10 Dinge, die Sie über EINSTEIN ON THE BEACH wissen sollten

10 Dinge, die Sie über EINSTEIN ON THE BEACH wissen sollten

Die Idee
Zwei Künstler im New Yorker Stadtteil Soho, der Regisseur Robert Wilson und der Komponist Philip Glass, lernten sich Anfang der 70er Jahre kennen und beschlossen, ein gemeinsames Projekt für das Musiktheater zu realisieren. Ziel war es, eine völlig neue Musik- und Theatersprache zu schaffen und die Grenzen von Musik und Text, Schauspiel und Gesang, Bild und Bewegung aufzulösen. EINSTEIN war dabei von Anfang an für eine große Bühne gedacht und wurde mit großem Aufwand jahrelang geplant.

Worum geht es?
Gute Frage! Eine Inhaltsangabe zu EINSTEIN ON THE BEACH zu geben ist völlig unmöglich. Die Oper baut nicht auf einer linearen und logischen Erzählung auf. Ihr Thema ist Albert Einstein, aber nicht sein Leben, sondern bestimmte Assoziationen, die man mit ihm verbindet: die Erweiterung der Grenzen des Wissens ebenso wie seine künstlerische Ader. Glass schreibt dazu: „Es spielte kaum eine Rolle, was du dachtest, das EINSTEIN ON THE BEACH ‚bedeuten‘ könnte. Das Stück fing mit einem Zug des 19. Jahrhunderts an und endete mit einem Raumschiff des 20. Jahrhunderts, und es wurde ganz und gar angefeuert von Bildern, Bewegungen, Worten, Musik und nicht zuletzt von den Vorstellungen der Betrachter selbst.“

Sich selbst eine Geschichte erzählen
Vor EINSTEIN hatte Glass die Musik zu einem Stück von Samuel Beckett (Play) geschrieben. Die Arbeit mit dem Beckett-Text hat sein Verständnis von Theater stark beeinflusst. Seitdem versuchte Glass, das Zuschauen mehr dem Zuschauer zu überlassen und eine Theateraufführung nicht von vornherein so anzulegen, dass alle Zuschauer jeweils das Gleiche fühlen und denken sollen. Darin traf er sich mit Robert Wilson, dessen Theater bis heute eher assoziative Räume öffnet, als klare Geschichten zu erzählen. EINSTEIN kann man auch als großes Experiment dafür verstehen, jeden Menschen im Publikum seine ganz eigene Geschichte erleben zu lassen.

Die Texte
Wilson war in den 70er Jahren schon durch erste Projekte in Europa aufgefallen, arbeitete aber immer noch als Lehrer mit geistig Behinderten in New York, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten (so wie Glass sich sein Geld als Klempner und Taxifahrer verdiente). Dabei lernte Wilson den autistischen Schüler Christopher Knowles kennen, den er bat, Texte über Einstein zu schreiben – Knowles hatte wohlgemerkt keine Ahnung, wer Einstein war. Weitere Sprechtexte kamen von Lucinda Childs, die als Tänzerin und Choreografin an der Uraufführung von EINSTEIN beteiligt war, und von Samuel M. Johnson, der als Schauspieler mitwirkte. Die gesungenen Texte bestehen nur aus Zahlen und Solfeggien (do-re-mi-fa-sol).

Minimal Music
Philip Glass hat die Minimal Music nicht erfunden (das waren Kollegen wie Steve Reich, Terry Riley und einige andere), aber er hat sie einem großen Publikum vermittelt und ist bis heute ihr bekanntestes Gesicht. Glass ist ein hervorragend ausgebildeter klassischer Komponist, der zwei Jahre bei der legendären Kompositionslehrerin Nadia Boulanger in Paris studiert hat. Trotzdem wendet er sich in seinen Kompositionen gegen die europäische Tradition sowohl der Spätromantik als auch der atonalen, dodekaphonen und seriellen Musik. Die Komponisten der Minimal Music beziehen ihre Inspiration eher aus nicht-europäischen Musikformen wie der Gamelan-Musik und afrikanischer Polyrhythmik; Glass selbst hat nicht nur in Europa, sondern auch in Indien bei Ravi Shankar studiert. Minimal Music ist selten atonal und ruht auf einem stabilen harmonischen Fundament.

