Paul Abraham – Erfolg und Exil

Paul Abraham – Erfolg und Exil

Rauschende Premieren, Gulasch-Partys, unerhörte Gagen und ein Hit nach dem anderen: Paul Abrahams kometenhafter Aufstieg im Berlin der 30er Jahre ist legendär. Zur rechten Zeit am rechten Ort war er wie kein anderer in der Lage, den Nerv der Zeit in seinen Werken einzufangen. „Viktoria und ihr Husar“, „Die Blume von Hawaii“ und „Der Ball im Savoy“ machten Paul Abraham binnen Kurzem zu einem der angesagtesten Komponisten seiner Zeit.
Über sein „Vorleben“ gibt es heute wenig gesicherte Informationen. Paul Abraham selbst war keine zuverlässige Quelle, er hat sich viel zu gern selbst inszeniert und viele Details aus seiner Biografie als vermeintliche Tatsachen preisgegeben: Er sei ein musikalisches Wunderkind gewesen und habe mit elf Jahren bereits am Konservatorium studiert. Nach seinem Abschluss habe er eine Bank gegründet, sei spektakulär Konkurs gegangen, habe dafür im Gefängnis gesessen usw. usf. Ein operettenhaftes Leben will er geführt haben, aber leider gibt es dafür keine Beweise. Er hat sich sogar oft selbst widersprochen oder schlichtweg falsche Informationen geliefert. Was wir von ihm gesichert wissen, ist ziemlich dünn und ziemlich prosaisch:

Geboren in Ungarn
Paul Abraham wurde am 2. November 1892 in Ápatin geboren, heute Serbien, damals Südungarn. Seine Mutter war musisch veranlagt und brachte ihm das Klavierspielen bei, sein Vater war ein Kaufmann. Nach Grund- und Handelsschule zog Abraham nach Budapest, wo er an der Franz-Liszt-Akademie Komposition studierte. Abraham beendete sein Studium ohne Abschluss und arbeitete in den nächsten Jahren vermutlich als Bankangestellter, um sich finanziell über Wasser zu halten. Von wegen Bankdirektor.
1927 trat er am Budapester Operettentheater die Stelle eines Kapellmeisters an. Er schrieb zu verschiedenen Werken musikalische Einlagen und brachte dort auch seine ersten eigenen Operetten. Sein Durchbruch folgte Anfang 1930 mit der Uraufführung der Operette „Viktoria“ in Budapest. Um sie auf den deutschen Markt bringen zu können, musste sie nicht nur übersetzt, sondern auch dem mondänen Geschmack der Großstädter angepasst werden. Das übernahmen Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda, zwei der besten Texter ihrer Zeit, die mit der Schlager- und Operettenwelt seit Beginn der 20er Jahre bestens vertraut waren. Mit Abraham bildeten sie in den nächsten Jahren ein kongeniales Gespann.

Die Berliner Erfolge
Im Juli 1930 wurde „Viktoria und ihr Husar“ am Leipziger Stadttheater gefeiert und zog dann triumphal weiter an das Metropoltheater Berlin. Mittlerweile hatte Abraham seine Stellung in Budapest gekündigt und war mit seiner Frau Sarolta Feszelyi nach Berlin gezogen, dem Zentrum der Operetten- und Revueproduktionen. Im Juli 1931 folgte „Die Blume von Hawaii“, die Uraufführung fand ebenfalls am Neuen Theater in Leipzig statt und wurde dann vom Metropoltheater übernommen. Die dritte Operette in dieser Erfolgs-Trilogie war „Der Ball im Savoy“, die im Dezember 1932 im Großen Schauspielhaus in Berlin uraufgeführt wurde.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten
Nur wenige Wochen nach der gefeierten Uraufführung von „Ball im Savoy“ übernahmen die Nationalsozialisten in Berlin die Regierungsgewalt. Binnen Kurzem verschwanden Operetten jüdischer Autoren oder Komponisten von den Spielplänen – also fast alle. „Arische“ Komponisten lieferten nun die Beiträge zur Unterhaltungsbranche und versuchten, an die Qualität ihrer verbannten Kollegen heranzukommen.
Abraham flüchtete zunächst nach Wien. Im März 1934 wird im Theater an der Wien sein „Märchen im Grand-Hotel“ uraufgeführt. Im Aufwand sehr viel geringer und in der Handlung etwas konventioneller, erreicht das neue Werk von Abraham/Grünwald nur einen Achtungserfolg. Anderthalb Jahre später kommt abermals eine Ausstattungsoperette mit einem exotischen Schauplatz zur Uraufführung. „Dschainah“ entstand als Auftragswerk des Wiener Kolonialwarenhändlers Julius Meinl, der für seine Frau, die Sängerin Michiko Tanaka, eine Rolle im Milieu ihrer Herkunft bestellt hatte. Die Partitur, an der Abraham sehr akribisch gearbeitet hatte, gehört zu seinen besten und reifsten, dennoch war dem Werk kein Erfolg beschieden.
Mit „Roxy und ihr Wunderteam“ (deutschsprachige Erstaufführung am 25. März 1937) griff Abraham wieder ein aktuelles Thema auf. Die Sportbegeisterung war ein Phänomen, das in den 30er Jahren in allen Bevölkerungsschichten zu finden war.

