„Hundertfache Bemühung ums Einzelne“

Die Briefe von Strauss und Hofmannsthal zu ARABELLA

Getroffen haben sich der Komponist und sein Dichter nur selten. Strauss (1864-1949) und Hofmannsthal (1874-1929) waren sehr unterschiedliche Persönlichkeiten: Strauss war robust, gesellig, auch von einer gewissen Rücksichtslosigkeit, wenn es darum ging, seine Interessen durchzusetzen; Hofmannsthal empfindlich, nicht selten krank und depressiv. Der Dichter schätzte den Komponisten, doch als Mensch hielt er ihn nur schwer aus. Deshalb vermied Hofmannsthal persönliche Begegnungen mit Strauss, so gut es eben ging. Umso intensiver war ihr Briefwechsel, in dem sie auch kleinste Details ihrer künstlerischen Arbeit behandelten. Im Jahr 1925 schreibt Hofmannsthal einen Brief über die Briefe: „Es hat etwas Bewegendes, wenn man diese Briefe so durchliest. So viele Jahre – so viel ehrliche Bemühung, hundertfache Bemühung ums Einzelne, ums Kleinste oft. Möge etwas davon übrigbleiben!“

Übrig geblieben ist eine Sammlung von Briefen, die in der Operngeschichte nicht Ihresgleichen hat. Der Leser sieht, wie über die Jahre das Vertrauen zwischen den beiden sehr eigenwilligen Charakteren wächst, und ist manchmal betroffen von der Arroganz, mit der Strauss und Hofmannsthal all jene betrachten, die sie für inkompetent in künstlerischen Dingen halten. In ihren Augen sind das die meisten: das Publikum sowieso, aber auch die Direktionen der Theater. Nur wenige Dirigenten, Sängerinnen und Sänger finden vor ihren Augen Gnade und werden als Mitstreiter akzeptiert.
Nach ihrer ersten gemeinsamen Arbeit, dem ROSENKAVALIER von 1911, suchte besonders Hofmannsthal immer wieder nach dem Stoff für eine erfolgreiche Gesellschaftskomödie. ARIADNE AUF NAXOS sollte eine werden, nahm aber im Lauf der Entstehung eine andere Wendung. Nach zwei ernsten und verrätselten Stücken (DIE FRAU OHNE SCHATTEN, DIE ÄGYPTISCHE HELENA) war für Hofmannsthal die Zeit gekommen, wieder auf einen heiteren Stoff zu dringen. Strauss hatte ganz andere Ideen: Die Novelle „Dunst“ von Turgenjew interessierte ihn, und am liebsten hätte er von Hofmannsthal einen Text gehabt, in dem ein Komponist nach einer heftigen Liebe zu einer Sängerin wieder zu seiner Ehefrau zurückkehrt – aber das interessierte den Dichter nicht im Geringsten. In einem Brief vom 1.10.1929 schlägt er zum ersten Mal einen Lustspiel-Entwurf vor, den er in der Schublade hat und der schon Elemente der späteren ARABELLA enthält; er trägt den Arbeitstitel „Der Fiaker als Graf“. Hofmannsthal schreibt: „Gestern nun fiel mir zum ersten Mal plötzlich ein, dass das Ganze wirklich einen Hauch vom ‚Rosenkavalier’ in sich hat, eine sehr reizende Frauenfigur in der Mitte, rund um die meist junge Männer, auch etliche Episoden – keinerlei äußere Verwandtschaft oder Ähnlichkeit mit dem ‚Rosenkavalier’, aber eine innere Verwandtschaft.“ „Noch leichter, noch französischer, noch ferner von Wagner“ sollte dieses Libretto werden.
Einige Wochen später spricht Hofmannsthal von einer dreiaktigen Spieloper, „ja fast Operette“ – das Wort verwendet er allerdings sehr vorsichtig, weil er weiß, wie sehr Strauss Operetten verabscheut. Am 20.11. wird der Dichter schon sehr konkret, beschreibt Arabella und ihre Schwester Zdenka sowie den liebenden Mandryka „aus einer halb fremden Welt (Kroatien), halb ein Buffo, und dabei ein großartiger Kerl, tiefer Gefühle fähig, wild und sanft, fast dämonisch“.
Nun beginnen die beiden eine detaillierte Auseinandersetzung über Hofmannsthals Entwurf. Auch Strauss hat Ideen: Er möchte Arabellas Mutter Adelaide zu einer zweiten Marschallin (aus dem ROSENKAVALIER) machen, weil er den Figuren der Schwestern und Mandrykas nicht so recht vertraut. Hofmannsthal hört sich die Vorschläge an, ignoriert sie aber mit Höflichkeit und erklärt Strauss immer wieder geduldig, wie er sich die Sache vorstellt.
Im April 1928 schreibt Hofmannsthal: „Ich glaube, die Komödie wird leicht, bewegt und lustig und die Rollen sehr gut.“ Strauss lässt seinen Librettisten erst einmal machen, denn er ist vollauf mit der Uraufführung der ÄGYPTISCHEN HELENA beschäftigt. Anfang Mai ist der 1. Akt fertig. Strauss ist zufrieden, nur das Ende gefällt ihm nicht: „Die Architektur der letzten sieben Seiten ist nicht gut, hat keine musikalische Linie, zuviel Durcheinander im Dialog, ist schlecht zu komponieren und kaum zu einheitlichem musikalischem Gebilde zusammenzufassen.“ Der Dichter verspricht eine Überarbeitung und ändert tatsächlich einiges am Aktschluss. Nun ist Strauss mit der Figur Arabella unzufrieden, „sie ist nicht genügend interessant und fast unsympathisch“. Auch der 2. Akt gefällt Strauss nicht besonders. Hofmannsthal nimmt die heftige Kritik erstaunlich gelassen auf und verspricht, in Strauss’ Sinne weiterzuarbeiten. Der möchte noch nicht mit der Komposition beginnen, bevor der Text komplett fertig ist. Hofmannsthal bestärkt ihn darin und freut sich über die enge Zusammenarbeit: „Ich finde die genaue briefliche Unterhaltung über das Szenar der Spieloper ganz ausgezeichnet, endlich komme ich so, vor der eigentlichen Arbeit, in Fühlung mit den Wünschen des Musikers.“
Weil die Änderungswünsche zahlreich sind und Hofmannsthal nicht immer gut in Form ist, zieht sich die Arbeit über einige Zeit hin. Strauss beginnt nun doch, den 1. Akt zu komponieren, findet aber keinen Zugang. Er schlägt sogar vor, die Komödie in eine Tragödie zu verwandeln: Mandryka soll sich aus Verzweiflung über Arabellas vermeintlichen Betrug erschießen, Arabella soll dem Sterbenden symbolisch ein Glas Wasser reichen. Hofmannsthals Laune wird schlechter, denn, so schreibt er, alle seine Bekannten fänden ARABELLA großartig, nur der Komponist nicht. Trotzdem bleibt er geduldig und verspricht Überarbeitungen.

