10 Dinge, die Sie über EUGEN ONEGIN wissen sollten

10 Dinge, die Sie über EUGEN ONEGIN wissen sollten

Das russische Nationalepos
Der Dichter Alexander Sergejewitsch Puschkin (1799-1837) gilt als Begründer der modernen russischen Literatur. Sein Hauptwerk ist der Versroman Eugen Onegin, der 1833 zum ersten Mal vollständig veröffentlicht wurde und seitdem als russisches Nationalepos gilt. Darin erfindet Puschkin den Typus des „überflüssigen Menschen“, der später ein Kennzeichen der russischen Dichtung sein wird. Eugen Onegin ist ein junger Adliger, der nicht arbeiten muss und nicht weiß, was er vom Leben will. Er pendelt zwischen Vergnügungssucht und Langeweile hin und her und richtet durch seine Gefühlskälte viel Unheil an. Dabei verzweifelt er selbst zunehmend an der Leere und Sinnlosigkeit seines Daseins.

Tschaikowskys wichtigstes Jahr
Das Jahr 1877 bringt mehrere Wendungen ins Leben des Komponisten Peter Iljitsch Tschaikowsky (1840-1893). Zunächst stürzt sich der homosexuelle Tschaikowsky aus lauter Sehnsucht nach einem „normalen“ Leben in die Ehe mit einer jungen Verehrerin, doch er merkt schon nach drei Wochen, dass er seine Frau absolut nicht ertragen kann. In dieses Jahr fällt auch die Komposition von Eugen Onegin. Und schließlich lernt Tschaikowsky die wichtigste Frau seines Lebens kennen, Nadesha von Meck, die er zwar nie persönlich trifft, mit der er aber bis zu seinem Tod Briefe wechselt und die seine große Gönnerin wird.

Keine Pharaonen, sondern echte Menschen
Tschaikowsky, der schon mehrere Opern geschrieben hat, ist auf der Suche nach einem neuen Opernstoff. Eine befreundete Sängerin schlägt ihm Eugen Onegin vor. Der Komponist ist begeistert von dieser Idee. In Puschkins Roman findet er das, was ihn am meisten interessiert: realistische und verständliche Figuren und ihre Gefühle. Tschaikowsky weiß aber auch, dass er damit quer zum Zeitgeist steht, denn die Oper seiner Zeit mag es lieber monumental und unrealistisch. In einem berühmten Brief schreibt Tschaikowsky, er könne sich nicht in Pharaonen und ägyptische Prinzessinnen hineinversetzen. „Irgendein Instinkt sagt mir, dass diese Menschen ganz anders fühlen, handeln, reden und ihre Gefühle ausdrücken als wir.“ Er sucht nach Figuren, die ihm und seinem Publikum nahe sind.

Ein Leben aus Büchern
Hauptfigur der Oper ist eigentlich nicht der titelgebende Onegin, sondern Tatjana, ein junges Mädchen, das mit ihrer Mutter Larina, ihrer Schwester Olga und ihrer Amme Filipjewna auf einem abgelegenen Landgut lebt. Die Langeweile ihrer Umgebung erträgt Tatjana, indem sie sich in Romane vergräbt. Sie lebt in einer romantischen Fantasiewelt und träumt sich in ein anderes Leben hinein. Ihre Begegnung mit Onegin ist der Funke, der Tatjanas unterdrücktes Gefühlsleben in Brand setzt.

Zwei ungleiche Schwestern
Tatjanas Schwester Olga ist eine ganz andere Natur. Sie feiert gerne und nimmt das Leben nicht zu ernst. Verlobt ist sie mit Lenski, einem jungen Dichter, der auf einem Gut in der Nähe der Familie Larin lebt. Eines Tages bringt Lenski einen anderen weitläufigen Nachbarn mit, seinen Freund Onegin. Tatjana trifft die Liebe wie ein Blitz. Endlich wird Wirklichkeit, was sie in ihren Romanen gelesen hat! Mit aller Kraft ihrer bisher schlummernden Gefühle wirft sie sich auf den jungen Mann, den sie noch kaum kennt.

