Von Liebe, Sucht und zweifelhaften Existenzen

Von Liebe, Sucht und zweifelhaften Existenzen

„Wir sind nicht grad sehr viel, nach dem Maß dieser Welt – wir laufen halt so mit als etwas zweifelhafte Existenzen!“ Wie treffend beschreibt Arabella, die unbestrittene Wiener Schönheit, ihrem zukünftigen Verlobten Mandryka das Leben der Waldners, ihrer Familie. Die Mutter Adelaide, hysterisch und oberflächlich, zwingt die Schwester Arabellas, Zdenka, in Männerkleidung, weil die Familie hoffnungslos verarmt ist und es sich nicht erlauben kann zwei Töchter des Hauses auf das teure Wiener Parkett zu schicken. Dies bleibt der luftig leichten Arabella vorbehalten. Zdenka wiederum fügt sich in ihre Aschenputtel-Rolle, liebt ihre Schwester Arabella und ist zudem unglücklich in den Bodyguard Matteo verschossen.
Der Vater der Familie, Graf Waldner, ist spielsüchtig. Jede freie Minute nutzt er, um mit seinen Mitspielern zu zocken – und verliert. Er verschuldet sich hoffnungslos und bringt seine Familie in existenzielle Gefahr. Das scheint ihn nur insofern zu kümmern, als ihm als Mittellosen das Spielen versagt bleiben muss. Denn sein Denken dreht sich allein um die Befriedigung seiner Spielsucht. Sie ist zu seinem Lebensmittelpunkt geworden. Er braucht immer mehr Geld, um zu spielen. Jedes Mittel ist ihm recht, zu Geld zu kommen. So wundert es nicht, dass er, als das Wasser ihm bis zum Halse steht, bedenkenlos seine hübsche Tochter einem alten Regimentskameraden andient, ohne diese nur einmal nach ihrer Meinung zu fragen. Ohne Einfühlungsvermögen verschachert er seine Tochter.

Das pathologische Spielen
Das pathologische Spielen, so wird die Spielsucht in der Psychiatrie klassifiziert, ist auch als stoffungebundene Verhaltenssucht beschrieben. Betroffene Personen setzen berufliche und soziale Stellung aufs Spiel, machen hohe Schulden, nutzen alle legalen und illegalen Möglichkeiten, um an Geld zu kommen. Ihr Denken dreht sich ausschließlich um das Spiel. Bleibt ihnen das Spielen versagt, erleben sie Entzugserscheinungen. Dabei wird der intensive, kaum zu kontrollierende Drang zu spielen immer größer und verstärkt sich oft in belastenden Lebenssituationen. Im Gehirn der betroffenen Personen finden Prozesse statt, wie wir sie auch beim Konsum von Alkohol und anderen Drogen erleben. So wird das interne Belohnungssystem besonders stark aktiviert. Es führt zu Wohlbefinden, Glücksgefühlen und Entspannung, wie sie üblicherweise bei besonders emotionalen Erlebnissen, beim Hören von Musik, beim Essen oder bei der Befriedigung von Neugierde erlebt werden. Das ständige Triggern dieses Systems, durch Konsum von Drogen oder durch bestimmte Verhaltensweisen, aktiviert jedoch unverhältnismäßig stark, so dass die üblichen Reize keine Wirkung mehr zeigen. So erklärt sich Graf Waldners wenig empathisches und rücksichtloses Verhalten für den Psychiater.

Impulskontrollstörung
Die Waldners sind Teil einer Gesellschaft von belanglosen, vergnügungssüchtigen Hedonisten. Sie feiern und freien, wie es ihnen so gefällt. Gleich drei Verehrer bemühen sich um Arabella. Ohne Tiefgang, ohne Substanz bleiben Graf Elemer, Graf Lamoral und Graf Dominik bemitleidenswerte Figuren in einem oberflächlichen Gesellschaftsspiel. Arabella nimmt sie nicht ernst. Auch der Vierte, Matteo, der Bodyguard, hoffnungslos in sie verliebt, scheitert tragisch. In diesem sozialen Umfeld kann es nicht gelingen, Arabellas Vater zu Selbstkritik oder gar zur Einsicht zu bringen. Dies wären Voraussetzungen für eine Therapie der Impulskontrollstörung. Eine Verhaltenssucht wird durch Psychotherapie behandelt. Die Betroffenen erlernen systematisch den kontrollierten Umgang mit ihren exzessiven Tätigkeiten.
In der orientierungslosen und dekadenten Wiener Gesellschaft findet Arabella keinen Halt. Erst der bodenständige und stets echte, zupackende Großbauer Mandryka, der ungeschickt, aber unerschütterlich um Arabella wirbt, hat bei ihr Erfolg. Schließlich finden sich beide. Auch Zdenka und Matteo kommen sich endlich näher.

Happy End? Vermutlich für Arabella und Zdenka mit ihren Auserwählten. Die Geschichte des Grafen Waldner und seiner Ehefrau Adelaide und seiner tragischen Suchterkrankung mag man nicht zu Ende denken.

This article was written by
Hans Joachim Thimm

Hans Joachim Thimm ist Erster Oberarzt der Allgemeinen Psychatrie an der LWL Klink in Dortmund Aplerbeck. Als enger Berater hat Hans Joachim Thimm bei dem Musical "Next to Normal", bei dem es um eine manisch-depressive Frau geht, dem Leitungsteam und den Darstellern wertvolle Informationen und Einblicke in die Welt der psychischen Erkrankungen gegeben. Seitdem lässt ihn das Theater nicht mehr los - als ständiger Besucher und nach wie vor mit seinem Wissen über die menschliche Psyche als inspirierender Gesprächspartner. In lockerer Folge wird Hans Joachim Thimm auf dem Opernblog seine ganz spezielle Sichtweise auf einige Opernfiguren darstellen.

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