Das Ende der Zusammenarbeit kommt sehr unerwartet. Am 10. Juli 1929 schickt Hofmannsthal die endgültige Fassung des 1. Akts an Strauss. Der kurze Brief, der sie begleitet, ist der letzte, den er Strauss schreibt. Am 14. Juli schickt Strauss ein Telegramm: „Erster Akt ausgezeichnet. Herzlichen Dank und Glückwünsche.“ Hofmannsthal hat dieses Telegramm nicht mehr geöffnet. Am 15. Juli erleidet er einen tödlichen Schlaganfall, als er gerade zur Beerdigung seines Sohnes fahren will, der Selbstmord begangen hat. Zu Ehren seines künstlerischen Freundes vertont Strauss den noch nicht überarbeiteten 2. und 3. Akt so, wie Hofmannsthal sie hinterlassen hat. Die legendäre Zusammenarbeit der beiden ist vorbei. ARABELLA wird fast genau vier Jahre später, am 1. Juli 1933, in Dresden uraufgeführt.

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Georg Holzer

Hier sieht man ihn an des Dramaturgen Lieblingsplatz: dem Schreibtisch. Georg Holzer ist mit seiner umfassenden Bildung, seinen klugen Ideen und seinen Formulierungskünsten so etwas wie der „Think Tank“ der Oper Dortmund. Wer einmal eine seiner übrigens brillanten Einführungen gehört hat, weiß: Georg Holzer kommt aus Bayern. Studiert hat er dann aber in Berlin, Poitiers und Florenz, bis er als Dramaturgie- und Regieassistent sein erstes Theaterengagement an den traditionsreichen Münchner Kammerspielen antrat. Heute ist er Chefdramaturg der Oper Dortmund. Überdies ist er auch ein gefragter Übersetzer, nicht nur der Übertitel der Oper Dortmund, sondern auch diverser Theaterstücke und insbesondere französischer Lyrik. Den nötigen Ausgleich zu so viel Kopfarbeit findet er bei ausgedehnten Jogging-Runden durch Dortmunds Parks.

There is 1 comment for this article
  1. Helga Flemming at 21:14

    Vielen Dank für ihren Artikel. Ich komme gerade aus der Oper „Arabella“. Die Aufführung hat mir äußerst gut gefallen. Nun fand ich es sehr interessant etwas über die Hintergründe der Entstehung dieser Oper zu erfahren.

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