Kontraste – Inger / Siegal / Clug

Kontraste – Inger / Siegal / Clug

Was verbirgt sich hinter dem Titel:
Ballettdirektor Xin Peng Wang widmet den Februar dem „Tanz in Augenhöhe mit der Zeit“. Kreationen von drei stilistisch und ästhetisch höchst unterschiedlichen Choreographen von Weltrang vereint er zu einem Abend, an dem das Ballett Dortmund erneut unter Beweis stellt, dass es seinem Ruf als dynamische und kreative Compagnie an der Spitze der bundesdeutschen Tanzszene mehr als gerecht wird.  Ein höchst abwechslungsreicher Abend dreier wegweisender Meister der Tanzkunst!

Johan Inger
wurde 1967 in Stockholm geboren und erhielt seine Ausbildung an der Königlich Schwedischen Ballettschule und der National Ballet School in Toronto, Kanada. Seine künstlerische Laufbahn begann er 1985 im Ensemble des Königlich Schwedischen Balletts. Dort stieg er 1989 zum Solisten auf. Im Jahr darauf folgte Inger der Einladung Jiří Kyliáns ans Nederlands Dans Theater (NDT) und entwickelte sich dort zu einem der profiliertesten Tänzer. Nach ersten Choreographien im Rahmen von Workshops des NDT kreierte Inger für das Holland Dance Festival sein erstes eigenes Stück („Mellantid“). 2003 verließ er das Nederlands Dans Theater, um die Künstlerische Leitung des Cullberg Ballett zu übernehmen. Im Sommer 2008 legte er die Stelle nieder, um sich fortan gänzlich der Choreographie zu widmen.

Bis 2015 arbeitet er intensiv als freier Choreograph mit dem Nederlands Dans Theatre. „Dissolve in Thjis“, „Tone Bone Kone“, „Sunset Logic“ pder „One on One“ sind wegweisende Arbeiten Ingers, in denen er oftmals sein künstlerisches Grundthema, die Beziehung von Menschen in verschiedenen psychischen Aggregatszuständen zueinander, untersucht.

Richard Siegal
In der Zusammenarbeit mit Künstlern verschiedenster Disziplinen sucht der Tänzer und Choreograph Richard Siegal neue, zeitgemäße Tanzwege. Bereits 2005 gründete er in Berlin und Paris „The Bakery“, eine Plattform, die es Tänzern, Musikern, bildenden Künstlern, Architekten und Entwicklern von Software ermöglicht, in kreativem Austausch gemeinsame Projekte zu entwickeln.
Siegal, unter anderem mit dem New York Dance and Performance Bessie Award, dem S.A.C.D. Prize, dem Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ und dem Münchner Tanzpreis 2013 ausgezeichnet, ist in seinem Anliegen, Kunst in einen zeitgemäßen interdisziplinären Diskurs zu integrieren, ein geistiger Verwandter von Tanz-Doyen William Forsythe. In „The Bakery“ entwickelte er die „If-then-Methode“, die Choreographien auf logische Gleichungen aus Naturwissenschaft und Technik zurückführt.
„Die If/Then-Methode befasst sich mit der Ordnung der Dinge, aber nicht mit deren Natur. Sie ist ambivalent bezüglich Konventionen und den Kategorien von Ideen. Vielmehr basiert sie auf Indifferenz und dem Primat der Wahl. Sie ist ein Zufallsgenerator von Input, der den Wert des Irgendwas voraussetzt, das sich selbst zum Inhalt hat, schlichtweg indem Kommunikation in Gang gesetzt wird. Die Wirkung eines Teilnehmers wird hervorgerufen im Verhältnis zu seinen Eigenheiten und Fähigkeiten, innerhalb des Systems zusammenzuarbeiten.“

