10 Dinge, die Sie über DIE ZAUBERFLÖTE wissen sollten

Vorgeschichte
Bei „Blitz und Donner, Sturm und Braus“ wurde die Zauberflöte von dem Herrscher über den „alles verzehrenden Sonnenkreis“ aus der 1000jährigen Eiche geschnitten. Als er starb, übergab er den Sonnenkreis und damit die Macht an seinen guten Freund Sarastro. Seiner Frau hat er dieses Amt offensichtlich nicht zugetraut, sie solle sich und die gemeinsame Tochter Pamina der „Führung weiser Männer überlassen“. Das tat sie jedoch nicht.

Handlung – in Kürze
Auf der Flucht vor einer riesigen Schlange gelangt Prinz Tamino in das Reich der Königin der Nacht und bricht dort ohnmächtig zusammen. Drei geheimnisvolle Damen erledigen das Ungeheuer im letzten Moment. Kaum sind sie verschwunden, taucht der Vogelfänger Papageno auf, der dem erwachenden Tamino vollmundig bestätigt, dass er selbst die Schlange erwürgt habe.
Unter gewaltigem Donner erscheint die Königin der Nacht. Sie überreicht Tamino ein Bild ihrer Tochter Pamina, die von dem Herrscher über den Sonnenkreis Sarastro entführt worden sei. Tamino verliebt sich sofort in Pamina und ist bereit, sie zu befreien. Die Königin stellt ihm Papageno als Begleiter zur Seite und überreicht ihm eine Zauberflöte, die ihn vor Gefahren bewahren soll.
Getrennt von Papageno erreicht Tamino Sarastros Burg. Ein Priester befragt ihn nach den Gründen seines Besuchs. Im Gespräch mit dem Priester beginnen Taminos Überzeugungen ins Wanken zu geraten. Sollte Sarastro etwa kein Bösewicht sein? Sollte die Königin der Nacht ihn für einen privaten Rachefeldzug eingespannt haben?

Mozarts letzte Oper
Wolfgang Amadeus Mozart beginnt mit der Komposition an der „Zauberflöte“ vermutlich im Frühjahr 1791. Im Juli ist er bereits so weit fortgeschritten, dass er schon mit der Instrumentierung beginnt. „Zwischendurch“ reist er jedoch nach Prag, komponiert den innerhalb weniger Wochen entstandenen „Titus“ fertig und bringt ihn zur Uraufführung. Mitte September kehrt er nach Wien zurück und legt letzte Hand an die Komposition der „Zauberflöte“, die am 30. September 1791 im Theater auf der Wieden zur Premiere kommt. Mozart selbst leitet die Aufführung, der Textdichter Emanuel Schikaneder spielt den Papageno. Gut zwei Monate später stirbt Mozart.

Emanuel Schikaneder
Schikaneder ist ein echter Selfmademan, von seinen Eltern hat er den Theaterinstinkt zumindest nicht geerbt. Der Vater, ein Tagelöhner, verstirbt früh, die Mutter verkauft Devotionalien in einer Bude am Regensburger Dom. Nach seiner Schulzeit am Jesuitengymnasium wird er fahrender Musikant, Wanderschauspieler, Autor und Theaterdirektor, schließlich lässt er sich in Wien nieder.
Schikaneder hat ein Gespür für Themen, die in der Luft liegen und bietet seinem Publikum Werke zwischen Hanswurstiaden, Klassikern und Zeitgeistigem. 1785 will er die deutschsprachige Erstaufführung von Beaumarchais Revolutionskomödie „Figaros Hochzeit“ in Wien zeigen, am Premierentag wird die Aufführung von Joseph II. verboten – und Mozart auf die Idee gebracht, die Komödie zu vertonen.
Mozart und Schikaneder kennen sich, teilen die Leidenschaft für das Bölzelschießen und tun sich für Gelegenheitsarbeiten zusammen. In ihrem Wechseln zwischen Hochkultur und Popkultur sind sie sich ähnlich – und diese Mischung speist auch ihr gemeinsames Erfolgsstück „Die Zauberflöte“.

Quellen
Volkstheater, Maschinenkomödie, Zauber- und Märchenoper, Mysterienspiel, Freimauerdrama – „Die Zauberflöte“ ist ein buntes Kaleidoskop an Stilen, Genres, Themen und Einflüssen. Jahrhundertelang wurde Emanuel Schikaneder für den schlechten, vermeintlich unausgegorenen Text gescholten. Dem Erfolg beim Publikum tat dies keinen Abbruch; denn in der Vielschichtigkeit der „Zauberflöte“ liegt auch ein Teil ihrer Faszination begründet und hat Theaterschaffende und Wissenschaftler zu immer neuen Interpretationen angeregt.

Die Märchenoper
Prinz Tamino befreit Prinzessin Pamina aus den Händen des Bösewichts Sarastro, der sie entführt hat. Eine Zauberflöte hilft ihm dabei ebenso wie sein wundersamer Begleiter Papageno, ein mit Federn bedeckter Mensch, der ebenfalls ein Zauberinstrument bekommt, mit dem er Sklaven zum Tanzen bringen kann. Drei Prüfungen muss er bestehen, bevor er die geliebte Prinzessin in den Armen halten darf. Und wenn sie nicht gestorben sind…
Was wie ein Märchen beginnt, wird schnell komplizierter: Die schematische Gut-Böse-Gegenüberstellung des Anfangs löst sich bald in viele Fragen auf. Und ein klassischer Märchenheld ist Tamino auch nicht: Statt die Schlange zu besiegen, fällt er in Ohnmacht. Ein schwacher Auftritt.

