Drei Frauen, ein Mythos: Wie Alphonsine Plessis zu Violetta Valéry wurde

Drei Frauen, ein Mythos: Wie Alphonsine Plessis zu Violetta Valéry wurde

Haare, schwarz wie Ebenholz, rosige Haut und mandelweiße Zähne – vor dem inneren Auge spaziert Schneewittchen vorbei. Doch hier ist eine andere gemeint, eine Frau aus Fleisch und Blut, aber mit einer ebenso märchenhaften Geschichte: Alphonsine Plessis. Die Tochter eines Tagelöhners mauserte sich zur vergötterten Kurtisane, wurde dann zur Roman- und Theaterfigur stilisiert und stieg schließlich zur Heiligen und Opernheldin auf.

Am 15. Januar 1824 erblickte Alphonsine Plessis auf einem ärmlichen Fleckchen Erde das Licht der Welt. Sie wuchs in einer zerrütteten Familie in der Normandie auf, ihre Mutter ließ sie früh mit ihrem gewalttätigen Vater alleine. Sie lernte weder lesen noch schreiben und schlug sich schon als Kind mit Gelegenheitsjobs durch – ihr Weg ins Elend schien vorgezeichnet. Alphonsine aber setzte auf ihr Kapital: ihr engelgleiches Aussehen. Als sie mit 15 Jahren zu Verwandten nach Paris geschickt wurde, änderte sie ihren Namen in Marie Duplessis, verschaffte sich Zugang zu den besseren Kreisen der Gesellschaft, und siehe da, alles ward wie verzaubert von ihrer Schönheit. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie eine Traube reicher Männer um sich versammelt, die sich ihr zu Füßen warfen, sie mit Geld überschütteten und sie protegierten. Marie war zur begehrtesten Kurtisane in der glitzernden, aber von innen verfaulten Gesellschaft der Weltstadt geworden. Sie spielte ihre Rolle bis zur Perfektion, war anspruchsvoll, graziös und klug.
Doch wie in jedem Märchen gibt es auch in dieser Geschichte die böse Macht, die alles Glück zerstört: Marie erkrankte an Tuberkulose und starb im zarten Alter von 23 Jahren völlig ausgezehrt in Paris. Ihre Verehrer und Bewunderer prügelten sich bei der Versteigerung ihres Hausstandes noch um das letzte Taschentuch. Nur einer entschloss sich, ihr etwas zurückzugeben: Der Autor Alexandre Dumas fils verewigte sie in einem Roman.

„La dame aux camélias“ nannte Dumas sein Werk, als Hommage an die Blüten, die Marie stets bei sich trug und die zu ihrem Markenzeichen wurden. Im Roman verwandelt sich Marie Duplessis in Marguerite Gautier, deren Geschichte in mehreren ineinander verschachtelten Zeitebenen erzählt wird. Kurz nach ihrem Tuberkulosetod begegnet der Ich-Erzähler einem jungen Mann namens Armand Duval, der das junge Mädchen wirklich geliebt hat. Armand findet in Marguerites Nachlass Briefe, anhand derer nun ihre tragische Liebesgeschichte erzählt wird, in den Grundzügen jene Geschichte, die wir aus „La Traviata“ kennen.
Es ist kein Zufall, dass die Initialen des Protagonisten AD lauten – Alexandre Dumas hat wohl seine persönliche Geschichte mit Marie Duplessis in diesem Roman verarbeitet. Seine Erinnerungen an die Affäre, die ihm irgendwann zu teuer wurde, tauchen die Kameliendame in ein sentimentales Licht und stellen sie auf einen von romantischen Fantasien umrankten Sockel. Das ändert sich, als Dumas seinen Roman zum Schauspiel umarbeitet. Er muss Marguerite zu einer eigenständigen Person machen, damit die Zuschauer sie ernst nehmen, mit ihr lieben und leiden können. Alles Ordinäre, was im Roman noch auf ihre Herkunft vom Lande hinwies, verschwindet, die Figur wird abgeschliffen. Dieser Schritt ist ein wesentlicher in der Verwandlung der Kameliendame: Sie erhält eine eigene Persönlichkeit. Armands Fantasien aus dem Roman werden entschlackt, Marguerite erscheint als handelndes Subjekt.

Im Schauspiel ist der Prozess der Erhöhung also schon weit vorangeschritten – in der Oper findet er schließlich seinen Höhepunkt. Giuseppe Verdi und sein Librettist Francesco Maria Piave halten sich eng an Dumas’ dramatische Vorlage, müssen die Dialoge aber kürzen und entscheiden sich, der Kameliendame abermals einen neuen Namen zu verpassen, unter dem sie zur Opernheldin avancieren sollte: Violetta Valéry. In der Oper bildet Violettas Leben als Kurtisane nur noch die Leinwand für den eigentlichen Kern der Geschichte, nämlich das große Gefühl einer liebenden Frau.

Aus Alphonsine-Marie-Marguerite ist letztendlich Violetta geworden, die edelmütig und opferbereit durch das Stück schreitet. Vom Mädchen aus der Normandie ist nicht ein Hauch übriggeblieben, es hat all die pathetischen Abenteuer, die wir heute auf der Bühne sehen, nie erlebt. Ihr eher trauriges Schicksal wurde zum Mythos kondensiert – und Verdis Musik ist es, die eine Prostituierte zur Heiligen erhebt.

Marie König

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