EINSTEIN ON THE BEACH: Technisches Glossar

EINSTEIN ON THE BEACH: Technisches Glossar

EINSTEIN ON THE BEACH verlangt nicht nur den Sängern und Instrumentalisten auf der Bühne Höchstleistungen ab. Im Graben, wo üblicherweise das Orchester spielt (das in EINSTEIN aber auch auf der Bühne sitzt), nehmen technische Experten Platz, die von dort aus die umfangreiche und komplizierte Videotechnik steuern. Dramaturg Matthias Seier erläutert einige technische Fachbegriffe, die für EINSTEIN eine wichtige Rolle spielen.

PTZ-KAMERAS Während der Vorstellung werden insgesamt vier PTZ-Kameras vom Videoteam durch eine eigene Steuereinheit mittels Zoomhebel und Richtungs-Lenkarm bedient. Diese beweglichen Kameras können mit 18-fachem optischem Zoom nahezu jedwede Aktion auf der Bühne erfassen (PTZ steht für „Pan, Tilt, Zoom“) und in Full-HD-Qualität filmen.

KINECT Bei EINSTEIN ON THE BEACH steht die 3D-Kamera Kinect in der Bühnenmitte nahe des Musikalischen Leiters Florian Helgath und generiert live Daten aus seinen Bewegungen, die mit der Musik gekoppelt werden. Die Kinect stammt von Microsoft und wurde dort von einem der größten Experten für Mensch/Maschine-Schnittstellen, Johnny Chung Lee, ursprünglich für die Spielkonsole Xbox entwickelt, um Computerspiele durch Körperbewegungen und Stimme zu steuern. Die visionäre Sensoren-Technik der Kinect (u.a. Tiefensensoren, Farbkamera, 3D Mikrophon) stieß schnell auch außerhalb der Gamer-Szene auf großes Interesse – inzwischen gibt es die verschiedenste Software, die es dem Anwender erlaubt, die Kinect auch ohne die Xbox anzusteuern, Menschen und Objekte digital zu erfassen und die so gewonnenen Daten auf die vielfältigsten Arten mit anderen Daten, Algorithmen und Layern zu verknüpfen, z.B. für 3D-Modelle und als Grundlage für Animationen.

SHADER (engl.: „Schattierer“) Im großen, komplexen Reich der Computer- und 3D-Grafik unverzichtbare Software, die den dargestellten Bildern und Pixeln Schattierungen, Konturen, spezielle Effekte oder Texturen verleiht. Die möglichen Darstellungs- und Anwendungsformen scheinen dabei ähnlich unendlich wie die menschliche Kreativität selbst: Ob nun das Zerfasern einer Landschaft bei „Train“, das mühelose Gleiten durch Punktwolken bei „Building“ oder die 3D-Extrusion bei „Knee 4“ – die eigens von Lars Ullrich für „Einstein on the Beach“ entwickelten Shader arbeiten mit bis zu 100.000 Rechenprozessen pro Sekunde gleichzeitig und autonom voneinander auf der Grafikkarte.

3D-EXTRUSION Spezielle Form eines Shaders, der dafür sorgt, einzelne Pixel einer Bildkomposition zu vergrößern bzw. zu verkleinern. Wirkt als Effekt dann so, als würde der Raum sich krümmen: Teile des Bildes nähern sich dem Zuschauer oder verlieren sich in der Weite.

CHIRURGIE-SCHLÄUCHE Transparentes Material, auf das ein Videobild projiziert werden kann und das in die sechs Vorhänge auf der Bühne gespannt ist. Programmierer Lucas Pleß hat für sie eine Steuerung erarbeitet, so dass einzelne Vorhänge vom PC aus spontan angesteuert wie auch eigene, vorgeschriebene Fahrten und Choreographien entlang des Schienensystems einprogrammiert werden können.

PUNKTWOLKE Muster aus Daten, das in einem dreidimensionalen Koordinatensystem angelegt ist. Jedem Datenpunkt wird dabei eine Tiefeninformation verliehen (wie lang, wie hoch, wie breit) sowie mitunter noch weitere Attribute, etwa Farben oder Messgenauigkeit. Mit genügend Punkten entsteht so ein Netz, das beispielsweise das Äußere eines Würfels, eines Zuges oder einer gesamten Großstadt akkurat in 3D wiedergeben kann. Echte Landschaften kann man mit 3D-Lasern so abscannen, das die Welt vom Laser abgetastet und mittels gigantischer Rechenleistungen als virtuelle Punktwolke aus Daten im neuen Glanz erstrahlen wird.

MUSIK-TEXT-SYNCHRONISATION Aufgabe, die viel Fingerspitzengefühl, Rhythmus, geschulte Ohren sowie Argusaugen erfordert. In mehreren Szenen und Knee Plays des Abends erscheinen die gesungenen Ziffern und Silben live und punktgenau als große Text-Projektion auf der Bühne. Gesteuert wird diese Musik-Text-Synchronisation in Echtzeit von Bjarne Gedrath, der während der Vorstellung mit unbeirrbarem Taktgefühl und ununterbrochenem Mitlesen der Partitur die Rhythmik und Polyrhythmik der Musik auch visuell erlebbar werden lässt.

ÜBERTITELUNG Eine weitere Besonderheit der Inszenierung stellt die Übertitelung dar: Aufgrund der stilistischen Eigenheiten des Librettos, bei dessen Text die Musikalität der Wörter anstatt des Inhalts im Zentrum steht, wird auf eine Übertitelung des gesungenen bzw. gesprochenen Texts weitgehend verzichtet. Stattdessen aber liefern die Übertitel freischwebende und ungerichtete Assoziationen zu EINSTEIN ON THE BEACH und der Musik: Zitate, Wortfetzen jedweden Ursprungs, Fragen, Gedichtzeilen, Handlungsanweisungen.

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