Ist es Wahnsinn oder Operette?

Ist es Wahnsinn oder Operette?

Da steht ein Mann im Dirigentenfrack allein am Bühnenrand und dirigiert verzückt, mit betonter, ja manierierter Gestik ein Orchester und wir hören mit. Hören wir wirklich? Oder werden wir sanft hinein gezogen, in die psychotische Halluzination, in die verklärte Erinnerung eines dementen Menschen. Denn rasch wird deutlich, es ist nichts zu hören. Vor uns steht Paul Abraham. Behutsam versucht sein Gesprächspartner ihm zu verdeutlichen, dass er einer Trugwahrnehmung aufgesessen ist. Doch vergebens. Vielmehr nimmt der unbeirrbare Abraham ihn mit in seine Welt.
Paul Abraham, der Operettenkönig. Schon längst ist er vor den Nazis nach Amerika geflohen. Schon lange werden seine, zunächst in Deutschland gefeierten Operetten, nicht mehr gespielt. Paul Abraham ist an Syphilis erkrankt. Nicht oder unzureichend behandelt, hat sie bei ihm zu einer progressiven Paralyse geführt. Hirnerweichung nannte der Volksmund den dramatischen Langzeitverlauf der venerischen Erkrankung, welche heute durch eine frühzeitige und ausreichend hohe Penicillintherapie medizinisch gut beherrschbar ist und nur noch sehr selten auftritt.
Die progressive Paralyse ist nicht zu behandeln, sie schreitet unaufhaltsam fort und führt zur Demenz. Oft sieht man im Verlauf dieser entzündlichen Veränderung des Gehirns neurologische Ausfälle, wie Sprachstörungen oder Störungen des Gangbildes. Psychisch führt sie nicht selten zu einer erhöhten Reizbarkeit, zu Störungen des Antriebs aber auch zu psychotischen Symptomen wie Halluzinationen, also zu Trugwahrnehmungen, oder zu wahnhaften Veränderungen, wie etwa den euphorisch getönten Größenwahn.
Zehn Jahre wurde Abraham in Amerika psychiatrisch behandelt, bis er zurück nach Deutschland kam und in der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf weiter betreut wurde.

Was erleben wir? Den psychotischen Wahn des Operettenkönigs oder doch nur Die Blume von Hawaii mit ihrem „herrlichen Operettenwahnsinn“.
Erst am Ende der Vorstellung wird deutlich, dass Abraham seinen Psychiater an seiner Erinnerung, an seinem Wahn, an seiner Geschichte hat teilhaben lassen, indem er ihm in seinem Stück die Rolle des Jim Boy zugewiesen hatte und ihn in die Handlung eintauchen ließ.

Ist es Wahnsinn oder Operette? Es ist einfach eine wahnsinnig gute Inszenierung!

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Hans Joachim Thimm

Hans Joachim Thimm ist Erster Oberarzt der Allgemeinen Psychatrie an der LWL Klink in Dortmund Aplerbeck. Als enger Berater hat Hans Joachim Thimm bei dem Musical "Next to Normal", bei dem es um eine manisch-depressive Frau geht, dem Leitungsteam und den Darstellern wertvolle Informationen und Einblicke in die Welt der psychischen Erkrankungen gegeben. Seitdem lässt ihn das Theater nicht mehr los - als ständiger Besucher und nach wie vor mit seinem Wissen über die menschliche Psyche als inspirierender Gesprächspartner. In lockerer Folge wird Hans Joachim Thimm auf dem Opernblog seine ganz spezielle Sichtweise auf einige Opernfiguren darstellen.

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