Die Jahre im Exil
Nach dem so genannten „Anschluss“ Österreichs an Deutschland im März 1938 zieht sich Paul Abraham zunächst nach Budapest zurück, schreibt sogar noch zwei Operetten („Julia“, „Der weiße Schwan“), aber mit wenig Erfolg. Als es auch in seinem Heimatland zu unsicher für jüdische Bürger wurde, gelang ihm die Flucht nach Paris, wo er ein Jahr blieb. Über Casablanca und Havanna gelang Abraham, der sich 1939 von seiner Frau getrennt hatte, schließlich die Flucht in die USA.
Einen Anschluss an die amerikanische Musikindustrie fand er nie. Die Amerikaner erwarteten von europäischen Operetten Romantik und Walzerseligkeit, keinesfalls jedoch die verjazzte Musik Abrahams, die in Berlin zwar als letzter Schrei gehandelt wurde, in den USA jedoch schon längst veraltet war. Der Komponist, der in Europa das fehlende Bindeglied zwischen Operette und Musical war, wurde in den USA nicht beachtet.
Zu den finanziellen Schwierigkeiten machten sich bei Paul Abraham zudem immer stärkere Symptome einer verschleppten Syphiliserkrankung bemerkbar, immer öfter kommt es zu neurologischen Ausfällen. Nachdem man ihn in der Nähe des Broadway aufgegriffen hatte, wo er mitten auf der Straße ein imaginäres Orchester dirigierte, wurde er am 5. Februar 1946 ins New Yorker Credmoor-Hospital eingeliefert, er sollte über ein Jahrzehnt dort bleiben.

Nach Ende des 2. Weltkrieges bemühte sich ein eigens gegründetes Abraham-Komitee in Hamburg um die Einreise des Komponisten nach Deutschland, die jedoch erst 1956 zustande kam. Abraham wurde in die psychiatrische Universitätsklinik in Hamburg-Eppendorf verlegt. Seine Frau, von der er seit 17 Jahren getrennt war, zog nach Hamburg und pflegte ihren Mann bis er am 7. Mai 1960 an den Folgen einer Knieoperation verstarb.

Paul Abrahams Rückkehr nach Hamburg.

 

 

This article was written by
Wiebke Hetmanek

Sie ist eine der wenigen Dramaturginnen Deutschlands, die sich nicht nur der Oper verschrieben hat, sondern ein spezielles Faible für die so genannte leichte Muse hat: Wiebke Hetmanek nimmt Operette und Musical verdammt ernst – und liebt sie leidenschaftlich. Nach „Funny Girl“ folgt nun mit „Roxy und ihr Wunderteam“ ihre zweite Ausgrabung am Theater Dortmund. Geboren in Kiel, studierte Wiebke Hetmanek Musikwissenschaft, Literaturwissenschaft und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften an den Universitäten Bochum und Köln. Erste Station ihrer beruflichen Laufbahn war die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg, es folgte das Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, und seit 2011 die Oper Dortmund. Wiebke Hetmanek ist außerdem die sehr erfolgreiche Autorin der Kinderopern „Der kleine Barbier oder Eine haarige Angelegenheit“, „Kaimakan und Pappatatschi oder Piraten fluchen nicht“ sowie „Ritter Eisenfraß“.

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