Der Nudelsalat bleibt

Der Nudelsalat bleibt

Über die Wiedereinstudierung einer Oper mit teilweise Umbesetzungen am Beispiel von „Don Giovanni“ aus der Sicht des Regieassistenten Bjarne Gedrath

Eigentlich gab es zwei Umbesetzungen bei der Wiederaufnahme von „Don Giovanni“ im Februar. Zum einen hat Joshua Whitener die Rolle des Don Ottavio übernommen, zum anderen sind die beiden Wendeltreppen auf der Bühnenmitte, die in den Orchestergraben geführt haben, weggefallen. Dabei ist die Umbesetzung von einem Sänger durchaus normal. Damit muss man schon während der laufenden Spielzeit bei Erkrankung rechnen und arbeiten. Dagegen sind festeingeplante Probezeiten auf der Probebühne und später auf der richtigen Bühne gern genommener (fast) Luxus.

Ungewöhnlicher war die „Umbesetzung“ der Wendeltreppen. Die beiden Treppen wirkten auf der Bühnenmitte recht schlicht und wurden nicht viel beachtet. Aber sie waren wichtige Auf- und Abtrittsmöglichkeiten, die Treppen haben Orientierung auf der Bühne gegeben und sie waren das Auffangbecken für den Nudelsalat, den Masetto am Ende von seinem ‚ho capito‘ seiner Frischvermählten Zerlina hinterhergeworfen hat. Jetzt wurden die Treppen ersetzt, durch einen durchgehenden schwarzen Boden.

Es gibt zwei Dokumente, auf die sich ein Regieassistent stürzt, bevor er eine Wiedereinstudierung von einem Stück übernimmt: ein Videomitschnitt und das Regiebuch. Das Video reicht für den ganz großen Teil der Arbeit aus. Man kann erkennen, wer wo auftritt, steht, spielt und singt, mit wem er/sie spricht, welche Requisiten gebraucht werden und welche Möbel auf der Bühne sind. Für die Details braucht man dann aber doch schriftliche Aufzeichnungen. Was passiert, wenn, wie im Sextett zu Beginn des zweiten Akts, sechs Darsteller über die gesamte Bühne verstreut sind? Ein Video kann da nicht alles einfangen. Welche Gefühle will ein Darsteller vermitteln, welche Ideen hat seine Figur gerade? Für solche Fragen wird vom Regieassistenten ein Regiebuch angelegt. Das ist ein dickes Buch mit, im Falle von Don Giovanni, knapp 1000 Seiten. Jede zweite Seite sind die Noten aus dem Klavierauszug und dazwischen ist immer eine leere Seite. Auf der leeren Seite wird während der ersten Einstudierungsproben notiert, was in diesem Moment alles passiert: Auftritte, Gänge auf der Bühne, zu wem welche Sätze gesungen werden, die Ideen hinter der Haltung einer Figur, bis zu technischen Angaben, wann der Schleier vor dem Orchester auffährt oder wann sich das Licht ändert. Der Klavierauszug ist also sowas wie das Wanderhirn einer Inszenierung, das man an seinen Nachfolger weiter geben kann.

Der Nachteil an diesem Hirn ist nur, dass es manchmal unverständlich ist. In der Regel ist man beim Anlegen des Regiebuchs unter zeitlichem Druck, so dass die eigene Handschrift zwar noch entschlüsselt werden kann, aber ein Nachfolger erhebliche Probleme bekommt. Und dann kommt es während der Proben immer wieder zu Momenten, in denen der Regieassistent gemeinsam mit den Sängern versucht, die Krakeleien, die wichtige Regiehinweise sein können, zu verstehen.

Video und Regiebuch sind also gute Werkzeuge, wenn man den Anspruch hat, eine Rolle eins zu eins umzubesetzen. Wenn sich Dinge aber ändern oder wegfallen, gibt es kein Buch, das einem sagt, was passiert. Aber wohin soll Masetto jetzt seinen Nudelsalat werfen? Zerlina wird von ihm nicht mehr die Wendeltreppe runtergejagt, sondern er drängt sie in die Beleuchtungsrinne auf der linken Seite. Aber die Rinne ist voll mit Technik, und der Hammerflügel steht direkt daneben. Beides sind keine Gegenstände, die mit Nudelsalat beschmissen werden sollten. Die Lösung: Masetto schmeißt keine Nudeln mehr. Der Nudelsalat bleibt aber als zu bespielendes Requisit für den Chor während der Hochzeitsszene. Damit sind die Nudeln die dritte Umbesetzung.

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