Klempner und Theatertier:  Philip Glass wird 80

Klempner und Theatertier: Philip Glass wird 80

Jetzt, da er am 31. Januar 80 Jahre alt wird und wirklich jeder Freund der Neuen Musik weltweit seinen Namen kennt, kommt keiner der vielen Gratulations-Artikel ohne die Sache mit dem Klempner aus. Philip Glass, heute der meistaufgeführte US-Komponist und sicher kein armer Mann, musste sich noch nach seinem Welterfolg mit der Oper Einstein on the Beach seinen Lebensunterhalt mit Jobs verdienen, die einem nicht gleich einfallen, wenn man an einen berühmten Musiker denkt. Taxifahren, die klassische Beschäftigung von Künstlern ohne Engagement, zählte dazu, aber auch anspruchsvollere Aufgaben. Ein Kunde, dem er in den 70ern seine Geschirrspülmaschine anschließen sollte, entpuppte sich als Kunstkritiker des TIME Magazine und erkannte Glass sofort. Dieser berichtet den anschließenden Dialog folgendermaßen:
„‘Aber Sie sind doch Philip Glass! Was machen Sie hier?‘ Es war offensichtlich, dass ich dabei war, seinen Geschirrspüler zu installieren, und ich sagte ihm, dass ich bald damit fertig wäre (…). ‚Aber Sie sind ein Künstler!‘, protestierte er. ‚Ich werde Ihnen nicht erlauben, an meiner Geschirrspülmaschine zu arbeiten!‘ Ich erklärte, dass ich ein Künstler sei, aber manchmal auch als Klempner arbeiten würde und er weggehen solle, damit ich meine Arbeit beenden könnte.“
Auch wenn der fließende Übergang zwischen Kunst und Handwerk für das amerikanische Kunstverständnis typisch sein mag, über Glass und seine Arbeit sagt diese Episode noch mehr aus. Jahrelang hatte er – und so ist es letztlich bis heute geblieben – sowohl glühende Verehrer als auch Gegner, die ihn als Scharlatan ansehen. Das hängt ohne Zweifel mit der Kompositionsweise zusammen, der er sich verschrieben hatte, der Minimal Music. Glass hat sie nicht erfunden (das waren Kollegen wie Steve Reich, Terry Riley und einige andere), aber er hat sie einem großen Publikum vermittelt und ist bis heute ihr bekanntestes Gesicht. Philip Glass ist ein hervorragend ausgebildeter klassischer Komponist, der zwei Jahre bei der legendären Kompositionslehrerin Nadia Boulanger in Paris studiert hat. Trotzdem wendet er sich in seinen Kompositionen gegen die europäische Tradition sowohl der Spätromantik als auch der atonalen, dodekaphonen und seriellen Musik. Die Komponisten der Minimal Music arbeiten mit meist kleinen, spezialisierten Ensembles, beziehen ihre Inspiration eher aus nicht-europäischen Musikformen wie der Gamelan-Musik und afrikanischer Polyrhythmik; Glass selbst hat nicht nur in Europa, sondern auch in Indien bei Ravi Shankar studiert. Minimal Music ist selten atonal und ruht auf einem stabilen harmonischen Fundament. Typisch für Glass‘ Kompositionen ist vor allem das Element der Wiederholung. Kleine musikalische Einheiten, so genannte patterns (Muster), werden mit kleinen Variationen wiederholt, was beim Zuhörer, der sich darauf einlässt, eine Art Trance-Zustand erzeugen kann.
Heute sieht Glass sich nicht mehr als Komponist von Minimal Music, die es in seinen Augen seit 30 Jahren nicht mehr gibt, sondern als Theaterkomponisten. Das meint zum einen seine zahlreichen Film-Soundtracks (die Musik zu Koyaanisqatsi ist vielleicht das populärste Stück Minimal Music überhaupt), vor allem aber seine mittlerweile 26 Opern und 20 Ballette. Nach dem Sensationserfolg seiner ersten Oper Einstein on the Beach, die 1976 uraufgeführt wurde und am 23. April an der Oper Dortmund Premiere haben wird, hat Philip Glass das Musiktheater für sich entdeckt. Nicht jede seine Opern ist ein Geniestreich, manches klingt wie rasch hergestellte Konfektionsware, aber immer zeigt sich ein sicheres Gespür für die Anforderungen der Bühne. Mit dem Publikum steht Glass auf gutem Fuß, seine Kompositionen machen auch den Hörern Spaß, bei denen Neue Musik ansonsten eher Fluchtreflexe auslöst. Trotzdem sagte Philip Glass vor einigen Tagen in einem Interview mit dem britischen Guardian auf die Frage, ob die alten Grabenkämpfe zwischen den Kompositionsstilen inzwischen überwunden seien:
„Nein nein nein nein nein! Diese Trennungen sind niemals geheilt. Die Leute sind einfach nur gestorben. Die Leute, die dich nicht wollen, ändern nie ihre Meinung. Wenn du Glück hast, überlebst du sie.“

Herzlichen Glückwunsch, Mr. Glass! Die Oper Dortmund freut sich auf die Begegnung mit Ihrer Musik.

This article was written by
Georg Holzer

Hier sieht man ihn an des Dramaturgen Lieblingsplatz: dem Schreibtisch. Georg Holzer ist mit seiner umfassenden Bildung, seinen klugen Ideen und seinen Formulierungskünsten so etwas wie der „Think Tank“ der Oper Dortmund. Wer einmal eine seiner übrigens brillanten Einführungen gehört hat, weiß: Georg Holzer kommt aus Bayern. Studiert hat er dann aber in Berlin, Poitiers und Florenz, bis er als Dramaturgie- und Regieassistent sein erstes Theaterengagement an den traditionsreichen Münchner Kammerspielen antrat. Heute ist er Chefdramaturg der Oper Dortmund. Überdies ist er auch ein gefragter Übersetzer, nicht nur der Übertitel der Oper Dortmund, sondern auch diverser Theaterstücke und insbesondere französischer Lyrik. Den nötigen Ausgleich zu so viel Kopfarbeit findet er bei ausgedehnten Jogging-Runden durch Dortmunds Parks.

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