Edward Clug
geboren 1973 in Beius (Rumänien), begann seine Tanzausbildung in Cluj-Napoca und erhielt sein erstes Engagement 1991 am Slowenischen National Theater in Maribor und trat als Gast am Ballett in Zagr eb auf. Bereits 1996 gestaltete er seine erste Tanzkreation („Babylon“) für das Slowenische Nationalballett. Mit seinem ersten abendfüllenden Werk, „Tango“ (1996) machte er über die Landesgrenzen hinaus künstlerisch auf sich aufmerksam. 2003 wurde er zum Direktor des Slowenischen Nationalballett Maribor ernannt und gab der Compagnie eine neue künstlerische Ausrichtung. Die internationale Aufmerksamkeit blieb nicht lange aus. Klugs Choreographie „Radio & Juliet“ (2005) wurde zu einem künstlerischen Höhepunkt auf zahlreichen internationalen Festivals in den USA, Asien und Rußland.
2006 kreierte er „Architecture of Silence“ als eine Kooperation der Nationaltheater von Maribor und Ljubljana und eröffnete damit das Singapore Festival. Seine fruchtbare Zusammenarbeit mit dem slowenischen Komponisten Milko Lazar für „Pret-á-Porter“ (2008), „4 Reasons“ (2009) und „Pocket Concerto“ (2009, Stuttgart Ballett) stellte die Vielfalt von Clugs choreographischem Ausdrucksspektrum unter Beweis. Mit Strawinskys „Les Noces“ (2013), einer Auftragsarbeit für das Royal Ballet Flandern, und „Le Sacre du printemps“ für seine eigene Compagnie betrat Clug ästhetisches und gedankliches Neuland.

Welche Werke erwarten uns:

Rain Dogs
„Es fängt zu regnen an. Ein Hund, neugierig und selbstbewusst. Mit seinem Geruchssinn bewegt er sich über die Grenzen seines gewohnten Lebensraums hinaus. Er entdeckt das Andere. Er kann plötzlich nicht mehr zurückfinden, der Regen hat jede Spur weggespült.“
Diese kleine Parabel legt Choreograph Johan Inger seiner Kreation zugrunde. „Die Metapher ist der Ausgangspunkt für eine Welt, in der ich Beziehungen, Identitäten und Geschlechter erforsche. Systeme, die wir als Individuen zu entsprechen versuchen, aber auch rebellisches Aufbegehren dagegen, alles zur Musik und zur Stimme von Tom Waits in Szene gesetzt.“

Hier ein kleiner Eindruck der Premiere in New York: https://www.youtube.com/watch?v=0bEyBdUlHTA

Unitxt
Zu „Unitxt“, einer Auftragsarbeit des Bayerischen Staatsballetts, regte Richard Siegal ein Buch an. „Mein Ausgangspunkt war Nate Silvers The Silence and the Noise, eine Erweiterung meiner anhaltenden Faszination für das Thema Voraussage, wie es von Futuristen wie Alvin Toffler oder jüngst Nassim Taleb beschrieben wird. Ich bin mir des musikalischen Diskurses bewusst, den ich mit der Entscheidung anstoße, drei Begriffe in der Performance gegenüberzustellen: NOISE, SIGNAL, SILENCE.
Die Kreation von „Unitxt“ nahm ihren Ausgang in einem Akt kultureller Konfrontation. Siegal erinnert sich: „Der erste Teil der Aufführung wurde mit einer Gruppe von afrikanischen Tänzern während eines Besuchs in Lagos auf Einladung des Goethe-Instituts skizziert. Obwohl das Vokabular aus meinem Körper kam, begab ich mich auf die Suche nach deren Komfortzone, indem ich fand, was meiner Ansicht nach die Gemeinsamkeit in unseren jeweiligen Tanzstilen war. Als später die gleiche Choreografie auf die Tänzer des Bayerischen Staatsballetts übertragen wurde, erschien das klassische Vokabular passend, denn das habe ich mit diesen Tänzern gemeinsam. Der Prozess stellte sich als sehr interessant heraus, so eine Art interkulturelles Palimpsest mit meinem eigenen Körper als Vermittler.“

Unsere Tänzerin Tess Voelker hat ein kleines Video aus der Probearbeit zu Unitext zusammengestellt. (Link)

