Good Morning, Baltimore?

„Hairspray“ ist mittlerweile das dritte Musical an der Oper Dortmund, das in der Stadt Baltimore an der amerikanischen Ostküste spielt. In Baltimore verlieben sich Nick Arnstein und Fanny Brice („Funny Girl“), und hier finden die Tryouts von „Der Widerspenstigen Zähmung“ mit Lilli Vanessi und Fred Graham in den Hauptrollen („Kiss me, Kate“) statt. In beiden Musials ist Baltimore ein Synonym für Langeweile und kulturelle Provinz; ganz anderes dagegen in „Hairspray“: der Opening-Song von Tracy ist eine einzige große Liebeserklärung an diese Stadt, die ihren bisweilen schrägen Ruf zum Markenzeichen erhoben hat.

Baltimore wurde 1729 gegründet, benannt nach dem Gründungsvater des Bundesstaates Maryland, Lord Baltimore. Hier schrieb Francis Scott Key 1814 „The Star-Spangled Banner“. Im Krieg der Amerikaner gegen die Briten war ein Fort in der Nähe von Baltimore unter heftigen Beschuss geraten. Die Erleichterung darüber, dass am nächsten Morgen noch die amerikanische Flagge gehisst war, inspirierte Scott zu diesem Text, der seit 1931 die US-amerikanische Nationalhymne ist.

Krabbenstadt
Die Hafen- und Arbeiterstadt war schon früh ein Handelsknotenpunkt. Von Baltimore aus verlief die erste Eisenbahn-Linie der USA und die erste Telegraphenverbindung nach Washington. Die Stadt ist der westlichste Punkt an der amerikanischen Ostküste und liegt an der Mündung des Patapsco Rivers. Die Chesapeake Bay ist die Hauptquelle der Krabbenfischerei in Maryland. Die Blaukrabben gab es früher nur am Westatlantik, sie sind nach wie vor Exportartikel und eine typische Speise Baltimores. Heute wird die Krabbe außerdem als Markenzeichen der Stadt vermarktet, in den einschlägigen Touristenvierteln gibt es zahlreiche Krabbenrestaurants und entsprechende Merchandise Artikel.
Der Bundessaat Maryland verläuft unmittelbar südlich der Mason-Dixon-Linie, die 1820 als Grenze zukünftiger Sklavenhalter-Staaten festgelegt wurde: Nördlich dieser Linie war Sklaverei verboten, südlich davon erlaubt. Die Mason-Dixon-Linie gilt deswegen auch als kulturelle Grenzen zwischen den Nord- und Südstaaten der USA. Deswegen und wegen der Nähe zu Washington spielte Baltimore in der Bürgerrechtsbewegung in den 60er Jahren eine wichtige Rolle. Obwohl die Stadt bereits sehr früh die Rassentrennung in den Schulen aufgehoben hatte, war sie in dieser Zeit weit davon entfernt, eine integrierte Stadt zu sein. Die Grenze zwischen den schwarzen und weißen Vierteln Baltimores verlief an der North Avenue, der Straße, in der der Recordshop von Motormouth Maybelle liegt.

Hon-Culture
Der Filmemacher John Waters hat viel zum Image der Stadt beigetragen. In seinen schrägen Filmen parodiert er den Lifestyle Baltimores der 1950er bis 1970er Jahre: Arbeiterinnen in auffällig bedruckten Kleidern mit altmodischen Sonnenbrillen, Turmfrisuren („Beehive Hairstyle“, weil die Form der Frisuren an Bienenkörbe erinnern), Lycrahosen mit Leopardenprint etc.pp. Für diesen Baltimore-Look gibt es bereits einen eigenen Begriff: Die „Hon-culture“, abgeleitet von „honey“ als Synonym für „irgendjemand“, was im Baltimorer Slang in der Regel an einen Satz angehängt wird. Seit 1994 gibt es das „Hon-Fest“, auf dem jährlich die „Miss Hon“ für besonders authentische Garderobe ausgezeichnet wird. John Waters wendet sich gegen die Vermarktung der Hon-Kultur, die letztlich aber auch durch seine Filme entstanden ist.
Nicht nur John Waters, auch andere Kulturschaffende und Filmemacher wählten Baltimore als Schauplatz: Die Bestseller-Autorin Nora Roberts stammt aus Baltimore und viele ihrer Romane spielen in ihrer Heimatstadt. Hannibal Lecter („Das Schweigen der Lämmer“) hat seine psychiatrische Praxis in Baltimore, Jane („Tarzan“) wurde hier geboren, „Marnie“ (Hitchcock) wurde teilweise hier gedreht ebenso wie „Staatsfeind Nr. 1“ mit Will Smith und Gene Hackman, „Invasion“ mit Nicole Kidman und Daniel Craig, „Stirb langsam“ mit Bruce Willis sowie zahlreiche Fernsehfilme und Videospiele.

Mittlerweile hat sich das Image der Stadt allerdings verändert: mit ihrer hohen Kriminalitätsrate gilt Baltimore als einer der gefährlichsten Städte der USA. 2015 hat die Verhaftung eines schwarzen Jugendlichen, der an den Folgen der brutalen Behandlung durch die Polizei gestorben ist, eine Reihe von Krawallen ausgelöst. Baltimore leidet unter einer großen Drogenszene, Armut und Abwanderung. Die hochgelobte amerikanische Fernsehserie „The Wire“, die in Baltimore spielt und die Probleme von Polizei und Drogenhandel äußerst realistisch behandelt, spiegelt heute also eher das Bild der Stadt wider als das fröhliche und Hoffnung spendende Musical „Hairspray“.

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Wiebke Hetmanek

Sie ist eine der wenigen Dramaturginnen Deutschlands, die sich nicht nur der Oper verschrieben hat, sondern ein spezielles Faible für die so genannte leichte Muse hat: Wiebke Hetmanek nimmt Operette und Musical verdammt ernst – und liebt sie leidenschaftlich. Nach „Funny Girl“ folgt nun mit „Roxy und ihr Wunderteam“ ihre zweite Ausgrabung am Theater Dortmund. Geboren in Kiel, studierte Wiebke Hetmanek Musikwissenschaft, Literaturwissenschaft und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften an den Universitäten Bochum und Köln. Erste Station ihrer beruflichen Laufbahn war die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg, es folgte das Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, und seit 2011 die Oper Dortmund. Wiebke Hetmanek ist außerdem die sehr erfolgreiche Autorin der Kinderopern „Der kleine Barbier oder Eine haarige Angelegenheit“, „Kaimakan und Pappatatschi oder Piraten fluchen nicht“ sowie „Ritter Eisenfraß“.

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