Zehn Dinge, die Sie über OTELLO wissen sollten

Ein alter Meister
1871 wird Giuseppe Verdis Monumental-Oper Aida uraufgeführt, für die er das bis dahin höchste Komponistenhonorar aller Zeiten erhalten hat. Verdi ist reich und berühmt, lebt als Landwirt auf seinem Gut Sant‘ Agata und verspürt wenig Drang, sich wieder an das anstrengende Geschäft des Opernschreibens zu machen. Lieber überarbeitet er ältere Werke. Eines davon ist Simon Boccanegra. Bei der Neufassung hilft ihm ein junger Dichter und Komponist: Arrigo Boito.

Boitos Kehrtwende
Arrigo Boito war in seinen jüngeren Jahren ein Gegner Verdis gewesen. Er gehörte zu einer Gruppe junger italienischer Künstler, die Richard Wagners Werke verehrten und Verdi zur musikalischen Vergangenheit zählten. Verdi nimmt das zunächst sehr übel, doch er erkennt das Talent Boitos und merkt, wie sehr dieser ihm nützen kann. Boito ist schließlich geschmeichelt, einen Text für den großen Verdi zu verfassen. Er arbeitet schnell und legt schon 1879 den ersten Entwurf vor. Aber der landet erst einmal in Verdis Schublade. Erst 1881 beginnt er zu komponieren und lässt sich dafür einige Jahre Zeit.

Der Mohr von Venedig
Zum zweiten Mal nach Macbeth greift Verdi als Vorlage für diese Oper zu einem Stück von Shakespeare (ein drittes Mal wird er es noch mit Falstaff tun). The Tragœdy of Othello, the Moor of Venice wurde wahrscheinlich 1603 oder 1604 uraufgeführt. Sie beschreibt den Untergang des schwarzen Admirals Othello. Sein Fähnrich Jago redet ihm den Verdacht ein, Othellos Frau Desdemona würde ihn mit dem Hauptmann Cassio betrügen. Othello glaubt Jago und steigert sich in einen so fürchterlichen Eifersuchtswahn hinein, dass er Desdemona schließlich umbringt – und dann, als er sein Unrecht erkennt, auch sich selbst.

Die Taschentuch-Intrige
Um Othello von Desdemonas Schuld zu überzeugen, greift Jago zu einem ziemlich banalen Trick. Als Desdemona ein besticktes Taschentuch verliert, das ihr Othello geschenkt hat, bringt Jago es in seinen Besitz und spielt es Cassio zu. Als Othello es in Cassios Hand sieht, ist er endgültig überzeugt, dass Jagos Anschuldigungen wahr sind. Er will unbedingt an Desdemonas Betrug glauben und lässt sich nicht davon beeindrucken, dass sie ihn heftig abstreitet.

Othello und Otello
Boito bringt Shakespeares Tragödie nicht nur ins Italienische, wobei der Admiral ein h verliert, sondern bearbeitet den Text sehr stark. Der ganze 1. Akt, viele Details und viele Figuren fallen weg, nur der Kern der Handlung bleibt übrig. Aber es kommt auch etwas dazu, nämlich Jagos berühmtes „Credo“, ein negatives Glaubensbekenntnis zum Bösen und zum Nichts.

Jago, das Monster
Der irische Schriftsteller Bernard Shaw hat alle Figuren des Otello „Monster“ genannt, was auch irgendwie stimmt. Das übelste Monster aber ist Jago. Er will sich an Otello dafür rächen, dass der Cassio zum Hauptmann befördert hat und nicht ihn. Dafür brennt er ein unfassbares Feuerwerk an Lügen und Verleumdungen ab. Jagos Intrige ist von Anfang an durchgeplant, trotzdem wäre sie an einigen Stellen leicht zu durchschauen. Doch das will Otello gar nicht. Er traut seinem eigenen Aufstieg nicht und wartet nur darauf, nach seinem glorreichen Sieg über die Türken aus seinem Ruhm wieder herabzustürzen. Deshalb konsumiert er Jagos Lügen wie eine Droge.

Der gefallene Held
Shakespeare hat Othello als Schwarzen angelegt, um seine Andersartigkeit herauszustellen – und natürlich auch, um ein paar rassistische Klischees vom Afrikaner als unbeherrschtem „Wilden“ zu benutzen. In der Dortmunder Inszenierung geht es darum, wie ein Held gemacht und dann wieder vernichtet wird und wie einer, der sich in der Welt des Militärs und des Krieges sicher fühlt, im gesellschaftlichen Leben und in der Liebe fürchterlich scheitert. Dafür muss Otello nicht schwarz sein.

Das Opfer
Desdemona gehört zu Verdis rührendsten Frauengestalten, und davon gibt es nicht wenige. Sie liebt Otello und ist ratlos, warum er ihr gegenüber plötzlich so verändert ist und ihre Liebe anzweifelt. Otellos Vorwürfe sind für sie so unbegreiflich, dass sie sich nicht einmal richtig dagegen wehrt. Sie sieht ihren Tod kommen und hat große Angst, aber sie bleibt gefasst und nimmt ihr Schicksal an, obwohl sie es bis zum Schluss nicht verstehen kann.

Verdi erfindet sich neu
Verdis Weg von seinen ersten Opern, die noch im Belcanto-Stil komponiert sind, bis zu den letzten beiden Werken ist enorm. Verdi hat sich immer neu erfunden und der italienischen Oper über Jahrzehnte neue Impulse gegeben. Als Antrieb dafür, Otello zu schreiben, wirkte sicher auch die unausgesprochene Konkurrenz zu Richard Wagner. Wagner starb 1883 während Verdis Arbeit an Otello. Wagners Vorbild hat dazu geführt, dass Verdi musikalisch modernere Wege ging. Trotzdem ist Otello keine Wagner-Imitation, sondern bleibt durch und durch eine italienische Oper.

Die Pferde ausgespannt
1887 wurde Otello in der Mailänder Scala uraufgeführt. Das Publikum liebte das Stück und bereitete dem alten Komponisten einen überwältigenden Erfolg. Als Verdi in seine Kutsche stieg, spannten seine Fans die Pferde aus und zogen das Gefährt mit der Kraft ihrer Arme bis zu Verdis Hotel: ein Triumphzug, den der Komponist für seinen Otello auf jeden Fall verdient hat.

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Georg Holzer

Hier sieht man ihn an des Dramaturgen Lieblingsplatz: dem Schreibtisch. Georg Holzer ist mit seiner umfassenden Bildung, seinen klugen Ideen und seinen Formulierungskünsten so etwas wie der „Think Tank“ der Oper Dortmund. Wer einmal eine seiner übrigens brillanten Einführungen gehört hat, weiß: Georg Holzer kommt aus Bayern. Studiert hat er dann aber in Berlin, Poitiers und Florenz, bis er als Dramaturgie- und Regieassistent sein erstes Theaterengagement an den traditionsreichen Münchner Kammerspielen antrat. Heute ist er Chefdramaturg der Oper Dortmund. Überdies ist er auch ein gefragter Übersetzer, nicht nur der Übertitel der Oper Dortmund, sondern auch diverser Theaterstücke und insbesondere französischer Lyrik. Den nötigen Ausgleich zu so viel Kopfarbeit findet er bei ausgedehnten Jogging-Runden durch Dortmunds Parks.

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