Hora – eine neue Kreation für das Ballett Dortmund
Die Beschäftigung mit Strawinskys Rückbesinnung auf die archaische „Frühgeschichte“ des Tanzes, vor allem aber seine rituellen und folkloristischen Wurzeln und seine identitätsstiftende Verankerung in der Kultur der Völker, führen Edward Clug zu seiner neuesten Kreation: „Hora“, eigens gestaltet für das BALLETT DORTMUND.
„Ich lasse mich bei der Entwicklung von ‚Hora‘ von Instinkt und Intuition leiten“, bekennt Clug zu Beginn der Probenarbeiten in Dortmund. „Es ist ein spannender Prozeß, gemeinsam mit den Tänzerinnen und Tänzern ein Stück zu entwickeln, das jeden von uns zu unseren eigenen, unseren persönlichen Wurzeln zurückführt.“
„Hora“ ist der Sammelbegriff für verschiedene Kreis- oder Rundtänze in der Folklore des Balkanraums. Als „Horo“ oder „Choro“ werden sie in Bulgarien und Mazedonien bezeichnet, als „Kolo“ findet er sich in der Volksmusik Serbiens. Der Kreistanz hatte im Balkanraum, speziell in Bulgarien, während der mehr als 500 Jahre dauernden Besetzung durch das osmanische Reich eine wichtige gesellschaftspolitische Bedeutung und identitätsstiftende Funktion, denn bei der Versammlung der Gemeinschaft zum Tanz auf dem Dorfplatz waren nur Angehörige der christlichen Religionsgemeinschaft geladen. Mit dem Tanz grenzte man sich gegen die moslemischen Besatzer ab.
In Rumänien, Edward Clugs Geburtsland, wird die „Hora“ an Hochzeiten und großen Volksfesten getanzt. In einem großen geschlossenen Kreis vereint der Tanz alle Menschen, ungeachtet ihrer gesellschaftlichen Stellung. Diagonale Schritte vor und zurück, sowie Kreisbewegungen um die eigene Achse gegen den Uhrzeigersinn sind Kennzeichen dieser folkloristischen Tanzform. Hackbrett, Akkordeon, Geige, Bratsche, Kontrabaß, Trompete und gelegentlich auch Panflöte gehören zu den charakteristischen Instrumenten der rumänischen Volksmusik.
Die „Hora”, so Clug, „ist aber noch weit mehr als ein Tanz. Über traditionelle Bewegungsmuster kommen Menschen miteinander in Kontakt. Beim Tanzen sieht man einander in die Augen. Man kommuniziert miteinander mittels Blicken und Bewegungsmustern“ Tanz als natürliche Ausdruckform des Menschen – darum geht es Edward Clug in seiner neuesten Arbeit. „Es ist zum ersten Mal, daß ich mich ganz bewußt meinen eigenen biographischen Wurzeln stelle, den kulturellen Einflüssen, denen ich wie jeder Mensch unterliege. Ich bin in Rumänien geboren, ausgewachsen und ausgebildet. Mit 18 Jahren erst verließ ich meine Heimat und kam nach Slowenien. Dort bin ich mittlerweile zuhause. Doch meine Herkunft aus einem romanischen Land kann und will ich nicht verleugnen. Auf dem Balkan leben seit vielen Jahrhunderten unterschiedliche Ethnien dicht beisammen. Ständig gab es einen kulturellen Austausch zwischen den Volksgruppen. Das Resultat ist ein Kulturschatz, dem ich mich künstlerisch annähern möchte. Tanz ist die Feier des Augenblicks. Mir geht es in ‚Hora‘, das Leben zu feiern. Mit Folklore im kommerziellen und touristischen Sinn hat das so wenig zu tun wie mit Nationalismus. Ich arbeite an einer Bewegungssprache, die nicht dekorativ, sondern natürlich ist. Deswegen habe ich auch Musik von Alexander Balanescu gewählt. Ein phantastischer Musiker, in Bukarest geboren, in London unter anderem bei Michael Nyman ausgebildet, gründete er 1987, kurz vor der politischen Wende in Europa, das Balanescu-Quartett, das sich von Anfang an stets in ästhetischen und stilistischen Bereichen zwischen sogenannter E-Musik, Pop-Kultur und Folklore bewegte.“

This article was written by
Tobias Ehinger

Tobias Ehinger ist seit der Spielzeit 2004/2005 Manager des Ballett Dortmund. Er studierte an der John Cranko Akademie Stuttgart, an der Hochschule in Mannheim, an der Académie de la Danse Classique Monte Carlo und am Tanzkonservatorium Prag. Während seiner künstlerischen Laufbahn als Tänzer und Assistent, die ihn über Stuttgart, London und Essen nach Dortmund führte, arbeitete er mit bedeutenden Künstlern wie Hans van Manen, Heinz Spoerli, Mauro Bigonzetti, Benjamin Millepied, Jean-Christophe Maillot, Christian Spuck, William Forsythe, Alexander Ekman und Edward Liang zusammen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.