So nah dem Wahnsinn oder radikal real

Hamlet ist nicht nur einer der bedeutendsten Texte der Weltliteratur, sondern zugleich ein moderner Mythos, der auf der Bühne und im Film immer wieder durch seinen Hauptdarsteller neu interpretiert wird. In der Kooperation zwischen der Jungen Oper und dem Kinder-und Jugendtheater verleiht der junge Sänger Fabio Lesuisse dieser Figur das Gesicht und die Stimme eines Jungen, der sich der Welt der Erwachsenen mehr und mehr entzieht und den „eigenen Stimmen“ mehr vertraut als den Menschen seiner Umgebung.

Die Liste der Hamlet-Darsteller ist lang. Männer wie Frauen haben ihn verkörpert. Richard Burbage- aus Shakespeares eigener Schauspieltruppe- war wahrscheinlich der erste Hamlet-Darsteller. David Garrick spielte den Hamlet zwischen 1742 und 1776 in fast jeder Spielzeit. Er war vor allem berühmt für seine überzeugende Darstellung des Entsetzens beim Erscheinen des Geistes seines Vaters. Henry Irving spielte allein in einem Jahr (1874) 200mal den Hamlet. Er gilt als der erste, der den Hamlet als Charakterportrait zeigte, nicht auf spezielle Einzeleffekte setzte, sondern durch seine psychologische Studie beeindruckte. In Deutschland galt sehr bald (1776) Johann Brockmann als der „deutsche Garrick“. Er löste ein regelrechtes Hamlet-Fieber bei den Theaterbesuchern aus. Zu seinen Ehren wurde sogar in der Folge eine Gedenkmünze geprägt. Josef Kainz spielte den Hamlet „kein bisschen wahnsinnig“, Gustaf Gründgens verlieh ihm Tatkraft und Entschlossenheit, Sarah Bernhardt zeigte ihn als altklugen, verwöhnten Jüngling, Asta Niesen spielte im Stummfilm ein Mädchen, das aufgrund der Thronfolgegesetze als Junge erzogen wurde. Die Liste der Darsteller lässt sich bin in die heutige Zeit fast endlos fortsetzen, Profis und Laien haben ihn gespielt, selbst im „König der Löwen“ von Walt Disney taucht er wieder auf.

Bei so vielfältigen und bekannten Vorläufern, stellt sich die Frage an Fabio Lesuisse, was hat ihn bei dieser Figur interessiert und herausgefordert?
„Als junger Bariton hatte ich bis jetzt immer Rollen mit klaren Vorbildern, sowohl im Spiel als auch im Gesang. Diesmal war alles neu. Unser Hamlet ist sehr jung und traumatisiert durch den Tod seines Vaters. Solch eine Situation ist mir völlig unbekannt und ich musste versuchen, mich hinein zu versetzen. Es hat mir geholfen, dass ich vor meinem Gesangsstudium Psychologie studiert habe und aus Beschreibungen gut das Verhalten traumatisierten Jugendlicher kenne. Ich bin sehr tief in diesen Hamlet eingedrungen. Wie tief, das habe ich erst im Nachhinein gemerkt, als ich nach der Premiere das erste Mal wieder unbeschwert gelacht habe. Ich hatte diesen Hamlet immer bei mir. Dabei ist mir am schwersten der totale Rückzug des Jungen gefallen. Ich bin selbst eher ein Mensch, der Dinge in Gesprächen verarbeitet. Aus der Rolle habe ich mitgenommen, Dinge auch mit sich selbst auszumachen. Das war ein Lernprozess für meine eigene Persönlichkeit. Natürlich habe ich auch die erfahreneren Schauspielkollegen gefragt wie man nach den Proben aus solch einer Figur wieder herauskommt. Aber es gibt einfach keinen Schalter, den man umlegen kann.
Musikalisch musste ich mir die Rolle Ton für Ton erarbeiten. Es ist ja eine Neukomposition: Es gab keine Hörvorbilder, nur die Vorstellung des Komponisten. Dadurch hatte ich viel Freiheit, z.B. auch anders zu singen, als ich es bis dahin gelernt hatte. Dabei habe ich Möglichkeiten und Farben meiner Stimme entdeckt, die ich jetzt auch für andere klassische Rollen nutzen kann. Ich bin da einfach mutiger geworden.“

