Faust-Opern im 20. Jahrhundert

Auf den Schauspiel-Bühnen ist Doktor Faust ein Dauerbrenner. Der deutsche Gelehrte, der mit der Wissenschaft unglücklich wird und sich mit teuflischer Hilfe auf eine große Reise durch Raum und Zeit begibt, hat Generationen von Schauspielern, Regisseuren und natürlich Zuschauern fasziniert. Der frühneuzeitliche Faust-Stoff fand in der Dramatisierung durch Johann Wolfgang Goethe seinen künstlerisch bedeutendsten Ausdruck. Seit Goethes Faust. Der Tragödie erster Teil aus dem Jahr 1808 war Faust das deutsche Nationaldrama schlechthin. Den zweiten Teil stellte Goethe erst kurz vor seinem Tod im Jahr 1832 fertig und ließ ihn zu Lebzeiten nicht mehr veröffentlichen; für das Theater, so glaubte er, sei dieses Stück eine Nummer zu groß. Eine ungestrichene Theateraufführung beider Teile gab es dann auch tatsächlich erst zur EXPO 2000 in Hannover.

Faust-Begeisterung in Frankreich
Man sollte glauben, dass ein Stoff, der so bekannt und im Bewusstsein des Publikums verankert ist, die Opernkomponisten im 19. und 20. Jahrhundert sehr interessiert haben muss. Aber gerade in Deutschland hielten sie sich zurück, möglicherweise aus übergroßer Ehrfurcht vor Goethes Text. Auf der anderen Seite des Rheins, in Frankreich, war man unbesorgter. Hector Berlioz‘ La Damnation de Faust (Fausts Verdammung) von 1846 fiel in eine Zeit französischer Faust-Begeisterung. Aber auch diese „dramatische Legende“ wurde erst 1893 uraufgeführt. Mehr Erfolg hatte Charles Gounod mit seiner popularisierten Version der Faust-Legende, in der Faust weniger als grübelnder Gelehrter denn als großer Liebender auftritt. Die beiden Fassungen der Oper wurden 1859 bzw. 1869 uraufgeführt; bis heute ist Gounods Stück nicht mehr aus den Opernspielplänen wegzudenken.

Ferruccio Busoni: „Doktor Faust“
Der deutsch-italienische Komponist und Musikphilosoph Ferruccio Busoni begann mit dem Text zu seiner Faust-Oper im ersten Kriegsjahr 1914. Er legt die Handlung ganz anders an als Goethe, um keine falschen Erwartungen beim Zuschauer zu wecken. Busonis Faust ist ein Alchimist, der sich mithilfe höllischer Geister in einen großen Magier verwandelt. An die Stelle des betrogenen Gretchens tritt hier die Herzogin von Parma, mit der Faust ein Kind hat. Die Handlung verläuft verwirrend und folgt keiner fortlaufend aufgebauten Geschichte. Doktor Faust ist ein Werk von größtem geistigem und musikalischem Anspruch, in dem Busoni den Gipfelpunkt seines Gesamtwerks sah. Leider starb er 1924, bevor er die Oper ganz vollenden konnte. Sein Schüler Philipp Jarnach und später der englische Dirigent Antony Beaumont stellten aus Busonis Skizzen vollständige Fassungen her. Ein Repertoire-Stück ist der Doktor Faust nicht geworden, aber seine Komplexität fordert Musiker und Theaterleute immer wieder einmal dazu heraus, es mit einer Neuinszenierung zu versuchen.

Selbst entscheiden, wie es weitergeht: „Votre Faust“
Votre Faust (Euer Faust)
ist eine Oper des Belgiers Henri Pousseur (1929-2009), die 1969 uraufgeführt wurde; das Libretto schrieb der kürzlich verstorbene Schriftsteller Michel Butor. Sie ist ein Werk der so genannten aleatorischen Musik, was bedeutet, dass der Zufall als Teil einer Komposition verstanden wird. Wobei es in Pousseurs Stück nicht der Zufall ist, der über den Fortgang der Oper entscheidet, sondern das Publikum. Es kann an mehreren Stellen darüber abstimmen, wie sich die Geschichte des Komponisten Henri (eine Anspielung zugleich auf Pousseurs Vornamen und auf den historischen Heinrich Faust) und seiner Geliebten, der Kellnerin Maggy, sowie deren Schwester Greta weiterentwickelt. Am Ende darf das Publikum sogar entscheiden, ob Henri aus den Fängen eines lästigen Theaterdirektors befreit werden und endlich seine geplante Faust-Oper schreiben kann, oder ob er Selbstmord begeht und sein Faust-Projekt damit endgültig gescheitert ist. Pousseur und Butor folgten mit diesem Opernexperiment den Bemühungen der 60er Jahre, die Zuschauer aus ihrer Passivität zu reißen und sie direkt ins Bühnengeschehen mit einzubinden.

