„Wenn ich nur die Schwindsucht hätte…” – Tuberkulose in Literatur und Oper

„Wenn ich nur die Schwindsucht hätte…” – Tuberkulose in Literatur und Oper

„Violetta“, ruft Alfredo verzweifelt auf dem hohen „g” aus; „Mimi”, schluchzt Rodolfo und wirft sich laut Bühnenanweisung „auf den entseelten Körper”, und Hoffmann drückt seine Trauer um Antonia mit einem der schönsten Sextsprünge der Opernliteratur aus. Die drei Opernheldinnen haben aber nicht nur gemeinsam, dass ihre Liebhaber in den höchsten Tönen um sie trauern, vielmehr sind sie auch alle an den Folgen derselben Krankheit gestorben: der sogenannten Schwindsucht. Und das kommt nicht von ungefähr. „La Traviata”, „La Bohème” und „Les Contes d’Hoffmann” basieren auf literarischen Werken des 19. Jahrhunderts; die Lungentuberkulose war zu dieser Zeit eine weit verbreitete unheilbare Krankheit. Trotz aller Schrecken avancierte sie zur Modekrankheit in Literatur und Gesellschaft, wurde wie so vieles romantisiert und diente Autoren als Metapher für Seelenzustände zarter und sensibler Charaktere.

Krankheit als Metapher
Über die „Krankheit als Metapher“ machte sich die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Susan Sontag in ihrem gleichnamigen Essay Gedanken. Unheilbarkeit und Unberechenbarkeit der Tuberkulose waren ihrer Meinung nach die Auslöser für die Mythisierung einer Krankheit, die in den meisten Fällen tödlich endete. Und solange man sich über Ursachen und Heilungsmöglichkeiten nicht im Klaren war, konnten sich wilde Theorien verbreiten. Man dachte etwa, dass Tb als Aphrodisiakum wirke und verstärktes sexuelles Verlangen auslösen könne; zeitweise nahm man sogar an, die Schwindsucht sei eine Geschlechtskrankheit. Als Therapie wurde der Klimawechsel empfohlen, nur welches Klima nun für die Heilung das günstigere sei, wurde im Laufe der Jahrzehnte immer wieder anders entschieden.
In der Auffassung der Romantiker löst die Tuberkulose den grobstofflichen Körper auf, vergeistigt die Persönlichkeit und erweitert das Bewusstsein; der Tuberkulöse wird von einer inneren leidenschaftlichen Glut aufgezehrt. In der Literatur wurde Tb zur Krankheit sensibler und passiver Menschen, eine Krankheit der geborenen Opfer. Als Krankheitsursachen wurde die Unterdrückung von Leidenschaften angesehen. Die Erkrankung an der Schwindsucht deutete dementsprechend auf ein fortwährend schwelendes Verlangen hin, das, dem Widerstreben des Individuums zum Trotz, nun als Krankheit hervortritt: verschlossene Innenwelten werden offenbar.
Zeitweise gehörte es zum guten Ton, an der Schwindsucht zu leiden: Es war unfein, viel zu essen, und geradezu vulgär, gesund auszusehen. „Chopin war zu einer Zeit tuberkulosekrank, als eine gute Gesundheit nicht chic war“, schrieb Camille Saint-Saëns 1930. „Es war modisch, blass und abgezehrt auszusehen.“ Und Lord Byron soll gesagt haben: „Ich sehe blass aus. Ich würde gern an einer Schwindsucht sterben.“ „Weshalb“, fragte ihn ein Freund. „Weil die Damen sagen würden: Seht doch den armen Byron, wie interessant sieht er als Sterbender aus.” Nach und nach wurde die tuberkulöse Erscheinung, die eine anziehende Verletzlichkeit, eine überlegene Sensibilität symbolisierte, zum idealen Aussehen.