Hamlet und Gertrud – wenn Nähe misslingt

Die Elterngeneration ist in dieser Produktion mit Schauspielern des Kinder- und Jugendtheaters besetzt. Im Gegensatz zu Hamlet und Ophelia ist ihr Kommunikationsmittel die Sprache. Eine wirkliche Verständigung ist zwischen den Generationen nicht möglich, weil ihre „Sprache“ eine andere ist. Allein Hamlets Mutter Gertrud gelingt eine gewisse Annäherung an den Sohn in kurzen Gesangspassagen.

Daher die Frage an Bettina Zobel, die die Gertrud verkörpert, was für sie das Besondere in der Arbeit war.
„Der Unterschied besteht erstmal in der Größe des Apparates: Viel mehr Menschen sind an so einer Produktion beteiligt, da braucht es viel Logistik. Sänger, Chor, Schauspieler und Orchester allein auf der Bühne. Ich frage mich gerade, ob wir schon mal mehr Menschen auf der Bühne des KJT hatten. Dann aber nur bei einer anderen Koproduktion mit der Oper! Meine größte Herausforderung war ganz klar der kleine Sprech-/ Gesangspart in der Gertrud/ Hamlet- Szene, den der musikalische Leiter Ingo Stadtmüller mit Einverständnis des Komponisten für mich über Nacht dazu komponiert hatte.“

Wie sind die Eindrücke aus den Vorstellungen?
„Die Jugendlichen scheinen anfangs oft reserviert, und dann bin ich eigentlich immer überrascht von der großen Konzentration, mit der sie folgen. Ich stehe zwischen den Auftritten ja auf der Seite und kann da auch mal einen Blick ins Publikum werfen. Mir würde gefallen, wenn wir mit Hamlet jungen Leuten Lust auf Oper macht, die Berührungsängste mindert. Ich bin ja selber Opernfan und glaube, das hat schon auch damit zu tun, dass ich als Kind da eher unfreiwillig reingesetzt wurde von meinen Eltern. Als ich dann älter wurde, hatte ich keine Schwellenangst. Wäre schön, wenn wir den Jugendlichen zeigen können, dass die sogenannte E- Musik auch aufregend und schön sein kann.“

 

 

This article was written by
Heike Buderus

Heike Buderus studierte Anglistik und Russistik an der Ruhr-Universität Bochum sowie Germanistik und Neugriechisch an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Nach ihrem Referendariatsdienst wurde sie 1986 Theaterpädagogin für das Schauspiel und KJT am Landestheater Castrop-Rauxel. Zusammen mit Kollegen an den Theatern in NRW rief sie einen ersten Zusammenschluss von Theaterpädagogen auf Landesebene ins Leben. Seit 1999 ist sie als Theaterpädagogin für das Musiktheater und Ballett am Theater Dortmund zuständig. Neben der theaterpädagogischen Begleitung von Produktionen durch Vor- und Nachbereitungen, realisierte sie zahlreiche theaterpädagogische Projekte für die Oper und das Ballett so u.a. Feuervogel, Feuerspuren und Heldenbilder in Zusammenarbeit mit dem Museum Ostwall, Frühzünder und Spätblüher und Operazzi in der Kinderoper. Hier setzte sie sich u.a. für ein kontinuierliches Angebot von Musiktheater für ein junges Publikum ein und übernahm die Dramaturgie für diverse Kinderoperproduktionen für und mit Kindern und Jugendlichen. Heike Buderus ist Gründungsmitglied des Bundesverbandes der Theaterpädagogen und lehrt am Institut für Musik und Didaktik an der Universität Dortmund.

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