Zehn Dinge, die sich über FAUST II zu wissen lohnen

Wussten Sie…

  • … dass sich Johann Wolfgang von Goethe insgesamt 64 Jahre seines Lebens mit der Figur des Faust auseinandergesetzt hat? Angeregt hat ihn das „Puppenspiel von Doktor Faustus“, das er in einer Darbietung einer Wandertruppe gesehen hat. Als junger Rechtsanwalt war er in Frankfurt/Main Zeuge des Prozesses gegen die wegen Kindsmordes angeklagte Susanna Margarethe Brandt. Im Laufe der Jahre verschränkte er den Themenkomplex des Universalgelehrten Faust, der mit dem Teufel einen Pakt schließt, mit der Tragödie des Gretchens zu „Faust I“. Faust entstand in mehreren kreativen Schüben, über den sog. „Urfaust“, der sich noch stark an das Puppenspiel anlehnt, über „Faust. Ein Fragment“, in dem die Gretchen-Tragödie behandelt wird, bis zum 1805 vollendeten „Der Tragödie ersten Teil“.
  • … dass Goethe lange Zeit nicht an die Fortsetzung des „Faust“ dachte. Zwar diktierte er seinem Privatsekretär Eckermann für „Dichtung und Wahrheit“ eine Skizze, die die Fortführung der Handlung nach dem Tod Gretchens skizziert, allerdings strich er sie vor Drucklegung aus dem Manuskript heraus. Eckermann aber behielt die Skizze und regte seines Meisters Interesse am Faust-Stoff damit an, wann immer sie zu erlahmen drohte. Es war ein Gespräch mit Karl Ernst Schubarth im Jahr 1820, das ihn bewog, sich ernsthaft mit „Faust II“ auseinanderzusetzen. Aber erst fünf Jahre später machte er sich an die Arbeit.
  • … dass Goethe sechs Jahre brauchte, um „Faust II“ zu vollenden? Neben der Arbeit an dem Drama schrieb er auch „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ komplett um und arbeitete an der geplanten Gesamtausgabe seiner Werke. Die „Ausgabe letzter Hand“ war für ihn der eigentliche Antrieb, das Werk zu vollenden, denn er wollte es dort veröffentlichen. Er begann mit dem dritten, dem sog. Helena-Akt, und schritt von dort aus sowohl in der Handlungschronologie vor und zurück. Für einen Akt benötigte er jeweils ein Jahr. Er selbst beklagte sich öfters bei Eckermann über den langsamen Arbeitsprozess: „Am zweiten Teil meines ‚Faust’ kann ich nur in den frühen Stunden des Tages arbeiten, wo ich mich vom Schlaf gestärkt fühle, und die Fratzen des täglichen Lebens mich noch nicht verwirrt haben. Und doch, was ist es, das ich ausführe! Im allerglücklichsten Fall eine geschriebene Seite, in der Regel aber nur soviel, als man auf den Raum einer Handbreit schreiben könnte, und oft, bei unproduktiver Stimmung, noch weniger.“
  • … dass Goethe sich zeit seines Lebens gegen eine Interpretation seines Werkes verwahrte? So schreibt er: „Die Deutschen sind wunderliche Leute! Sie machen sich durch ihre tiefen Gedanken und Ideen, die sie überall suchen und überall hineinlegen, das Leben schwerer als billig. Ei, so habt doch endlich einmal die Courage, euch den Eindrücken hinzugeben, euch ergötzen zu lassen, euch rühren zu lassen, euch erheben zu lassen. Da kommen sie und fragen, welche Idee ich in meinem ‚Faust’ zu verkörpern gesucht. Als ob ich das selber wüsste!“
  • … dass „Faust II“ lange Zeit jenes Stück der deutschen Literatur war, dessen Aufführung an der erforderlichen Anzahl von Mitwirkenden scheiterte? Allein für die Finalszene, der Grablegung des Faust, braucht es – so sieht es Goethe vor – mehrere Chöre. Die Anzahl der Personen wird nur von Karl Kraus „Die letzten Tage der Menschheit“ übertroffen.
  • … am Schluss eigentlich Mephisto die Wette mit Gott gewonnen hat und dennoch als Verlierer dasteht? Ausgangspunkt der Handlung ist eine Wette zwischen Gott und dem Teufel. Kann es dem Bösen gelingen, einen Menschen so abgrundtief zu verderben, dass er vom rechten Weg abkommt und ihn nicht wiederfindet. Am Schluss von „Faust II“ ist Faust alt und blind. Er, der alles erlebt und erfahren hat, was die Welt bietet, entwirft seinen kühnsten Plan: Er will einen Deich bauen und so dem Meer Land abgewinnen für die besitzlosen Menschen. Dabei helfen ihm Lemuren, die Mephisto aus der Hölle emporruft. Vermeinend, der Damm sei fertig, spricht Faust jenen Satz, der ihm zu äußern streng verboten ist: „Oh Augenblick verweil, du bist so schön!“ Schon will Mephisto nach seiner Seele greifen, da öffnet sich aber der Himmel und nimmt Faust auf. Begründung: „Wer strebend sich bemüht, den können wir erlösen!“ Denn: Faust hat nach all seinem egoistischen Handeln eine Tat vollbracht, in der er sich als selbstbewusst selbstlos erwiesen hat. Er hat für andere Menschen, für den glücklichen Fortbestand der Menschheit gearbeitet – und somit ist er erlöst!