La Bohème
Keine Frage, dass im Laufe der Zeit die Tuberkulose eng mit Kreativität verknüpft wurde und zur Krankheit der Künstler aufstieg. Der tuberkulöse Charakter war empfindsam und schöpferisch. „Ich bin eine Größe; wenn ich nur die Schwindsucht, langes Haar und einen Frack hätte, wäre ich schon so berühmt wie die Sonne”, erklärt der Musiker Schaunard aus den „Scènes de la Vie de Bohème“ von Henry Murger, auf denen Puccinis „La Bohème“ basiert. Murger, der übrigens selbst an der Schwindsucht gestorben ist, schildert hier das Pariser Bohème-Milieu am Beispiel von vier Freunden, die den Kampf gegen Schulden, Hunger und Kälte fröhlich improvisierend aufnehmen. Zu dieser Runde gesellt sich Mimì, eine Stickerin, die aufgrund ihrer elenden Lebensverhältnisse an der Tuberkulose erkrankt ist. Murger bedient sich zwar für die Schilderung ihrer Krankheit bei den Allgemeinplätzen – Schwächeanfälle, Husten, ein blutbeflecktes Taschentuch, fiebrige Wangen und einer flüchtigen Rückkehr von Lebenswillen kurz vor dem endgültigen Ende –, er sieht in der Tuberkulose jedoch nie etwas anderes als das, was sie ist: eine durch Entbehrung und Elend begünstigte Erkrankung vor allem der Armen.

Hoffmanns Erzählungen
Komplexer geht es bei E.T.A. Hoffmann in seiner Novelle „Rat Krespel” zu, die literarische Vorlage des Antonia-Aktes von Offenbachs „Les Contes d’Hoffmann”. Bei der Sängerin Antonie wird ein „organischer Fehler“ in der Brust entdeckt, der schnell zu ihrem Tod führen würde, wenn sie das Singen nicht aufgebe. Ihr Vater Rat Krespel stellt sie vor die Wahl: Entweder solle sie mit ihm zusammenwohnen und der Musik abschwören oder gemeinsam mit ihrem Bräutigam, einem Komponisten, leben, der sie immer wieder zum Gesang verführen würde. Sie entscheidet sich für ihren Vater: für das gemeine Leben also und gegen die Kunst. Doch ihre Vitalität schwindet zunehmend. Das Gesangsverbot bedeutet für sie gleichzeitig den Verzicht auf ihr Selbst, und sie wird ein gänzlich passiver Charakter. Am Schluss der Novelle steht Antonies Tod: In einer nächtlichen Vision hört Rat Krespel noch einmal den Gesang seiner Tochter, am nächsten Morgen findet der Vater sie tot auf. Weil aber nicht eindeutig klar wird, ob das Geschehene ein Traum Krespels oder Realität ist, bietet E.T.A. Hoffmann zwei Interpretationsmöglichkeiten an: Entweder stirbt die schwindsüchtige Antonie, weil sie ihre Leidenschaft, die Musik, unterdrücken musste (was den Erkenntnissen von Susan Sontag entsprechen würde), oder sie stirbt durch das Ausleben derselben. In der Synthese beider Deutungen liegt eine dritte: Die Darstellung der prinzipiellen Unvereinbarkeit von Leben und Kunst, ein urromantischer Topos, wobei die Krankheit Tuberkulose mit all ihren metaphorischen Konnotationen als Medium fungiert.
In der Oper von Jacques Offenbach ist die Vielschichtigkeit der Novelle zugunsten einer schwarzromantischen Sphäre vereinfacht. Hier zieht der dämonische Doktor Mirakel die Fäden. Er bestürmt Antonia zu singen, indem er ihr Erfolg und Ruhm vorgaukelt. Als seine Versprechen nichts bewirken, beschwört er den Geist der toten Mutter, die sie ebenfalls auffordert zu singen. Nun kann Antonia nicht mehr widerstehen, sie singt mit letzter Kraft, bis sie sterbend zusammenbricht.

