Florian Helgath: „Spaß an schwierigen Dingen“

Florian Helgath: „Spaß an schwierigen Dingen“

Im Hauptberuf ist er Künstlerischer Leiter des ChorWerk Ruhr, doch in Kay Voges‘ Inszenierung der Oper EINSTEIN ON THE BEACH übernimmt er die musikalische Gesamtleitung. Florian Helgath spricht über diese sehr ungewöhnliche Neuproduktion an der Oper Dortmund.

Was macht die Arbeit von ChorWerk Ruhr aus, dessen Leiter Sie sind?

ChorWerk Ruhr ist ein professioneller Kammerchor, der die ganze Bandbreite der Chormusik abdecken will. Unsere – und auch meine persönlichen – Schwerpunkte sind die zeitgenössische und die Alte Musik. Es ist ein freies Ensemble, das sich für acht bis zehn Projekte pro Jahr zusammenfindet. Wir haben einen festen Stamm von Solisten, sodass wir in unterschiedlichen Besetzungen singen und trotzdem aufeinander eingespielt sind. Das Besondere an diesem Chor ist, dass er aus Künstlern besteht, die eine solistische Qualität und Ausstrahlung haben und die alle stilistisch sehr flexibel sind, dabei aber gemeinsam an einem homogenen Chorklang arbeiten.

Was sind die Besonderheiten von EINSTEIN ON THE BEACH, wenn man die Oper mit den sonstigen Arbeiten von ChorWerk Ruhr vergleicht?

Philip Glass passt sehr gut zu unserem Programm! Wir machen sehr gerne Sachen, die auf den ersten Blick sehr herausfordernd, utopisch und eigentlich nicht machbar erscheinen. Musik von Glass haben wir noch nie gemacht, aber wir hatten keine Angst davor, sondern waren neugierig. Spaß an schwierigen Dingen ist unser Markenzeichen.

Was sind die besonderen Merkmale von Glass‘ Musik?

Technisch gesehen sind es vor allem zwei: Kondition und Konzentration. Kondition brauchen wir, um über lange Strecken eine Musik herzustellen, die sich immer gleich anhören soll. Tatsächlich sind die Wiederholungen der minimalistischen patterns natürlich nur auf dem Notenpapier gleich, in Wirklichkeit klingt sie immer ein bisschen anders, aber der Anspruch ist da, es immer exakt gleich abzuliefern. Die Konzentration besteht darin, sich als Sänger und Instrumentalist der Musik nicht hinzugeben und kühlen Kopf zu bewahren. Das Publikum soll in einen musikalischen Rausch versetzt werden, aber wenn wir Musiker von ihm ergriffen werden, fliegen wir aus der Kurve.

Wie sieht das Orchester in EINSTEIN aus?

Für ein Opernorchester ist es sehr untypisch. Das Zentrum besteht in zwei Orgeln, die das Rückgrat der Musik bilden und die fast die ganze Oper hindurch im Einsatz sind. Dazu werden einzelne Nummern mit Blasinstrumenten angereichert: Es gibt drei Flöten, zwei Saxofone und eine Bassklarinette. Die Besetzung ergibt sich aus dem Philip Glass Ensemble, das der Komponist gegründet und in dem er auch selbst mitgespielt hat. Das war über Jahre eine verschworene Gemeinschaft, eine Art „Band“ für Glass‘ Musik. Einen besonderen Platz nimmt die Solo-Violine ein. Sie ist in der Oper der einzige direkte Verweis auf Albert Einstein, der ja auch ein sehr guter Geiger war.

Wie dirigiert man ein solches Stück?

Sicher nicht wie eine klassische Oper, denn es geht hier nicht darum, aus einem Orchester einen besonderen musikalischen Ausdruck herauszukitzeln. Im Gegenteil, die Musik soll ablaufen wie ein Uhrwerk und möglichst wenig musikalische Individualität der Ausführenden zeigen. Dafür muss ich erst einmal als lebendes Metronom funktionieren, auch wenn das unter Dirigenten eher verrufen ist. Außerdem muss ich viele Zeichen geben: Oft zähle ich mit den Fingern mit, damit die Sänger und Instrumentalisten das nicht machen müssen – wer immer zählt, kommt schwer in den musikalischen Fluss. Über In-Ear-Monitore bin ich mit den Musikern verbunden, ich kann ihnen also auch Anweisungen direkt ins Ohr sprechen. Jedenfalls muss ich hochkonzentriert bei der Sache sein. Wenn ich einen Fehler mache, kann das ganze Gebäude kippen. Es gibt aber auch Momente, wo ich mich ausklinken kann, weil die Musiker das alleine machen können – in anderen brauchen sie mich ganz dringend.

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Georg Holzer

Hier sieht man ihn an des Dramaturgen Lieblingsplatz: dem Schreibtisch. Georg Holzer ist mit seiner umfassenden Bildung, seinen klugen Ideen und seinen Formulierungskünsten so etwas wie der „Think Tank“ der Oper Dortmund. Wer einmal eine seiner übrigens brillanten Einführungen gehört hat, weiß: Georg Holzer kommt aus Bayern. Studiert hat er dann aber in Berlin, Poitiers und Florenz, bis er als Dramaturgie- und Regieassistent sein erstes Theaterengagement an den traditionsreichen Münchner Kammerspielen antrat. Heute ist er Chefdramaturg der Oper Dortmund. Überdies ist er auch ein gefragter Übersetzer, nicht nur der Übertitel der Oper Dortmund, sondern auch diverser Theaterstücke und insbesondere französischer Lyrik. Den nötigen Ausgleich zu so viel Kopfarbeit findet er bei ausgedehnten Jogging-Runden durch Dortmunds Parks.

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