  • … was Xin Peng Wang zu seinem Ballett „Faust II – Erlösung!“ anregte? Es war das Bild des kleinen Aylan, jenes Flüchtlingskindes, das am 3. September 2015 in der Nähe des türkischen Badeortes Bodum tot ans Festland gespült wurde. Eine Woche zuvor wurde im österreichischen Parndorf ein herrenlos in einer Parkbucht der Autobahn abgestellter LKW geöffnet. Darin befanden sich 71 erstickte Flüchtlinge. Gleichzeitig wurde in Wien vor dem Hintergrund der griechischen Wirtschaftsmisere über die Sperrung der Balkanroute konferiert, über Schutzzäune gegen Serbien, über Abschottung und über europaweite Verteilungsschlüssel bei der Aufnahme von Flüchtlingen.
  • … dass Xin Peng Wang weltweit der erste Choreograph ist, der Goethes „Faust II“ als Ballett realisiert? Dortmunds Ballettdirektor bekennt: „Mein neues Ballett wurde entworfen und entwickelt in einer Zeit des weltweiten Umbruchs. Flüchtlingsströme drängen nach Europa. Das Abendland, dessen Wertekanon von Persönlichkeiten wie Johann Wolfgang von Goethe entscheidend geprägt ist, steht auf dem Prüfstand. Ist es wirtschaftlich in der Lage, Mitmenschlichkeit zu üben? Sind seine Bewohner gewillt, Überlebensräume zu schaffen für die Schutzsuchenden? Ich bin kein Ökonom, kein Politiker und habe keine hieb- und stichfesten Antworten auf die brennenden Fragen der Zeit. Ich bin Künstler und spüre in mir, dass ich meine Augen und Ohren, mein Herz nicht verschließen darf vor den aktuellen Ereignissen. Ich habe eine Verantwortung für die Welt, in der ich lebe, und damit die Verpflichtung, für die Werte, die ich in meinem Leben als wichtig erfahren habe, mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln einzustehen. Dem Meer Land abgewinnen für die Besitzlosen. Fausts Traum ist ein Auftrag an uns.“
  • … dass Xin Peng Wang für sein neues Handlungsballett mit einem der renommiertesten Licht-Künstler unserer Zeit zusammenarbeitet? Li Hui wurde 1977 in Peking geboren und lebt dort als Konzept-Künstler. Seine artifiziellen Lichtinstallationen wurden bei Ausstellungen in Wien, Paris, Monte Carlo, den USA sowie am National Art Museum of China, am National Museum of Contemporary Art in Seoul (Korea) oder im Lichtkunstmuseum in Unna gezeigt. In seinen Arbeiten reflektiert er neben ästhetischen Fragen immer wieder die politische und soziale Situation seines Heimatlandes.
  • … dass Xin Peng Wang für diese Produktion Weltstars nach Dortmund verpflichten konnte. Lucia Lacarra und Marlon Dino sind international gefeierte Stars und waren schon mehrfach bei Internationalen Ballettgalas in der Ruhr-Metropole zu Gast. Nunmehr sind sie dem Ballett Dortmund als ständige Gastsolisten verbunden und Xin Peng Wang kreiert für sie die Hauptrollen seines neuen Balletts.
This article was written by
Christian Baier

Christian Baier, geboren in Wien. Musiktheaterdramaturg und Schriftsteller. Nach seiner Tätigkeit als Chefredakteur der Österreichischen Musikzeitschrift war er Chefdramaturg der Wiener Festwochen, der Wuppertaler Bühnen und des Theater Dortmund sowie Künstlerischer Produktionsleiter in der Intendanz der Deutschen Oper Berlin. Daneben zahlreiche Gastdramaturgien, u.a. Semperoper Dresden, Theater an der Wien, Landestheater Linz, Musiktheater im Revier Gelsenkirchen und Hong Kong Ballett. Seit 2006 arbeitet er mit Xin Peng Wang zusammen. Seit 2011 ist er Chefdramaturg des Ballett Dortmund, seit 2013 Künstlerischer Leiter der Internationalen Gluck Opern Festspiele.

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