Was hat Papageno mit der Psychiatrie zu tun?

Was hat Papageno mit der Psychiatrie zu tun?

Auf den ersten Blick nichts! Der stets lustige, manchmal unbeholfene, aber auch schlitzohrig wirkende, lustige Vogel(fänger) bewegt sich scheinbar leicht durch den ernsthaften Kampf zwischen Tag und Nacht, den Tamino und Pamina bestehen müssen. Er bewegt sich scheinbar leicht durch das Leben. Jedoch gerät er in eine ernsthafte Krise, als ihm, die von ihm ersehnte Papagena, offensichtlich unerreichbar bleibt: „Weibchen! Täubchen!  meine Schöne! Vergebens! Ach sie ist verloren! Ich bin zum Unglück schon geboren.“
Er zweifelt an sich, macht sich Selbstvorwürfe, wird lebensmüde und erwägt seinen Suizid. In für den Psychiater klassischer Weise durchlebt er alle Phasen einer suizidalen Krise von der Erwägung über die Ambivalenz bis zum Entschluss.
„Müde bin ich meines Lebens!“ –  Rasch gerät er aus dem Stadium der Erwägung in die Phase der konkreten Planung: „Diesen Baum da will ich zieren, mir an ihm den Hals zuschnüren, weil das Leben mir missfällt. Gute Nacht, du schwarze Welt.“ Noch ist er hin und her gerissen: „Will sich eine um mich Armen, eh‘ ich hänge, noch erbarmen, Wohl, so lass ich´s diesmal sein!  Rufet nur – ja, oder nein!“   Als er nicht erhört wird bleibt er ambivalent und gibt dem Leben eine weitere Chance: „Nun, ich warte noch, es sei, bis man zählt: Ein zwei, drei.“ Erneut erhält er keine Antwort. Erst jetzt verlässt er die Phase der Ambivalenz und kommt zum Entschluss: „Nun wohlan, es bleibt dabei, weil mich nichts zurücke hält! Gute Nacht, du falsche Welt.“ Nun wirkt er ruhig, gefasst. Das ist die Ruhe vor dem Sturm. Er legt den Strick um den Ast eines Baumes.
Kurz vor Vollendung seiner Tat wird er von den drei Knaben in seiner Handlung unterbrochen. „Halt ein, O Papageno und sei klug. Man lebt nur einmal, dies sei dir genug.“ Die suizidale Handlung ist unterbrochen, die erste Gefahr gebannt. Die auf sich selbst bezogene Aggression richtet Papageno zunächst gegen seine drei Retter. Wütend wendet er sich ihnen zu: „Ihr habe gut reden, habt gut scherzen; doch brennt es Euch wie mich im Herzen. Ihr würdet auch nach Mädchen gehn.“
Erst in einem zweiten Schritt zeigen die drei Knaben Papageno die Lösung auf. Sie erinnern ihn an das Glockenspiel: „So lasse deine Glöckchen klingen; dies wird dein Weibchen zu dir bringen.“  Somit ist die Wende vollbracht.  Der Gedanke an den Suizid ist überwunden. Papageno trifft auf Papagena, seine Lebensfreude kehrt zurück.

Vom Papageno-Effekt spricht man in der Psychiatrie, wenn die Medien die konstruktiven Lösungen von Menschen in suizidalen Krisen hervorheben. Über Suizide sollte daher über die individuelle Problematik der Betroffenen berichtet und nicht reißerisch und hoch emotional geschrieben werden. Auf diese Weise lässt sich die Anzahl der Nachahmungstaten reduzieren.

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Hans Joachim Thimm

Hans Joachim Thimm ist Erster Oberarzt der Allgemeinen Psychatrie an der LWL Klink in Dortmund Aplerbeck. Als enger Berater hat Hans Joachim Thimm bei dem Musical "Next to Normal", bei dem es um eine manisch-depressive Frau geht, dem Leitungsteam und den Darstellern wertvolle Informationen und Einblicke in die Welt der psychischen Erkrankungen gegeben. Seitdem lässt ihn das Theater nicht mehr los - als ständiger Besucher und nach wie vor mit seinem Wissen über die menschliche Psyche als inspirierender Gesprächspartner. In lockerer Folge wird Hans Joachim Thimm auf dem Opernblog seine ganz spezielle Sichtweise auf einige Opernfiguren darstellen.

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