Das Maschinentheater
„Das Theater verwandelt sich“, mit diesen Worten beginnen zahlreiche Regieanweisungen im Textbuch, die einen großartigen Szenenwechsel ankündigen: Von der felsigen Gegend zum ägyptischen Zimmer, vom Palmenwald mit Pyramiden zum Vorhof des Tempels usw. Schikaneder wusste, was das Publikum sehen wollte, und was sein Theater bieten konnte:
„Die Berge teilen sich auseinander, und das Theater verwandelt sich in ein prächtiges Gemach. Die Königin sitzt auf einem Thron, welcher mit transparenten Sternen geziert ist.“ (I/6)
„Zug von Gefolge. Zuletzt fährt Sarastro auf einem Triumphwagen heraus, der von sechs Löwen gezogen wird.“ (I/18)
„Die drei Knaben kommen in einem mit Rosen bedecktem Flugwerk.“ (II/16)
„Das Theater verwandelt sich in zwei große Berge; in dem einen ein Wasserfall, worin man sausen und brausen hört; der andere speit Feuer aus. (…) Die Türen der Felsen werden nach ihnen zugeschlagen; man sieht Tamino und Pamina wandern; man hört Feuergeprassel und Windgeheul, manchmal auch den Ton dumpfen Donners und Wassergeräusch.“ (II/28)
„Donner, Blitz, Sturm. Sogleich verwandelt sich das ganze Theater in eine Sonne. Sarastro steht erhöht; Tamino, Pamina, beide in priesterlicher Kleidung. Neben ihnen die ägyptischen Priester auf beiden Seiten.“ (II/30)

Freimaurerei und Ägyptenmode
Mozart und Schikaneder waren beide bekanntermaßen Freimaurer, auch wenn letzterer aus seiner Loge wieder herauskomplimentiert wurde. In der Entstehungszeit der „Zauberflöte“ trieb ein Thema die Wiener Freimaurer besonders um: Die ägyptischen Mysterien. Ein Logenbruder von Mozart stellte die Theorie auf, dass die ägyptischen Tempelanlagen nicht, wie angenommen, Gräber sind, sondern geheime unterirdische Einrichtungen zur Förderung von Kult und Wissenschaft. Dadurch entstünde eine Teilung der ägyptischen Gesellschaft: Auf der einen Seite das ungebildete Volk, das sich durch eine bunte polytheistische Religion leicht lenken ließ, auf der andere Seite die eingeweihten Wissenschaftler, für deren Erkenntnisse das Volk noch nicht reif war. Die Freimaurer sahen sich mit ihren aufklärerischen Ideen in der Nachfolge dieser ägyptischen Geheimbünde.

Mysterienspiel
Als Mysterien wurden die Phasen der Aufnahme in eine Freimaurerloge bezeichnet: 1. Die Phase der Illusion durch den Aberglaube, also der Ist-Zustand, 2. Die Phase der Desillusionierung, 3. Die kleinen Mysterien: Prüfungen und Belehrungen, 4. Die großen Mysterien: Prüfungen für Auserwählte, in denen diese mit existenziellen Aufgaben konfrontiert werden. Folgt man dem Ägyptologen Jan Assmann, ist „Die Zauberflöte“ just in diese vier Phasen unterteilt.

Bruchtheorie vs. Patchworkthese
Und dann gibt es da noch die Bruchtheorie, mit welcher man sich den „Bruch“ im Charakter der Königin der Nacht und einige andere Ungereimtheiten im Text erklären wollte: Wieso erscheint die Königin zu Beginn als liebende, besorgte Mutter, um im zweiten Akt als rächende Furie aufzutauchen? Die Bruchtheoretiker verweisen auf ein Singspiel, das just in der Entstehungszeit der „Zauberflöte“ in Wien uraufgeführt wurde: „Der Fagottist oder die Zauberzither“ weist in der Tat viele Ähnlichkeiten zur Handlung der „Zauberflöte“ auf. Aber dass Schikaneder daraufhin mitten in der Komposition den Gang der Handlung verändert habe, ist nicht belegbar. Deswegen gilt heute die Patchworkthese: Die beiden versierten Theatermänner griffen auf alles zurück, was den Erfolg ihrer Oper befördern konnte – ihrem Genie und Theaterinstinkt ist es zu verdanken, dass „Die Zauberflöte“ kein zusammenhangloses Sammelsurium geworden ist.

This article was written by
Wiebke Hetmanek

Sie ist eine der wenigen Dramaturginnen Deutschlands, die sich nicht nur der Oper verschrieben hat, sondern ein spezielles Faible für die so genannte leichte Muse hat: Wiebke Hetmanek nimmt Operette und Musical verdammt ernst – und liebt sie leidenschaftlich. Nach „Funny Girl“ folgt nun mit „Roxy und ihr Wunderteam“ ihre zweite Ausgrabung am Theater Dortmund. Geboren in Kiel, studierte Wiebke Hetmanek Musikwissenschaft, Literaturwissenschaft und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften an den Universitäten Bochum und Köln. Erste Station ihrer beruflichen Laufbahn war die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg, es folgte das Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, und seit 2011 die Oper Dortmund. Wiebke Hetmanek ist außerdem die sehr erfolgreiche Autorin der Kinderopern „Der kleine Barbier oder Eine haarige Angelegenheit“, „Kaimakan und Pappatatschi oder Piraten fluchen nicht“ sowie „Ritter Eisenfraß“.

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