La Traviata
„Tb stellt man sich oft als eine Krankheit der Armut und der Entbehrungen vor“, schreibt Susan Sontag, „dünne Kleidungsstücke, dünne Körper, ungeheizte Räume, ärmliche Hygiene und unangemessene Ernährung. Die Armut mag nicht so wörtlich zu verstehen sein wie Mimis Dachstube in ‚La Bohème‘; die tuberkulöse Marguerite Gautier in der ‚Kameliendame‘ lebt in Luxus, innerlich jedoch ist sie ein verwahrlostes Kind.“ Violetta – die Kameliendame in Verdis „La Traviata“ hat ausreichend Geld und gibt sich verschwenderischen Vergnügungen hin. Ihre Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit wird jedoch nicht gestillt, sie versteckt dieses Verlangen vor sich und der Welt. Diese Verdrängung macht sich immer wieder in tuberkulösen Anfällen bemerkbar, wie z.B. auf dem Fest im ersten Akt. Doch dann lernt sie Alfredo kennen: „Oh unbekannte Freude, lieben und geliebt zu werden! Wie konnte ich dies verschmähen in meinem sinnlosen Leben?“
Sie zieht mit Alfredo aufs Land (denn der Luftwechsel ist ja bekanntlich gut für Schwindsüchtige), und tatsächlich stellt sich eine Verbesserung ihres Gesundheitszustandes ein. Das ändert sich jedoch schlagartig, als Vater Germont die Trennung von Alfredo fordert. Violetta ist sich sofort darüber im Klaren, dass der Verzicht auf ihr Liebesglück – und auf ein „normales“ Leben – ihren Tod herbeiführen wird. Und sie behält Recht. Bald schon liegt sie schwach und ausgezehrt auf dem Krankenbett, der Arzt gibt ihr nur noch wenige Stunden zu leben. Hier kommt übrigens eine weitere standardisierte Schilderung von Tb-Todesfällen zum Zuge: Die tugendhaften Tuberkulösen werden in dem Maße, wie es dem Ende zugeht, nur immer tugendhafter: Violetta verschenkt ihren letzten Besitz an Bedürftige. Schließlich kommt es – im Gegensatz zu Dumas Romanvorlage – noch einmal zu einer Begegnung mit dem geliebten Alfredo und wie üblich zu einer kurzen Rückkehr ihrer Lebenskraft: „Es weichen Qual und Schmerz. Mich erfüllt… es bewegt mich eine nie gekannte Lebenskraft! Ah! Ich kehre ins Leben zurück…“ Doch es ist eine trügerische Hoffnung, sie bricht zusammen und stirbt.
In Dumas’ „Kameliendame“ und Verdis Oper wird die Verwendung der Tuberkulose als realistische Krankheit und darüber hinaus als Metapher deutlich: Violetta, ein passiver Charakter, abhängig von dem Geld und der Bewunderung ihrer Liebhaber, unterdrückt ihr eigentliches Wesen: ihre Sehnsucht nach Liebe und ihren Wunsch, aus ihrem sinnlosen Leben zu entfliehen. Ausdruck ihrer unterdrückten Gefühle ist die Schwindsucht. Sobald sie ihre Liebe jedoch ausleben darf, hat das direkt eine Besserung ihres Gesundheitszustandes zur Folge. Doch kaum muss sie ihre Leidenschaften wieder in ihrem Herzen verschließen, ist sie unwiderruflich dem Tod geweiht.

Zahlreiche Autoren haben bis in 20. Jahrhundert die Schwindsucht thematisiert und überhöht. Nicht zuletzt Thomas Mann hat ihr seinen Roman „Der Zauberberg“ gewidmet, der auch als ein Kommentar zum Mythos Tuberkulose verstanden werden kann. Die Schwindsucht war literarisch in erster Linie eine Krankheit im Dienste einer romantischen Weltanschauung. Andere Krankheiten wie Krebs und zunehmend auch Aids haben jetzt deren Stelle eingenommen – und das, obwohl die Schwindsucht auch heute noch die am häufigsten zu Tode führende Infektionskrankheit mit jährlich 3 Millionen Toten ist.

This article was written by
Wiebke Hetmanek

Sie ist eine der wenigen Dramaturginnen Deutschlands, die sich nicht nur der Oper verschrieben hat, sondern ein spezielles Faible für die so genannte leichte Muse hat: Wiebke Hetmanek nimmt Operette und Musical verdammt ernst – und liebt sie leidenschaftlich. Nach „Funny Girl“ folgt nun mit „Roxy und ihr Wunderteam“ ihre zweite Ausgrabung am Theater Dortmund. Geboren in Kiel, studierte Wiebke Hetmanek Musikwissenschaft, Literaturwissenschaft und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften an den Universitäten Bochum und Köln. Erste Station ihrer beruflichen Laufbahn war die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg, es folgte das Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, und seit 2011 die Oper Dortmund. Wiebke Hetmanek ist außerdem die sehr erfolgreiche Autorin der Kinderopern „Der kleine Barbier oder Eine haarige Angelegenheit“, „Kaimakan und Pappatatschi oder Piraten fluchen nicht“ sowie „Ritter Eisenfraß“.

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