Ist Norma Desmond vermindert schuldfähig?

… fragt sich der Psychiater nach der gefeierten Premiere des Musicals “Sunset Boulevard” in der Dortmunder Oper am 08. Oktober 2016. Einer Premiere, bei der Pia Douwes, Wietske van Tongeren, Oliver Arno und Ks. Hannes Brock sowie das gesamte Ensemble mit großer Überzeugungskraft die tragische Geschichte einer, von der Zeit überholten, Stummfilm-Schauspielerin zeichnen. So eindrucksvoll, dass sich der Psychiater seine eigenen Gedanken macht.

Am Sunset Boulevard 10086 tötet die Stummfilm-Diva, Norma Desmond, Ihren Liebhaber Joe Gillis durch mehrere gezielte Schüsse in den Rücken. Schon lange wohnt die in die Jahre gekommene Frau, gemeinsam mit ihrem Ex-Ehemann Max von Mayerling, der gleichzeitig ihr Butler ist, zurückgezogen. Längst lebt sie, von ihren Filmproduzenten, ihren Fans, ja vom Leben verlassen, vereinsamt, depressiv und ohne soziale Kontakte, in ihrer Hollywood Villa. Ihren sozialen Tod kompensiert Desmond durch die Fantasie, noch immer ein gefeierter Stummfilmstar zu sein. Ihr Lebensmotto heißt: „Bleiben ist Pflicht, ich schenk der Welt Träume aus Licht.“ Im Laufe der Jahre wird ihre Fantasie zur wahnhaften Gewissheit. Durch nichts ist sie von der Realität zu überzeugen. Ihr Ex-Ehemann, selbst einem Partnerschaftswahn, einer Folie a deux, verfallen, bestärkt sie in ihrem Wahn, noch immer von ihren Fans geliebt und bewundert zu sein. Seit Jahren schreibt und schickt er seiner, von ihm vergötterten, Ex-Frau die Fanpost.

Norma Desmond leidet an einer wahnhaften Störung. Hierbei handelt es sich, nach dem Diagnostischen Manual der Weltgesundheitsorganisation, um eine „Störung charakterisiert durch die Entwicklung eines einzelnen Wahns oder mehrerer aufeinander bezogener Wahninhalte, die im Allgemeinen lange, manchmal lebenslang, andauern. Der Inhalt des Wahns oder des Wahnsystems ist sehr unterschiedlich.“  Die Wahnerkrankung, bei der der Wahn, oft im Sinne einer Wahnentwicklung, das wesentlichste Symptom darstellt, lässt die typischen Symptome einer Schizophrenie und einer affektiven Psychose fehlen. Ein solches Wahngeschehen bleibt nicht ohne erhebliche psychosozialer Folgen. Isolation, Einsamkeit aber auch Depressionen und Suizidalität können die Folgen sein.

Bei ihrem Butler und Ex-Ehemann Max liegt eher ein induzierter Wahn vor, wie er im Rahmen einer Partnerschaft auftreten kann. Es handelt sich um eine wahnhafte Störung, welche von zwei Personen mit einer engen emotionalen Bindung geteilt wird. Nur eine von beiden leidet unter einer echten psychotischen Störung; die Wahnvorstellungen bei der anderen Person sind induziert und werden bei der Trennung des Paares meist aufgegeben.

