einem fast sympathischen Spieler. In Gounods Oper ist er der Teufel selbst: zynisch, böse, unerbittlich. Ihm geht es nur darum, möglichst viele Menschen zu verderben und ihnen ihr Seelenheil zu rauben. Ein echter Fürst der Finsternis, ausgestattet mit einer faszinierenden schwarzen Bassstimme. Für Faust hat er gute Angebote: Geld und Ruhm. Doch Faust will nur „den Schatz, der alle Schätze in sich birgt: die Jugend“. Also macht ihn Mephisto vom alten Zausel zum jungen, gutaussehenden Mann.

Die Unschuld vom Lande
Marguerite – bei Goethe Margarethe, im Volksmund Gretchen genannt – ist ein rührendes Geschöpf. Ihre Eltern sind gestorben, auch ihre kleine Schwester ist tot, die ihr Ein und Alles war. Als sie Faust begegnet, entdeckt sie eine ganz neue Seite an sich. Mephisto hat in Fausts Namen eine Kiste mit Schmuck vor ihrer Tür abgestellt. Mit ihrer Hilfe verwandelt sie sich von einem schüchternen Mädchen in eine Dame von Welt, allerdings nur äußerlich. Im Herzen bleibt sie immer vorsichtig und verwundbar. Dass Faust, dem sie so sehr vertraut hat, sie sitzen lässt, kann sie nicht begreifen.

Treu, aber langweilig
Bei Goethe ist er nur ein Saufbruder in Auerbachs Keller in Leipzig, Gounod macht ihn zu einem Gegengewicht zu Faust: Der junge Siebel liebt Marguerite aufrichtig, pflückt Blumen für sie und streicht um ihr Haus herum, doch gegen Fausts Weltläufigkeit hat er natürlich keine Chance. Er ist noch viel zu unerfahren, um eine Frau für sich einzunehmen, und wirkt liebenswert, aber ein bisschen langweilig. Musikalisch hat Gounod diese Hosenrolle (sie wird von einer Mezzosopranistin gesungen) allerdings mit einer sehr schönen Arie ausgestattet.

Die Schande, für alle sichtbar
Die innige Begegnung von Faust und Marguerite hat Folgen. Die einzige Bezugsperson, die Marguerite noch geblieben ist, wendet sich ab: Ihr Bruder, der Soldat Valentin, hat kein Verständnis für die verzweifelte Lage seiner Schwester. Sie ist von Faust schwanger und katapultiert sich damit aus allen gesellschaftlichen Zusammenhängen. Valentin fordert Faust zum Duell; weil Mephisto mit seinen teuflischen Kräften eingreift, bleibt Valentin tot zurück. Marguerite sehen wir erst im Kerker wieder: Sie hat ihr Kind getötet und wartet auf ihre Hinrichtung. Als Faust und Mephisto sie befreien wollen, lehnt sie ab. Lieber stirbt sie in Gottes Gnade, als sich weiter mit dem Teufel abzugeben.

Bach, Mendelssohn und die französische Romantik
Gounod ist kein Komponist, der seine Mittel sparsam einsetzt. Er geht immer aufs Ganze, ob im martialischen Soldatenchor, der blumigen Liebesszene oder der dämonischen Schauerlichkeit, wenn die Hölle nach Marguerites Seele greift. Die Grenze zwischen Dramatik und Kitsch ist bei ihm manchmal fließend. Gounod ist ganz und gar ein französischer Hochromantiker. Allerdings hat er sich nicht nur für die Stoffwahl bei einem deutschen Mythos bedient, sondern auch seine Musik atmet oft deutschen Geist. In der Kirchenszene komponiert er eine Hommage an Johann Sebastian Bach; eine der wichtigsten Begegnungen seines Lebens, die mit Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig, macht sich an vielen Stellen bemerkbar. In den Ensembles hört man, dass Gounod Mozarts Figaro für das Urbild aller Opern hielt und allen jungen Musikern zum Studium empfahl.

Rückblick auf ein Leben
Regisseur John Fulljames erzählt die Geschichte von Faust und Marguerite in Dortmund aus der Perspektive des alten Faust. Er wird nicht verjüngt, sondern erlebt mit Mephistos Hilfe eine entscheidende Episode seines Lebens noch einmal. Deshalb bleibt der alte Faust in Person eines Schauspielers die ganze Aufführung über auf der Bühne anwesend und verfolgt – oft mit Entsetzen – mit, was sein jüngeres Ich aus Egoismus und Rücksichtslosigkeit angerichtet hat.

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Georg Holzer

Hier sieht man ihn an des Dramaturgen Lieblingsplatz: dem Schreibtisch. Georg Holzer ist mit seiner umfassenden Bildung, seinen klugen Ideen und seinen Formulierungskünsten so etwas wie der „Think Tank“ der Oper Dortmund. Wer einmal eine seiner übrigens brillanten Einführungen gehört hat, weiß: Georg Holzer kommt aus Bayern. Studiert hat er dann aber in Berlin, Poitiers und Florenz, bis er als Dramaturgie- und Regieassistent sein erstes Theaterengagement an den traditionsreichen Münchner Kammerspielen antrat. Heute ist er Chefdramaturg der Oper Dortmund. Überdies ist er auch ein gefragter Übersetzer, nicht nur der Übertitel der Oper Dortmund, sondern auch diverser Theaterstücke und insbesondere französischer Lyrik. Den nötigen Ausgleich zu so viel Kopfarbeit findet er bei ausgedehnten Jogging-Runden durch Dortmunds Parks.

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