Die Gebrüder Strauß – Profis im Unterhaltungsgeschäft

Die Gebrüder Strauß – Profis im Unterhaltungsgeschäft

Ingenieur wollte er werden und hatte auch schon einige erfolgsversprechende Erfindungen eingereicht, doch als die Familie rief, musste sich Josef Strauß den Umständen beugen: Der zweite Sohn des „Walzerkönigs“ stieg eher unwillig in das Familienunternehmen ein, widmete sich ihm dann aber mit der für ihn typischen Perfektion und war in Wien bald ebenso beliebt wie sein berühmter Bruder. Josef Strauß wurde 1827, zwei Jahre nach Johann, in Wien geboren. Ihre Kindheit verlief eher trostlos und war gezeichnet vom rastlosen Leben des Vaters, der aufgrund seiner zahlreichen Konzertreisen und Verpflichtungen als überaus erfolgreicher Tanzmusikkomponist selten zu Hause war. Als er sich auch noch offen zu seiner Geliebten bekannte, zerbrach die Ehe seiner Eltern vollends.

Konkurrenz in der eigenen Familie
Josef zog sich zurück und konzentrierte sich auf die Schule. Ganz im Gegensatz zu seinem temperamentvolleren Bruder Johann: Der schlug sich auf die Seite der Mutter und hatte sich in den Kopf gesetzt ebenso wie sein Vater – und gegen dessen Willen – Musiker zu werden. 1844 debütierte Johann Strauß Sohn mit einem eigenen Orchester im Casino Dommayer. Es wurde ein großer Erfolg, infolgedessen es zum offenen Konkurrenzkampf zwischen Vater und Sohn kam: Das Publikum spaltete sich in zwei Lager, die Tanzlokalitäten boten dem einen oder dem anderen ihre Bühnen an, die beiden Komponisten feilschten um Erstaufführungsrechte und versuchten, sich gegenseitig zu übertrumpfen. Drei Jahre dauerte dieser sicherlich produktive, aber menschlich zermürbende Familienstreit. Dann überraschte der Sohn den Vater mit einem Ständchen zum Namenstag und leitete damit die Versöhnung ein.

Pepi sollte einspringen.
Währenddessen hatte sich Josef im Polytechnikum eingeschrieben und Mathematik sowie Planzeichnen, später auch Maschinenlehre belegt. 1846 bekam er seine erste Anstellung als Bauzeichner. Er konstruierte eine Straßenkehrmaschine, beaufsichtigte den Bau eines Wasserwehrs und schrieb nebenher Gedichte, ein Drama, das ein oder andere Klavierlied und zeichnete mit großer Leidenschaft und Begabung.
Auch Josef Strauß hatte seine Laufbahn gegen den Willen seines Vaters eingeschlagen. Der wollte nicht nur verhindern, dass seine Söhne Musiker werden, sondern hatte für Josef auch die Soldatenlaufbahn vorgesehen. Doch in diesem Punkt wehrte sich der sonst so zurückhaltende Josef vehement: „Ich will nicht Menschen töten lernen, will nicht durch Jagdmachen auf Menschenleben ausgezeichnet werden mit einem militärisch höheren Rang, ich will den Menschen nützen als Mensch und dem Staat als Bürger.“
1848 starb sein Vater. Bruder Johann übernahm neben seinen eigenen kompositorischen Verpflichtungen dessen Kapelle. Allabendlich konzertierte er nicht nur in einem Lokal, sondern erschien bei diversen Konzerten, wo er jeweils einige Nummern dirigierte. Die Strauß-Hysterie in Wien war groß und alle wollten den Maestro persönlich sehen. Vier Jahre hielt er das rastlose Leben durch, 1853 brach er endgültig zusammen und musste zur Kur. In Folge dieses Kollapses wurde das „Tanzgeschäft“ zum Familienunternehmen ausgebaut: Pepi sollte einspringen.