Alfred Schnittke: „Historia von D. Johann Fausten“
Wie schon Busoni bezog sich auch der russische Komponist Alfred Schnittke (1934-1998) in seiner Faust-Oper eher auf das frühneuzeitliche Puppenspiel als auf Goethes Drama. 12 Jahre arbeitete er an der Oper, die 1995 in Hamburg uraufgeführt wurde. Er übernahm auch die moralische Lehre des Puppenspiels: Am Ende warnt ein Chor vor teuflischen Einflüsterungen, nachdem Faust von Mephisto in Stücke gerissen worden ist. Schnittke lässt seine Handlung nicht nur im 16. Jahrhundert spielen, sondern verwendet für sein Orchester auch Instrumente aus dieser Zeit, wie Zwerchpfeife, Krummhorn, Laute und Zither.

Zwei Faust-Stücke, die man nicht hören kann
Nicht immer jedoch waren Faust-Projekte auf der Opernbühne von einer Uraufführung gekrönt. Hanns Eisler (1898-1962) war als Kommunist aus Nazi-Deutschland in die USA emigriert und kam nach dem Zweiten Weltkrieg zurück in die DDR. Hier arbeitete er am Libretto zu einer Faust-Oper, das ebenfalls nicht von Goethe, sondern vom Volksbuch ausging. Daraus drehte ihm der Kulturfunktionär Alexander Abusch einen Strick, denn der war überzeugt, dass eine deutsche Faust-Oper nicht an Goethe vorübergehen könnte. Eisler entwarf ein großes Geschichtspanorama, in dem auch Luther und die aufständischen Bauern um Thomas Münzer auftraten. All das war der SED-Führung unheimlich, da man fürchtete, es könne wieder um eine Darstellung der „deutschen Misere“ gehen, mit der die junge DDR nichts zu tun haben wollte. Als auch Parteichef Walter Ulbricht sein Urteil gegen solche Stücke sprach, wurde Eislers Libretto verboten. Von der geplanten Musik blieben nur ein paar Skizzen, das Projekt landete im Mülleimer der Musikgeschichte.

Die berühmteste Faust-Vertonung des 20. Jahrhunderts ist aber eine, die es gar nicht gibt. Ihr Komponist ist Adrian Leverkühn, der Titelheld von Thomas Manns Roman Doktor Faustus. Leverkühn ist auf der Suche nach einer völlig neuen Tonsprache, aber eine Syphilis-Infektion treibt ihn langsam und unaufhaltsam in den Wahnsinn. Den Höhe- und Endpunkt seines Schaffens erreicht Leverkühn mit der in Zwölftontechnik komponierten Kantate Dr. Fausti Weheklag. Als er sie seinen Freunden und Bekannten präsentieren will, bricht seine Geisteskrankheit offen aus. Leverkühns Höllenfahrt in den Wahnsinn verläuft parallel zur Höllenfahrt Europas im Zweiten Weltkrieg: Faust wird, wie Deutschland und ganz Europa, vom Teufel geholt.

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Georg Holzer

Hier sieht man ihn an des Dramaturgen Lieblingsplatz: dem Schreibtisch. Georg Holzer ist mit seiner umfassenden Bildung, seinen klugen Ideen und seinen Formulierungskünsten so etwas wie der „Think Tank“ der Oper Dortmund. Wer einmal eine seiner übrigens brillanten Einführungen gehört hat, weiß: Georg Holzer kommt aus Bayern. Studiert hat er dann aber in Berlin, Poitiers und Florenz, bis er als Dramaturgie- und Regieassistent sein erstes Theaterengagement an den traditionsreichen Münchner Kammerspielen antrat. Heute ist er Chefdramaturg der Oper Dortmund. Überdies ist er auch ein gefragter Übersetzer, nicht nur der Übertitel der Oper Dortmund, sondern auch diverser Theaterstücke und insbesondere französischer Lyrik. Den nötigen Ausgleich zu so viel Kopfarbeit findet er bei ausgedehnten Jogging-Runden durch Dortmunds Parks.

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