Wiederholung
Das wichtigste Prinzip der Minimal Music im Allgemeinen und von EINSTEIN im Besonderen ist die Wiederholung. Kleine musikalische Einheiten, so genannte patterns (Muster), werden mit kleinen Variationen wiederholt, was beim Zuhörer, der sich darauf einlässt, eine Art Trance-Zustand erzeugen kann. Dadurch, dass das Material nicht wie in der elektronischen Musik gesampelt, sondern live erzeugt wird, gelingt aber nie eine hundertprozentig exakte Wiederholung. Die Anstrengung und Konzentration der Ausführenden gehört wesentlich zur Aufführung.

Das Orchester
Philip Glass hat über Jahre mit einem festen Kern von Musikern gearbeitet, mit denen er auch EINSTEIN realisiert hat. Das Orchester besteht aus zwei Orgeln bzw. Keyboards und mehreren Saxofonen und Flöten. Das wichtigste Solo-Instrument ist die Geige: Sie hat einen 20-minütigen, furiosen Solo-Auftritt, natürlich eine Hommage an den ausgezeichneten Hobby-Violinisten Albert Einstein.

Ein Stück geht um die Welt
Als sich Glass und Wilson 1974 zum ersten Mal mit der Idee zu EINSTEIN ON THE BEACH beschäftigten, sahen sie keine Chance, ein großes Opernhaus für die Produktion zu gewinnen. Also produzierten sie die Show aus eigener Kraft und mit Unterstützung der französischen Regierung, die sie einlud, die Oper beim Festival in Avignon 1976 uraufzuführen. Der Erfolg war überwältigend, eine lange Europatournee schloss sich an. Obwohl alle Vorstellungen ausverkauft waren, kehrten Wilson und Glass mit einem Schuldenberg in die USA zurück, da die Kosten der Produktion einfach zu hoch gewesen sind.

Ein Sparten übergreifendes Projekt
Die Dortmunder Neuinszenierung von EINSTEIN ist die erste, an der die Schöpfer Wilson und Glass nicht in irgendeiner Weise beteiligt sind. Regie führt Schauspiel-Intendant Kay Voges, der dem Dortmunder Opernpublikum schon von seinem TANNHÄUSER (2013) bekannt ist. Auf der Bühne stehen Solisten des Opernensembles und Darsteller des Schauspiels, dazu kommt das Chorwerk Ruhr, einer der besten Chöre Europas für zeitgenössische Musik. Sein künstlerischer Leiter Florian Helgath übernimmt auch die musikalische Gesamtleitung der Produktion.

Langer Atem gefragt!
Für Zuschauer ohne Sitzfleisch ist EINSTEIN ON THE BEACH nicht geeignet: Die Aufführung wird voraussichtlich knapp unter 4 Stunden dauern. Eine Pause ist nicht vorgesehen, weil der musikalische Fluss nicht unterbrochen werden darf. Allerdings wird das Publikum den Saal nach Belieben verlassen und wieder betreten können – so kann jeder sich eine Pause nehmen, wenn er sie braucht. Eines ist sicher: EINSTEIN wird das ungewöhnlichste Projekt, das in den letzten Jahren an der Oper Dortmund zu sehen war.

This article was written by
Georg Holzer

Hier sieht man ihn an des Dramaturgen Lieblingsplatz: dem Schreibtisch. Georg Holzer ist mit seiner umfassenden Bildung, seinen klugen Ideen und seinen Formulierungskünsten so etwas wie der „Think Tank“ der Oper Dortmund. Wer einmal eine seiner übrigens brillanten Einführungen gehört hat, weiß: Georg Holzer kommt aus Bayern. Studiert hat er dann aber in Berlin, Poitiers und Florenz, bis er als Dramaturgie- und Regieassistent sein erstes Theaterengagement an den traditionsreichen Münchner Kammerspielen antrat. Heute ist er Chefdramaturg der Oper Dortmund. Überdies ist er auch ein gefragter Übersetzer, nicht nur der Übertitel der Oper Dortmund, sondern auch diverser Theaterstücke und insbesondere französischer Lyrik. Den nötigen Ausgleich zu so viel Kopfarbeit findet er bei ausgedehnten Jogging-Runden durch Dortmunds Parks.

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