Wenn bunte Vielfalt begeistert

Wenn bunte Vielfalt begeistert

Was für ein großartiges Bild. Alle Hairspray Protagonisten gemeinsam auf der Bühne, oder besser im Fernsehen der Corny-Collins-Show in Baltimore. Jung-alt, arm-reich, groß-klein, schlank-vollschlank, schwarz-weiß reißen sie die Fernseh(Theater)-Zuschauer mit. Wenn Grenzen überwunden werden, ist es die bunte Vielfalt, im Rhythmus der Musik vereint, die begeistert.
Ausgrenzung, Rassendiskriminierung, Herabwürdigung und Mobbing bestimmen über weite Strecken das Leben der Gesellschaft im Baltimore der 60er-Jahre. Schwarze dürfen nur einmal im Monat, am sogenannten „Negro-Day“, in der Fernsehshow tanzen. Jung, schlank und konform, so wünschen sich Geldgeber, eine Haarspray-Companie, und die Produzentin ihre weißen Gäste. Da ist kein Platz für die beleibte Tracy Turnblad, die von der Show-Produzentin Velma von Tussle und ihrer ambitionierten Tochter Amber in übler Weise angepöbelt und herabgewürdigt wird. Schwarze und Dicke? Nicht erwünscht.

Angst, Depression und Suizidalität
Die ständige und lang andauernde Ausgrenzung, Hetze, Beleidigung oder Herabwürdigung macht Opfer nachweislich krank, führt oft zu Angst, Depression und mitunter zu Suizidalität. Denn unabdingbare menschliche Bedürfnisse, wie Unverletzlichkeit, Anerkennung, Wertschätzung und Solidarität, erfahren diese Menschen nachweislich seltener. Das schmerzt. Bei Opfern dieser Pöbeleiein (Mobbing) werden im Gehirn Areale aktiviert, die ansonsten bei Schmerzen aktiv werden. Psychische aber auch körperliche Langzeitschäden können die Folge sein.
Tracy Turnblad und ihre schwarzen Freunde erfahren ihre unabdingbaren Bedürfnisse in ihren Familien. Mitten in der Pubertät sind sie aber auch dabei, sich von den Eltern zu lösen. Folgerichtig stellen Sie fest: „Mama, ich bin nicht mehr klein“. Als glückliche Fügung wird Tracy von ihrem Lehrer zum Nachsitzen verdonnert. Herzerfrischend neugierig und unvoreingenommen geht sie auf ihre schwarzen Mitschüler zu und lernt so neue, atemberaubende Tanzschritte.

Neugierde und Offenheit für andere und anderes, auch die Erwartung einer Belohnung aktivieren nachweislich das interne Belohnungssystem des Gehirns. Die Ausschüttung des körpereigenen Glücksbotenstoffs Dopamin ist die Folge. Das führt zu Wohlbefinden und beglückt. So wundert es nicht, dass der Erfolg nicht lange auf sich warten lässt. Turnblad gewinnt einen Tanzwettbewerb und wird Miss Teenage Hairspray 1962. Gemeinsam mit ihren Freunden fordert sie: „Integration – now“. Sie erkämpft auch für die schwarzen Jugendlichen deren Platz in der täglichen Fernsehshow. Mit ihrer bis dahin kaum beachteten Art zu tanzen, führen Sie die etwas verstaubte Fernsehshow zu neuem Erfolg.

Verschiedenheit macht den Erfolg
Und die Pöbler? Sie werden von ihren Opfern keineswegs ausgegrenzt. Das freut den Psychiater. So findet sich am Ende der Show diese bunte Truppe auf der Tanzfläche wieder und ihre Botschaft lautet: Diversität, Verschiedenheit macht den Erfolg, nicht Engstirnigkeit. Das mag man in Zeiten von Ausgrenzung, Hetze und „Twitter-Präsidenten“ manchem Menschen ins Stammbuch schreiben.

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Hans Joachim Thimm

Hans Joachim Thimm ist Erster Oberarzt der Allgemeinen Psychatrie an der LWL Klink in Dortmund Aplerbeck. Als enger Berater hat Hans Joachim Thimm bei dem Musical "Next to Normal", bei dem es um eine manisch-depressive Frau geht, dem Leitungsteam und den Darstellern wertvolle Informationen und Einblicke in die Welt der psychischen Erkrankungen gegeben. Seitdem lässt ihn das Theater nicht mehr los - als ständiger Besucher und nach wie vor mit seinem Wissen über die menschliche Psyche als inspirierender Gesprächspartner. In lockerer Folge wird Hans Joachim Thimm auf dem Opernblog seine ganz spezielle Sichtweise auf einige Opernfiguren darstellen.

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