Der Begabtere…
Josef war ebenso wie sein Bruder hochmusikalisch, konnte hervorragend Klavierspielen und zeigte großes Interesse an der zeitgenössischen Musik. Nun aber musste er aus dem Talent, das ihm quasi in die Wiege gelegt worden war, eine Profession machen. Nachdem er die Unausweichlichkeit seiner künftigen Musikerlaufbahn akzeptiert hatte, widmete er sich ihr gründlich: Josef nahm sowohl Geigenunterricht als auch Stunden in Harmonielehre und Kontrapunkt. Er wusste, dass er über kurz oder lang nicht nur dirigieren, sondern auch komponieren musste.
Und das tat er mit großer Bravour. In vielen seiner Werke erweist er sich als äußerst anspruchsvoller Komponist, der die Tradition der Tanzmusik nicht nur erhalten, sondern auch weiterführen wollte. Oftmals hat er dabei die Grenzen der reinen Unterhaltungsmusik überschritten, was ihm das Publikum nicht immer dankte. Josef Strauß gilt heute als der innovativste der Brüder. „Ich bin der populärere von uns beiden“, soll schon Johann Strauß gesagt haben, „Pepi aber ist der begabtere…“

Der fesche Edi
Und dann gab es auch noch einen dritten Bruder, Eduard, zehn Jahre jünger als Johann. Auch er wurde in das Tanzgeschäft aufgenommen, als der „Exportschlager Johann“ für mehrere Monate des Jahres nach Russland verpflichtet wurde. Eduard war nicht ganz so begabt wie seine Brüder, hatte jedoch im Gegensatz zu Josef bereits eine musikalische Ausbildung, bevor er ins Geschäft einstieg. Auch er komponierte eine Vielzahl von Werken, übernahm nach Josefs Tod die Kapelle und wurde k.u.k.-Hofballmusikdirektor. Man nannte ihn den „feschen Edi“, was auf seinen elegant-exzentrischen Kleidungsstil anspielte.

Es ist kein Wunder, dass bei dieser Familienkonstruktion nicht nur eitel Sonnenschein herrschte. Die zahlreichen Verpflichtungen, der Erfolgsdruck und das Gerangel untereinander zerrten an Nerven und Gesundheit. Mehr als einmal wollte Josef alles hinschmeißen. Und auch Eduard litt unter der Dominanz des ältesten Bruders Johann, der aus Angst vor einem Popularitätsverlust seine Geschwister nicht immer fair behandelte. Doch immer bevor das Familienunternehmen auseinander zu brechen drohte, griff ihre Mutter beschwichtigend ein. Bis zu ihrem Tod 1870 sorgte Anna Strauß dafür, dass ihre Söhne dem Tanzgeschäft treu blieben. Aus den über 1000 Walzern, Polkas, Mazurkas und Märschen, die im Laufe der Jahrzehnte aus der Feder der Brüder entsprangen, ist bei den alljährlichen weltweiten Neujahrkonzerten lediglich ein Bruchteil zu hören. Ihr Schwung, ihr melodiöser Reichtum und ihre mitreißende Fröhlichkeit lassen schnell vergessen, wie viel Mühen sie gekostet haben. Kein Wunder: Die Mitglieder der Familie Strauß waren echte Profis.

 

 

This article was written by
Wiebke Hetmanek

Sie ist eine der wenigen Dramaturginnen Deutschlands, die sich nicht nur der Oper verschrieben hat, sondern ein spezielles Faible für die so genannte leichte Muse hat: Wiebke Hetmanek nimmt Operette und Musical verdammt ernst – und liebt sie leidenschaftlich. Nach „Funny Girl“ folgt nun mit „Roxy und ihr Wunderteam“ ihre zweite Ausgrabung am Theater Dortmund. Geboren in Kiel, studierte Wiebke Hetmanek Musikwissenschaft, Literaturwissenschaft und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften an den Universitäten Bochum und Köln. Erste Station ihrer beruflichen Laufbahn war die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg, es folgte das Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, und seit 2011 die Oper Dortmund. Wiebke Hetmanek ist außerdem die sehr erfolgreiche Autorin der Kinderopern „Der kleine Barbier oder Eine haarige Angelegenheit“, „Kaimakan und Pappatatschi oder Piraten fluchen nicht“ sowie „Ritter Eisenfraß“.

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