Die Zauberflöte reloaded

Die Zauberflöte reloaded

Die Uraufführung der „Zauberflöte“ war ein großer Erfolg, auch finanziell. Emmanuel Schikaneder konnte ihn – im Gegensatz zum wenigen Wochen nach der Premiere verstorbenen Mozart – noch genießen und sich mit den Einnahmen zehn Jahre später ein eigenes Theater bauen. Dafür sorgte allerdings auch sein Geschäftssinn, und der gab ihm 1797 ein, aus dem Erfolg der „Zauberflöte“ noch weiteren Profit zu schlagen und eine Fortsetzung zu schreiben – so wie er es bei all seinen Erfolgsstücken getan hatte.

Der Zauberflöte zweiter Teil, 1. Akt
Die erste „Zauberflöte“ endet bekanntlich mit der Vernichtung der bösen Seite und zwei glücklichen Paaren. Doch wer will schon eine Oper über zwei intakte Ehen sehen? So erklärt Sarastro gleich auf dem Hochzeitsfest dem edlen Paar, dass die eigentlichen Prüfungen noch bevorstehen würden. Sofort funkt die Königin der Nacht dazwischen, die hier unter dem Namen Luna erscheint. Sie verwandelt ihre Damen in Venus und Adonis, damit diese Tamino und Pamina verführen. Doch Sarastro ist zur Stelle und begleitet das unschuldige Paar zur feierlichen Amtsübergabe.
Auch diese wird durch einen Eindringling gestört, der neu im „Zauberflöten“-Personal ist: Tipheus, König zu Paphos, fordert im Namen der Königin der Nacht die Herausgabe von Pamina. Die Eingeweihten drängen ihn aus dem Schloss. Und nun kommt das titelgebende Labyrinth ins Spiel; denn hier erwarten Tamino und Pamina die neuerlichen Prüfungen.
Auch Papageno darf sich nicht einfach an seiner neuen Liebe erfreuen. Nachdem er im Wald überraschend seine Eltern und zahlreiche Geschwister wiedergefunden hat, beginnt Monostatos seinen persönlichen Rachefeldzug gegen ihn und schickt ihm die aufdringliche Mohrin Gura, die sich wie eine erotische Klette an ihn hängt.
Unterdessen entführen die drei Damen Pamina aus dem Labyrinth und bringen sie an Bord von Tipheus Schiff auf eine einsame Insel. Als die Verfolger ihnen zu nahe kommen, verwandelt die Königin das Schiff kurzerhand in eine Wolke…

Der Zauberflöte zweiter Teil, 2. Akt
Während Papageno sich noch mit Gura herumschlägt, ereilt ihn Sarastros Befehl, für den inzwischen halb wahnsinnig gewordenen Tamino Pamina wiederzuholen. Er bekommt eine Wolke zur Verfügung gestellt und sein Glockenspiel zurück. So gelingt es ihm, die Damen im Nebelkabinett zu überwältigen und das Paar wieder zusammenzuführen. Dann muss er sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern: Denn mittlerweile wird seine Papagena von Monostatos verfolgt. Mit Hilfe der gesamten Verwandtschaft wird Monostatos in einen Vogelkäfig gesperrt. Königin und Damen fliehen von allein, bleibt nur noch Tipheus zu besiegen, der sich mittlerweile mit seinem Heer vor der Burg positioniert hat. Den Zweikampf entscheidet Tamino für sich. Tipheus wird in einen Vulkan geworfen, an dessen Hängen die Königin, ihre Damen und Monostatos für alle Ewigkeit angeschmiedet sind. Großer Jubel.

Spektakel und Unmengen von Personal
Stärker noch als in der „Zauberflöte“ springt dieses neue „Zauberflöten“-Libretto von Schikaneder zwischen den einzelnen Handlungssträngen hin und her, wechselt die Schauplätze, die allesamt großes Bühnenspektakel versprechen, und fährt Unmengen von Personal auf. Papageno wird einmal mehr zum eigentlichen Kraftzentrum der Oper (wie immer gespielt von Schikaneder selbst), seine zahlreichen Vogelverwandten waren die Lieblinge des Publikums. Tamino ist noch ein wenig schwächlicher als im ersten Teil und Pamina im Sinne der gerade modernen heroischen Oper eine starke Frau.
Als Komponisten engagiert Schikaneder Peter von Winter, wie Mozart ein Komponist der Mannheimer Schule. Am 12. Juni 1798 wird „Das Labyrinth oder der Kampf mit den Elementen“ im Theater an der Wieden uraufgeführt. Der Erfolg beim Publikum ist groß, während die Kritiker Schikaneder nicht ganz unberechtigt die Absicht unterstellen, möglichst viele Dekorationen auffahren zu wollen.