Der längste Brief der Operngeschichte
Briefe spielen in vielen klassischen Opern eine wichtige Rolle, aber so lang wie der von Tatjana ist kein anderer. Fast 15 Minuten dauert die zentrale Szene des 1. Akts, in der wir Tatjana beim Verfassen ihres Briefes zuhören können. Sie legt all ihre Gefühle, Wünsche und Träume in diese Zeilen – und überfordert Onegin damit komplett. Von so viel Liebe überfahren, antwortet er respektvoll, aber eindeutig: Eine feste Beziehung oder gar eine Ehe sind nichts für ihn. Für Tatjana bricht eine Welt zusammen.

Eine verhängnisvolle Party
Kurze Zeit später wird Tatjanas Namenstag mit einem Fest gefeiert. Zunächst läuft alles gut, die Bauern bringen der jungen Herrin ihre Huldigungen dar, der verlebte Franzose Triquet singt ein paar schmeichelhafte Couplets zu Tatjanas Ehren. Aber Onegin ist in Krawall-Laune. Weil er von seinem Freund Lenski genervt ist, tanzt er ständig mit dessen Verlobter Olga und provoziert den sanftmütigen Lenski dadurch derart, dass er Onegin zum Duell fordert. Beim Duell tötet Onegin den Freund. Diese Tat wird er nicht mehr los, jahrelang irrt er danach ruhelos durch die Welt.

Jetzt ist es zu spät
Einige Jahre später ist Onegin in St. Petersburg auf ein Fest des Fürsten Gremin eingeladen. In der schönen Hausherrin erkennt er Tatjana wieder, die in der Zwischenzeit Gremins Frau geworden ist. Jetzt wird ihm klar, wie sehr er Tatjana immer geliebt hat. Er bittet sie, mit ihm fortzugehen. Tatjana ist in größter Versuchung, denn an ihrer Liebe zu Onegin hat sich nichts geändert. Aber sie besinnt sich auf ihre Verantwortung als Ehefrau und erteilt Onegin eine endgültige Absage.

Verpasste Gelegenheiten
Eugen Onegin ist ein Stück über richtige und falsche Zeitpunkte und darüber, wie schwer wir uns tun, die richtigen Entscheidungen zur passenden Zeit zu treffen. Tatjana und Onegin sind das Paar, das füreinander bestimmt ist, aber Onegin ist zu sehr in sich eingesponnen, um zu bemerken, was für ein Herz er ausschlägt. Als er schließlich klarer sieht, ist es zu spät. Verpasste Gelegenheiten bieten sich nicht einfach ein zweites Mal.

Eine bescheidene Uraufführung
Tschaikowsky meinte es ernst damit, mit Eugen Onegin einen Kontrapunkt zur großen Oper seiner Zeit zu setzen. Er vertraute das Stück nicht einem der großen Theater in Moskau oder St. Petersburg an, sondern dem Moskauer Konservatorium, wo es sein Freund Nikolaj Rubinstein mit Studenten aufführte. Erst ein paar Jahre später wurde die Oper von den Theatern in aller Welt entdeckt und gespielt. Tschaikowsky hat mit seinen „lyrischen Szenen“ ein Wunderwerk an liebevoller Figurenzeichnung und inniger, unspektakulärer und eindringlicher Musik geschaffen.

This article was written by
Georg Holzer

Hier sieht man ihn an des Dramaturgen Lieblingsplatz: dem Schreibtisch. Georg Holzer ist mit seiner umfassenden Bildung, seinen klugen Ideen und seinen Formulierungskünsten so etwas wie der „Think Tank“ der Oper Dortmund. Wer einmal eine seiner übrigens brillanten Einführungen gehört hat, weiß: Georg Holzer kommt aus Bayern. Studiert hat er dann aber in Berlin, Poitiers und Florenz, bis er als Dramaturgie- und Regieassistent sein erstes Theaterengagement an den traditionsreichen Münchner Kammerspielen antrat. Heute ist er Chefdramaturg der Oper Dortmund. Überdies ist er auch ein gefragter Übersetzer, nicht nur der Übertitel der Oper Dortmund, sondern auch diverser Theaterstücke und insbesondere französischer Lyrik. Den nötigen Ausgleich zu so viel Kopfarbeit findet er bei ausgedehnten Jogging-Runden durch Dortmunds Parks.

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