Vom Frauenheld zum Mathematiker:  400 Jahre Don Giovanni

Vom Frauenheld zum Mathematiker: 400 Jahre Don Giovanni

Unzählige Dichter, Dramatiker, Komponisten und natürlich auch Maler haben sich in den letzten 400 Jahren von Don Juan oder Don Giovanni inspirieren lassen. Die Figur ist im spanischen Volkstheater entstanden. Erstmals fixiert hat sie vermutlich der spanische Mönch Gabriel Téllez, der sich als Autor Tirso de Molina nannte. Jedenfalls wird ihm die Komödie El burlador de Sevilla o convidado de piedra (Der Wüstling von Sevilla oder Der steinerne Gast) von 1613 (oder 1619) zugeschrieben. Ob sie wirklich eines seiner etwa 80 Stücke ist, ist zweifelhaft. Tirso de Molina war ein Dichter, der wenig Respekt vor Autoritäten hatte – und gerade der Don Juan ist ein eher braves Stück. Max Frisch lässt in seiner Bearbeitung einen Bischof sagen: „Übrigens zweifle ich, ob es wirklich ein Tirso de Molina ist; es ist allzu fromm, scheint mir, und sprachlich nicht auf der Höhe seiner anderen Stücke.“

Übeltäter oder Frauenheld?

Tatsächlich beginnt Don Juans lange Reise durch die europäische Literatur als ziemlich eindimensionale Gestalt. Der Burlador de Sevilla ist vor allem eine moralische Komödie: Gezeigt wird ein Mann, der keine Frau in Ruhe lässt, der vergewaltigt, tötet und schließlich verdientermaßen vom Teufel geholt wird. Eine erbauliche Handlung also für fromme Seelen, wie sie im streng katholischen Spanien des 17. Jahrhunderts gut ankam. Dazu kamen zwei Theatercoups, die für das Publikum unwiderstehlich waren: Die Statue des Komtur, die plötzlich zu sprechen beginnt, und Don Juans Höllenfahrt am Schluss des Stücks versetzten die Zuschauer in Schrecken und Begeisterung. Es dürften diese Effekte gewesen sein, die in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens für die rasende Ausbreitung des Don Juan-Stoffs im europäischen Theater sorgten.
Schon bald wurden sich die Dichter darüber klar, dass Don Juan mehr sein konnte als ein bestrafter Übeltäter. Nun rückten die faszinierenden Aspekte der Figur in den Vordergrund. Wie schafft es Juan, eine so unwiderstehliche Wirkung auf Frauen auszuüben? Was sucht er in den Frauen, woher kommt seine erotische Unersättlichkeit? Ist er ein Prophet des Lebensgenusses oder ein armer Kerl, der ständig vor sich selbst davonläuft? Der erste Dramatiker nach Tirso de Molina, der in Don Juan einen Spötter und Gegner der einengenden Religion zeichnet, ist Molière in seinem Dom Juan ou le Festin de pierre (1665). Auch sein Juan wird am Ende vom Teufel geholt, aber vorher hat er ziemlich viel Spaß auf der Bühne, was konservativen Kreisen missfällt. Molières Stück hat Erfolg, aber er muss sich auch viel verletzende Kritik gefallen lassen.

Don Juan und die Musik

In dieselbe Richtung geht Lorenzo Da Ponte mit seinem Libretto zu Mozarts Oper. Auch sein Don Giovanni ist kein Sympathieträger, aber ein faszinierender Bösewicht. Dazu kommt Mozarts Musik, die allzu oft für die Untaten von Don Giovanni und Leporello spannendere Töne findet als für die Figuren im Lager der Anständigen. Die Musik erschließt der Figur noch einmal eine neue Dimension. Der Schriftsteller und Komponist E.T.A. Hoffmann ist der Meinung, dass Don Juan nur in der Musik seinen wirklichen Ausdruck finden kann. Don Giovanni, die zweite gemeinsame Arbeit von Mozart und Da Ponte nach Figaros Hochzeit, bestätigt diese Meinung eindrucksvoll. Auch andere große Komponisten versuchten sich an Vertonungen, so im 18. Jahrhundert Christoph Willibald Gluck in einer Ballettmusik und im 19. der junge Richard Strauss in seiner Tondichtung Don Juan. In Andrew Lloyd Webbers Musical Phantom der Oper (1986) geht es um die fiktive Oper Don Juan Triumphant, die vom Phantom selbst geschrieben und komponiert wurde.

