10 Dinge, die Sie über “La Traviata” wissen sollten

Die Kameliendame
„La Dame aux camélias“ war der erfolgreichste Roman des französischen Schriftstellers Alexandre Dumas fils, der ansonsten im Schatten seines berühmten Vaters Alexandre Dumas père stand. Thema der Erzählung war eine autobiografische Episode: Der 20-jährige Dumas hatte die Pariser Halbweltdame Marie Duplessis kennen und lieben gelernt, die 1847 im Alter von 23 Jahren gestorben war. Das 1848 erschienene Buch war beim Publikum so beliebt, dass Dumas sich entschloss, es zum Theaterstück umzuarbeiten. 1852 wurde es in Paris uraufgeführt und bildete die Grundlage für das Libretto von „La Traviata“.

Die populäre Trilogie
Zwischen 1849 und 1852 schrieb Giuseppe Verdi hintereinander seine drei bis heute meistaufgeführten Opern: zuerst „Rigoletto“, dann den „Troubadour“ (zuletzt 2013 an der Oper Dortmund aufgeführt) und schließlich „La Traviata“. Auch wenn Verdis Name schon durch seine Werke aus den 40-er Jahren einen guten Klang in der Opernwelt seiner Zeit hatte, katapultierten ihn diese Werke doch an die Spitze des europäischen Opernschaffens seiner Zeit. Später hat man die drei Opern als „trilogia popolare“, als populäre Trilogie zusammengefasst. Wer sich für die italienische Oper interessiert, kommt an ihnen nicht vorbei.

Vom Weg abgekommen
Sonderlinge, Spinner und Außenseiter treten in Opern nicht gerade selten auf und machen oft ihren Reiz aus. Verdis Heldin Violetta Valéry aber ist eine sehr besondere Gestalt. Sie ist eine Partylöwin, ein It-Girl, die ihr Leben auf rauschenden Festen verbringt und für die Sex eine Mischung aus freizügigem Lebensstil und Gelderwerb bedeutet. Fasziniert sind viele von ihr, mit ihr wirklich etwas zu tun haben will niemand. Verdi macht schon im Titel der Oper klar, was die Gesellschaft eigentlich von dieser Frau hält: Aus Dumas’ „Kameliendame“ wird bei ihm „La Traviata“, die vom rechten Weg Abgekommene.

Ein schüchterner Draufgänger
Alfredo Germont, der Violetta so leidenschaftlich liebt, ist ebenfalls keine Figur, die sich so einfach festlegen lässt. Einerseits macht er auf dem gesellschaftlichen Parkett keine schlechte Figur, wie man an seinem souveränen und mitreißenden Trinklied erkennt. Andererseits ist er ein Jahr lang um Violettas Haus herumgeschlichen, die Liebe zu ihr im Herzen, aber zu schüchtern, etwas von ihr merken zu lassen. Als er sich dann einmal dazu durchgerungen hat, ihr seine Zuneigung zu gestehen, reißt ihn jedoch seine eigene Courage mit: Nun lässt er nicht locker, bis er Violetta davon überzeugt hat, der richtige Mann für sie zu sein. So wird aus dem jungen Kerl, der noch unter der Fuchtel seiner Familie steht, plötzlich ein Mann, der mit einer der begehrtesten (und verrufensten) Frauen von Paris zusammen ist.

Das fatale Dreieck
In vielen von Verdis Opern findet sich eine typische Figurenkonstellation: Sopran und Tenor lieben einander, doch der Bariton versucht, ihre Liebe zu durchkreuzen. Dieser Bariton kann ein Liebesrivale sein, aber auch – wie in „Rigoletto“ oder „La Traviata“ – ein Elternteil eines der Liebenden. Während in „Rigoletto“ ein einsamer, eifersüchtiger Vater vergeblich über seine Tochter wacht, ist es in „La Traviata“ der Vater des jungen Mannes, der dem jungen Glück an den Kragen will. Giorgio Germont ist ein Mann von Welt. Die Flausen seines Sohnes bringen seine Familie in ein schlechtes Licht, und das ist für ihn, der von seinem guten Ruf lebt, nicht akzeptabel. Er hat eine Mission: Violetta muss aus Alfredos Leben verschwinden. So wird er zum Motor der Tragödie.

Rein wie ein Engel
Wie in jeder guten Tragödie ist auch in „La Traviata“ der Bösewicht nicht einfach böse. Vater Germont hat gute Gründe, sich der Verbindung seines Sohnes mit einer Frau von zweifelhafter Reputation in den Weg zu stellen. Die Begegnung von Germont und Violetta, in der Mitte des 2. Akts und damit auch der ganzen Oper angesiedelt, ist der Angelpunkt der gesamten Handlung. Germont setzt auf Violettas Einsicht. Wenn bekannt würde, dass Alfredo mit einer Prostituierten zusammenlebt, wäre nicht nur seine Zukunft in Gefahr; auch die Verlobung seiner Schwester mit einem ehrbaren jungen Mann wäre in Gefahr. Dieses Mädchen, „pura siccome un angelo“ („rein wie ein Engel“), sollte dafür büßen, dass ihr Bruder seinen Kopf durchsetzt? Dieses Argument überzeugt auch Violetta, die Germont verspricht, sich von Alfredo zu trennen.

