Otello: „Ein großes Gesamtkunstwerk“

Otello: „Ein großes Gesamtkunstwerk“

Emily Newton und Lance Ryan im Interview

Gut bekannt sind sie dem Dortmunder Publikum beide, doch nun stehen sie erstmals gemeinsam auf der Bühne: die texanische Sopranistin Emily Newton und der kanadische Heldentenor Lance Ryan. Gemeinsam sind sie das Alptraum-Paar Desdemona und Otello in Verdis großer Oper. Im Interview sprechen sie über ihre Partien.

Sie haben viele selbstbewusste Frauen auf der Bühne dargestellt, aber Desdemona gilt als die Verkörperung der Liebe, Güte und des Opfers. Wie gehen Sie damit um?

Emily Newton: Ich sehe sie nicht als ätherisches Opfer-Wesen, sondern finde sie sehr vernünftig und sogar praktisch. Sie versucht bis zuletzt, Otello von der Wahrheit zu überzeugen. Im 4. Akt, als sie weiß, dass sie wohl sterben muss, bittet sie Emilia, ihr Hochzeitskleid bereit zu legen, um Otello an das gemeinsame Glück zu erinnern. Sie ist selbstbewusst genug, um zu glauben, dass sie ihn von seiner Wut und seinem Verdacht ablenken kann. Ihre menschliche Größe zur Prüfung für die Menschen um sie herum, die sie alle nicht bestehen. Natürlich wächst sie, wie das bei Verdi so ist, dabei über das Menschliche hinaus und wird zu einer Art Sinnbild der Treue und Unschuld.

Wenn Otello sich in seinen Eifersuchts-Wahn hineinsteigert, erscheint er als kompletter Psychopath. Oder kann man diese Reaktion erklären?

Lance Ryan: Die Figuren in Otello haben etwas Archetypisches. Otello ist ein Mensch, der vom Instinkt gesteuert ist, in ihm ist etwas Tierisches. Er ist nicht gebildet, kein Kulturmensch, sondern durch und durch ein Soldat: Er folgt Befehlen, ohne viele Fragen zu stellen. Dann bekommt er dieses große Geschenk, eine Frau, die ihn liebt und ihn versteht. Aber er kann nicht damit umgehen und lässt zu, dass Jago alles zerstört.
Im Englischen sagen wir, er hat Blut im Kopf. Wenn seine Gefühle ihn übermannen, kann er nicht mehr denken und deshalb auch nicht richtig reagieren. Er drängt immer sofort zum Tun, nicht zum Nachdenken. Das Gefühl, von Desdemona betrogen zu sein, ergreift ihn mit solcher Macht, dass er auch nicht mehr richtig reden kann. Mit ein paar wirklich offenen Worten wäre die Tragödie wahrscheinlich aufzuhalten. Ich bin sicher, dass er nicht böse ist. Als er nach Desdemonas Tod erfährt, dass sie unschuldig war, bereut er zutiefst, was er getan hat. Er ist ein Opfer seiner Persönlichkeit, die zu seinem Schicksal wird.

Warum vertraut Otello so blind auf Jago?

Lance Ryan: Jago ist sehr klug und hat Otello immer treu gedient. Er hat keinen Grund, ihm zu misstrauen. Außerdem braucht er ihn auf dem politischen Parkett. Otello ist Soldat, von Politik und dem gesellschaftlichen Leben versteht er nichts. Da verlässt er sich auf Jago.
Es bleibt die ewige Frage, warum Jago das alles tut. Vielleicht hat er die Nase voll davon, Otello zu dienen, und will ihn jetzt richtig fertig machen. Vielleicht hat es auch etwas mit Rassismus zu tun, auch wenn das in unserer Aufführung keine große Rolle spielt. Otello ist ja ein Fremder, der in venezianische Dienste getreten ist. Es ist schwer darzustellen, weil Rassismus so schrecklich blöd ist, aber erstaunlicherweise gibt es ja auch kluge Menschen, die Rassisten sind, obwohl man sich immer fragt, wie das sein kann.