Goethes Fortsetzung
Etwas gehaltvoller plante vermutlich Johann Wolfgang v. Goethe seine Fortsetzung der „Zauberflöte“. Der Plan dazu entstand 1795. Goethe hatte als Weimarer Theaterdirektor „Die Zauberflöte“ auf den Spielplan gesetzt, allerdings in einer stark bearbeiteten Fassung von Vulpius. Der Publikumserfolg war immens, so dass die Idee einer Fortsetzung nicht abwegig schien – zumal, wie er dem Komponisten Wranzitzky schrieb, Kostüme und Dekoration des ersten Teils auch für den zweiten hinreichen würden. Die Arbeit an dem Libretto wurde allerdings immer wieder unterbrochen. Schiller warnte ihn gleichzeitig vor einer Fortsetzung, solange nicht ein geeigneter Komponist gefunden wäre. Das war vermutlich das Hauptproblem, das schließlich zur Aufgabe des Projektes führte. Hinzukam die Tatsache, dass es ab 1798 eben die autorisierte Fortsetzung von Schikaneder gab. Goethes Fortsetzung ist nur ein Fragment geblieben.

Kindesentführung und goldene Eier
Auch bei Goethe sinnt die Königin der Nacht auf Rache. Sie beauftragt Monostatos, den Sohn von Tamino und Pamina zu entführen. Das gelingt ihm nicht ganz, aber er kann das Kind in einen goldenen Sarg legen, den er mit einem Fluch verschließt: Sollte der Sarg nicht ständig in Bewegung sein, stürbe das Kind. Und: sollten sich Vater und Mutter ansehen, würden sie wahnsinnig. Eine nicht leichte Ausgangssituation.
Bei Papageno und Papagena steht auch nicht alles zum Besten: Sie sind zwar ein glückliches Paar, doch bleiben die Kinder aus. Und zu allem Übel muss Sarastro auch noch auf eine einjährige Pilgerschaft und kann deswegen den Kampf nicht unterstützen. Allerdings kommt er auf seiner Wanderschaft bei Papageno und seiner Frau vorbei und schenkt ihnen drei goldene Eier, aus denen Kinder schlüpfen. Außerdem erstattet er ihnen von den Vorkommnissen in seiner Burg Bericht: Das hohe Paar hat sich inzwischen angeguckt und ist in melancholische Verrücktheit abgetaucht. Papageno schnappt sich die Zauberflöte, die ihm Tamino geschenkt hat, und schafft es immerhin, dass sich die Eltern aus ihrer wahnsinnigen Starre lösen und versuchen, ihren Sohn zu retten. Ende erster Akt.
Der zweite Teil ist nur noch skizzenhaft ausgeführt. Tamino und Pamina müssen abermals eine Feuer- und Wasserprobe bestehen. Geschützt und geleitet durch ihre Elternliebe, befreien sie den Sohn, der als Genius aus dem Sarg schlüpft und sich in die Lüfte erhebt…

This article was written by
Wiebke Hetmanek

Sie ist eine der wenigen Dramaturginnen Deutschlands, die sich nicht nur der Oper verschrieben hat, sondern ein spezielles Faible für die so genannte leichte Muse hat: Wiebke Hetmanek nimmt Operette und Musical verdammt ernst – und liebt sie leidenschaftlich. Nach „Funny Girl“ folgt nun mit „Roxy und ihr Wunderteam“ ihre zweite Ausgrabung am Theater Dortmund. Geboren in Kiel, studierte Wiebke Hetmanek Musikwissenschaft, Literaturwissenschaft und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften an den Universitäten Bochum und Köln. Erste Station ihrer beruflichen Laufbahn war die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg, es folgte das Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, und seit 2011 die Oper Dortmund. Wiebke Hetmanek ist außerdem die sehr erfolgreiche Autorin der Kinderopern „Der kleine Barbier oder Eine haarige Angelegenheit“, „Kaimakan und Pappatatschi oder Piraten fluchen nicht“ sowie „Ritter Eisenfraß“.

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