Ein tiefer Blick in die Seele: OTELLO in der Oper Dortmund

Ein tiefer Blick in die Seele: OTELLO in der Oper Dortmund

Selbstunsichere Störung der Persönlichkeit
Als stolzer, aufrechter Sieger, noch gezeichnet von der Schlacht, kehrt Admiral Otello heim nach Venedig. Das Volk feiert und bejubelt den Siegreichen. Seine Welt ist das soldatisch und streng strukturierte Leben. Es gibt ihm die Sicherheit die ihm ansonsten fehlt. Otello kennt den Kampf – doch nicht sich selbst. Er hat nicht die Sicherheit eines Admirals, vielmehr ist er sozial unbeholfen, wirkt hölzern im Kontakt und gibt sich besorgt und angespannt. Da steht kein stolzer Kriegsherr vor uns, vielmehr wirkt Otello verzagt, es hängen die Schultern. Mehr kniet und kriecht er, als daß er aufrecht geht. Seinem Glück traut er nicht. Er leidet an einer selbstunsicheren Störung der Persönlichkeit.

Wahnhafte Störung
Ohne Selbstvertrauen ist er anfällig für Manipulationen. Die Intrige, die sein teuflischer Fähnrich Jago spinnt, erkennt er nicht. Dem Selbstunsicheren fehlt es an Urteilsvermögen. So vertraut er seinem Feind. Der spinnt seine Ränke. Jagos Lüge wird zu Otellos Gewissheit. Er ist überzeugt, Desdemona, seine Frau, betrügt ihn. Aus seiner Überzeugung wird rasch die wahnhafte Gewissheit. Seine Wahnvorstellung verfestigt sich. Sein Hass richtet sich allein gegen seine Frau. Jeden Versuch Desdemonas, ihn von ihrer Tugendhaftigkeit zu überzeugen, deutet er im Sinne seiner Wahnvorstellung um. Der Rücksprung in die Realität gelingt nicht mehr. Wut, Hass und Depression sind die Folge. Nunmehr ist aus psychiatrischer Sicht das Bild einer wahnhaften Störung (hier eines Eifersuchtswahns) komplett. So wähnt sich Otello im Recht, als er Desdemona tötet. Endlich wieder aufrecht stehend, erwartet er sein Opfer, ruhig, kalt, gelassen, berechnend und scheinbar seiner sicher. Da steht wieder der Admiral, der Soldat, der es versteht zu töten.

Othello-Syndrom
Die Psychiatrie kennt den Eifersuchtswahn auch als Othello-Syndrom. Der Eifersuchtswahn gehört zur Gruppe der wahnhaften Störungen. Der Begriff Othello-Syndrom wurde erstmals 1951 von dem englischen Psychiater John Todd geprägt. Er beschrieb die Symptome als eine gefährliche Form der Psychose. Ursachen des krankhaften Eifersuchtswahn können Demenzen, Alkoholismus, Schizophrenien oder Persönlichkeitsstörungen sein. Der Wahn der Erkrankten bezieht sich ausschließlich auf die krankhafte Eifersucht. Andere soziale Aktivitäten sind selten oder nicht betroffen. Das Othello-Syndrom kann durch Medikamente sowie durch Psychotherapie behandelt werden.

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Hans Joachim Thimm

Hans Joachim Thimm ist Erster Oberarzt der Allgemeinen Psychatrie an der LWL Klink in Dortmund Aplerbeck. Als enger Berater hat Hans Joachim Thimm bei dem Musical "Next to Normal", bei dem es um eine manisch-depressive Frau geht, dem Leitungsteam und den Darstellern wertvolle Informationen und Einblicke in die Welt der psychischen Erkrankungen gegeben. Seitdem lässt ihn das Theater nicht mehr los - als ständiger Besucher und nach wie vor mit seinem Wissen über die menschliche Psyche als inspirierender Gesprächspartner. In lockerer Folge wird Hans Joachim Thimm auf dem Opernblog seine ganz spezielle Sichtweise auf einige Opernfiguren darstellen.

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