Zufällig erscheint der erfolglose und verarmte Drehbuchautor Joe Gillis in ihrer etwas verstaubten Villa am Sunset Boulevard. Vom Luxus der noch immer wohlhabenden Stummfilm-Diva beeindruckt, wird er von ihr und ihrem Butler und Ex-Ehemann in deren wahnhaftes System eingebaut. Er soll ein von Norma geschriebenes Drehbuch redigieren. Starr, umstellungserschwert und weiterhin von ihrer Genialität überzeugt, lässt die Diva Kritik und selbst kleinste Veränderungen an ihrer Geschichte nicht zu. Vergeblich versucht Gilles, ihr die Veränderungen im Filmbusiness nahe zu bringen. Das somit kaum veränderte Drehbuch, welches, natürlich die Desmond in der Hauptrolle sieht, wird so dem großen Hollywood Regisseur Cecile B. DeMille vorgelegt –  und prompt abgelehnt.
Gillis, inzwischen ihr Liebhaber geworden, sucht zunächst die bittere Wahrheit von ihr fernzuhalten. Nicht an Norma Desmond sind die Paramount Studios interessiert, als sie vergeblich versuchen, telefonischen Kontakt aufzunehmen, sondern allein an ihrem Automobil, einem selten gewordenen Oldtimer. Die wiederholten Anrufe der Studios verkennt Desmond als Interesse an ihr und ihrem Filmskript. Endlich scheint ihr paranoides, größenwahnsinnig anmutendes Selbstbild auch in die Realität zu passen.
Joe Gillis hat sich in die Drehbuch-Assistentin Betty Schaefer verliebt. Norma Desmond, die den Liebhaber mit allen Mitteln halten will, erfährt dies und denunziert Gillis als einen Nichtsnutz, der lediglich von ihr ausgehalten wird. Bei einer gemeinsamen Begegnung entscheidet sich der „Nichtsnutz“ für den Luxus, bleibt bei Desmond und gibt seiner Liebe den Laufpass.
Doch er zweifelt, verlässt schließlich den alternden Stummfilmstar, nicht ohne ihn mit der Wahrheit zu konfrontieren. Norma Desmonds Wahngebäude droht in sich zusammenzustürzen. Eben das Wahngebäude, welches sie vor der Unerträglichkeit ihres Daseins und vor der tiefen Depression geschützt, aber auch ihre Einsichtsfähigkeit deutlich reduziert hat, wird erschüttert. Dies nimmt Desmond als absolute Bedrohung wahr. Für sie ist Gilles die Person, die ihr ihre grandiose Zukunft ernsthaft in Gefahr bringt. Sie gerät in einen affektiven Ausnahmezustand. Schließlich wird sie nicht nur mit der bitteren Wahrheit ihres Lebens konfrontiert, sondern im gleichen Moment von ihrem jüngeren Liebhaber verlassen. In diesem Zustand ist ihre Steuerungsfähigkeit erheblich reduziert oder gar aufgehoben.

Sie schießt.

Als die Polizei Desmond verhaften will, widersetzt sie sich. Von Mayerling kann ihr einreden, dass es sich bei dem Verhaftungsszenario lediglich um eine Filmszene handelt, die gerade jetzt gedreht werden soll. Erneut verkennt Norma Desmond die Realität, wähnt sich am Set und geriert sich in grotesker Art und Weise als der Star am Set. Bis zuletzt lässt sie eine Erschütterung ihres Wahnes nicht zu.

§ 21 StGB Verminderte Schuldfähigkeit

Ist die Fähigkeit des Täters, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln, (…) bei Begehung der Tat erheblich vermindert, so kann die Strafe (…) gemildert werden.

This article was written by
Hans Joachim Thimm

Hans Joachim Thimm ist Erster Oberarzt der Allgemeinen Psychatrie an der LWL Klink in Dortmund Aplerbeck. Als enger Berater hat Hans Joachim Thimm bei dem Musical "Next to Normal", bei dem es um eine manisch-depressive Frau geht, dem Leitungsteam und den Darstellern wertvolle Informationen und Einblicke in die Welt der psychischen Erkrankungen gegeben. Seitdem lässt ihn das Theater nicht mehr los - als ständiger Besucher und nach wie vor mit seinem Wissen über die menschliche Psyche als inspirierender Gesprächspartner. In lockerer Folge wird Hans Joachim Thimm auf dem Opernblog seine ganz spezielle Sichtweise auf einige Opernfiguren darstellen.

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