Im 20. Jahrhundert

Auf über 3000 literarische Werke vom Gedicht über das Libretto bis zum Roman schätzt man inzwischen die von Don Juan inspirierte Literatur, die Dunkelziffer dürfte noch erheblich höher sein. Im 20. Jahrhundert gerät Don Juan in die Fänge der Psychoanalyse und wird zum Archetyp gemacht. Otto Rank sieht ihn als den Mann, der in jeder Frau seine verlorene Mutter sucht. Albert Camus – übrigens selbst ein großer Frauenheld – spricht vom „Don Juanismus“ als einer Religion des Vergnügens. Er stellt sich Don Juan als einen fröhlichen Menschen vor, der der Absurdität des menschlichen Lebens die Lust und den Genuss entgegen setzt.
Zwei Stücke, die heute praktisch von den Theaterspielplänen verschwunden sind, stellen die vielleicht interessantesten Beiträge zum Fortleben des Don Juan-Stoffs auf den Bühnen des 20. Jahrhunderts dar. Ödön von Horváths Don Juan kommt aus dem Krieg (1935) hat eine männliche und 35 weibliche Rollen (ein paar davon können allerdings mehrfach besetzt werden). Don Juan ist hier ein Kriegsheimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg, der nach seiner verschollenen Braut sucht und dabei auf viele Frauen unterschiedlichen Alters und sozialer Schichten trifft. Im Deutschland der Weimarer Republik, dem es nach den Massakern des Weltkriegs an jungen Männern mangelt, wird der verquälte Don Juan zum Ziel weiblicher Sehnsüchte.
Einen noch radikaleren Blick als Horváth wirft Max Frisch auf Don Juan. In seinem Stück Don Juan oder die Liebe zur Geometrie (1952/61) tritt Don Juan als junger Mann auf, dem die Frauen eher versehentlich zustoßen. Schließlich inszeniert er vor seinen versammelten abgelegten Liebhaberinnen den Auftritt des steinernen Gastes und die Höllenfahrt, um sich von ihnen zu befreien und sich auf das Schloss einer Verehrerin zurückzuziehen, wo er sich endlich seiner wahren Liebe widmen kann, der Geometrie. Die Anziehungskraft von Frischs Don Juan besteht vor allem darin, dass ihm die Frauen eigentlich egal sind. Bei Mozart/Da Ponte und den meisten anderen Bearbeitungen reizt die Frauen an Don Giovanni vor allem zu spüren, dass sie sein Lebenselixier darstellen. Ein Don Juan, der in Wahrheit davon träumt, Mathematiker zu sein – das wäre sicher Stoff für eine weitere Oper…

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Georg Holzer

Hier sieht man ihn an des Dramaturgen Lieblingsplatz: dem Schreibtisch. Georg Holzer ist mit seiner umfassenden Bildung, seinen klugen Ideen und seinen Formulierungskünsten so etwas wie der „Think Tank“ der Oper Dortmund. Wer einmal eine seiner übrigens brillanten Einführungen gehört hat, weiß: Georg Holzer kommt aus Bayern. Studiert hat er dann aber in Berlin, Poitiers und Florenz, bis er als Dramaturgie- und Regieassistent sein erstes Theaterengagement an den traditionsreichen Münchner Kammerspielen antrat. Heute ist er Chefdramaturg der Oper Dortmund. Überdies ist er auch ein gefragter Übersetzer, nicht nur der Übertitel der Oper Dortmund, sondern auch diverser Theaterstücke und insbesondere französischer Lyrik. Den nötigen Ausgleich zu so viel Kopfarbeit findet er bei ausgedehnten Jogging-Runden durch Dortmunds Parks.

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