Emily Newton: Jago tut alles mit einem Lächeln, auch die übelsten Lügen serviert er mit Charme. Für mich ist das eine Traumrolle. Die kommt auch noch irgendwann…

Wann merkt Desdemona, dass es Otello mit seinen Vorwürfen tödlich ernst ist?

Emily Newton: Das ist musikalisch sehr klar notiert. Im 2. Akt hat Desdemona eine wunderschöne Belcanto-Phrase, das klingt wie bei Bellini. Sie ist ernst, aber noch voller Hoffnung, dass alles sich wieder einrenkt. Wenn sie im 3. Akt davon singt, dass sie ihr Lächeln verloren hat, kommt wieder eine solche wunderschöne Phrase, aber diesmal ist keine Hoffnung mehr darin, nur noch Verzweiflung. Dazu kommt, dass das Gespräch im 2. Akt mit Otello allein stattgefunden hat. Jetzt demütigt er sie vor den versammelten Würdenträgern und dem Volk. Da weiß sie, dass es wahrscheinlich keinen Ausweg mehr gibt.

Lance Ryan, Sie haben viel Verdi gesungen, aber noch mehr Wagner. Gibt es beim späten Verdi eine Verwandtschaft zu Wagner, was den Gesang betrifft?

Lance Ryan: Wagner ist schon zu spüren in dieser Oper. Es gibt zwei große Zitate aus Parsifal, die so offensichtlich sind, dass es fast unverschämt ist. Auch liegt die Partie etwas tiefer als in früheren Verdi-Opern, nicht so tief wie Parsifal, aber etwa in der Gegend von Tannhäuser. Trotzdem bleibt Verdi ein Italiener, der aus dem Belcanto kommt. Nur dass Verdi eben alles genau vorschreibt, das ist der große Unterschied zu den Belcantisten. Aber es muss immer Belcanto bleiben, mit diesen schönen, langen Phrasen. Auch das Orchester ist Verdi-typisch eingesetzt, ähnlich wie bei Aida. Es bleibt beim Vorrang der Stimme gegenüber dem Orchester, während Wagner eher vom Orchester her denkt.

Emily Newton: Ich glaube, Verdi hat Wagners Idee vom Gesamtkunstwerk verstanden. Er hat zwar den Text des OTELLO nicht selbst geschrieben und das Stück auch nicht selbst dirigiert, aber er hat sich bis ins Detail um die Aufführungen gekümmert. Er hat die Sänger selbst ausgesucht, hat Vorgaben zum Bühnenbild gemacht und sogar die Anordnung des Orchesters in den verschiedenen Theatern festgelegt, wo OTELLO gespielt wurde. Deshalb ist diese Oper ein Gesamtkunstwerk auf allen Ebenen.

This article was written by
Georg Holzer

Hier sieht man ihn an des Dramaturgen Lieblingsplatz: dem Schreibtisch. Georg Holzer ist mit seiner umfassenden Bildung, seinen klugen Ideen und seinen Formulierungskünsten so etwas wie der „Think Tank“ der Oper Dortmund. Wer einmal eine seiner übrigens brillanten Einführungen gehört hat, weiß: Georg Holzer kommt aus Bayern. Studiert hat er dann aber in Berlin, Poitiers und Florenz, bis er als Dramaturgie- und Regieassistent sein erstes Theaterengagement an den traditionsreichen Münchner Kammerspielen antrat. Heute ist er Chefdramaturg der Oper Dortmund. Überdies ist er auch ein gefragter Übersetzer, nicht nur der Übertitel der Oper Dortmund, sondern auch diverser Theaterstücke und insbesondere französischer Lyrik. Den nötigen Ausgleich zu so viel Kopfarbeit findet er bei ausgedehnten Jogging-Runden durch Dortmunds Parks.

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