Liebe als Selbstfindung
Violetta verlässt Alfredo, sagt ihm aber natürlich nicht den Grund. Alfredo reagiert wie ein beleidigtes Kind, er demütigt Violetta vor der ganzen Gesellschaft. Seine Liebe erscheint ohnehin ein wenig kindisch: Zuerst bestaunt er Violetta ein Jahr lang aus der Ferne, dann macht er ihr eine rasende Liebeserklärung, zieht mit ihr aufs Land, lässt sich, ohne es zu wissen, von ihr aushalten, und macht sie schließlich in der Öffentlichkeit herunter, ohne die wirklichen Hintergründe zu kennen. Erst am Ende erkennt er in der sterbenden Violetta die wahre Größe dieser Frau. Aber wahrscheinlich wird sein Vater recht behalten: Die Erinnerung an die einstige große Liebe wird verblassen und der Realität einer anderen schönen Frau Platz machen. Alfredo ist durch Violetta auf dem Weg zur Selbstfindung jedenfalls ein Stück weitergekommen.

In Schönheit sterben
Die Musik – in diesem Fall die flirrenden Violinen – erzählt es uns schon im kurzen Vorspiel der Oper: Das Verhängnis des Todes liegt von Anfang an über der Handlung. Violetta ist todkrank, ihr bleibt nur noch kurze Zeit. In dieser will sie erleben, wofür andere ein langes Leben brauchen, das wilde Partyleben, die große Liebe, das zweisame Glück auf dem Land und den heldenhaften Verzicht. Die Tuberkulose, diese hochsymbolische Krankheit des 19. Jahrhunderts, erlaubt ihr ein Sterben in Schönheit. Die Schwindsucht lässt sie verschwinden, nachdem sie sich noch einmal zur ergreifendsten Musik aufgeschwungen hat.

Eine neue Kompositionsweise
Was Giuseppe Verdi, allerdings auch schon in seinen früheren Stücken, für die Entwicklung der Kunstform Oper geleistet hat, kann man an „La Traviata“ besonders gut studieren. Von der herkömmlichen Nummernoper finden sich nur noch Reste, die Musik stellt sich in den Dienst der Handlung und der Figurenentwicklung. Es gibt viel Konversation, viele Dialoge, Duette und Ensembles, nur wenige reine Soloarien, und auch die fallen nicht aus der Handlung heraus, sondern sind schlüssig aus ihr entwickelt. Eine wichtige Rolle spielt wie immer bei Verdi der Chor. Seine mitreißenden großen Chöre waren Markenzeichen und Erfolgrezept seiner frühen und mittleren Schaffensphase.

Ein Welterfolg lässt sich Zeit
„La Traviata“ trat nach der Uraufführung 1853 bald ihren Siegeszug über die Bühnen der Welt an und machte ihren Komponisten zusammen mit den beiden anderen Opern der „Trilogia“ endgültig zur lebenden Legende. Verdis selbst so genannte „Galeerenjahre“, in denen er ohne Unterlass komponierte, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, waren durch die Einnahmen aus diesen Werken beendet, künftig konnte er sich die Aufträge sorgfältiger aussuchen. Die Uraufführung in Venedig war selbst allerdings kein Erfolg: Was in Paris längst Mode war, war im provinzielleren Italien noch anrüchig. Ein leichtes Mädchen als Tragödienfigur war dort suspekt. Doch Verdis überwältigender Musik konnten sich auch die Italiener nicht lange entziehen.

 

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Georg Holzer

Hier sieht man ihn an des Dramaturgen Lieblingsplatz: dem Schreibtisch. Georg Holzer ist mit seiner umfassenden Bildung, seinen klugen Ideen und seinen Formulierungskünsten so etwas wie der „Think Tank“ der Oper Dortmund. Wer einmal eine seiner übrigens brillanten Einführungen gehört hat, weiß: Georg Holzer kommt aus Bayern. Studiert hat er dann aber in Berlin, Poitiers und Florenz, bis er als Dramaturgie- und Regieassistent sein erstes Theaterengagement an den traditionsreichen Münchner Kammerspielen antrat. Heute ist er Chefdramaturg der Oper Dortmund. Überdies ist er auch ein gefragter Übersetzer, nicht nur der Übertitel der Oper Dortmund, sondern auch diverser Theaterstücke und insbesondere französischer Lyrik. Den nötigen Ausgleich zu so viel Kopfarbeit findet er bei ausgedehnten Jogging-Runden durch Dortmunds Parks.

There is 1 comment for this article
  1. Motti at 12:42

    Dankedankdanke,
    eine kurze knackige Beschreibung einer Oper mit etwas Hintergrund zum Komponisten. In Sätzen, welche ich als Laie tatsächlich auch verstehe.
    Eure Seite ist nun in meinen Favoriten.

    Motti

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