Ungleiche Skatbrüder

Ungleiche Skatbrüder

Wer Johann Strauß und Richard Strauss verwechseln will, findet dafür ein paar gute Gründe. Abgesehen vom gleichlautenden und fast gleich geschriebenen (Johann Strauß schrieb sich übrigens auch manchmal mit Doppel-s) Familiennamen hatten beide eine Schwäche für den Walzer. Auch die Stadt Wien haben die beiden Komponisten in gewisser Weise gemeinsam: Johann Strauß verbrachte dort sein ganzes Leben, Richard Strauss leitete in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts einige Jahre lang die Wiener Staatsoper. Und noch etwas verbindet sie: Strauß‘ Fledermaus war die einzige Operette, der Strauss eine gewisse musikalische Qualität zugestand.
Ansonsten war Richard Strauss ein entschiedener Verächter von allem, was nach Operette roch. Für ihn waren Operetten-Komponisten zweitklassige Musiker, auch der allgemein geachtete Franz Lehár. Gegen Operetten-Handlungen hatte er nichts – so ist auch Arabella letztlich eine sehr kluge und verwickelte Operette –, aber die Musik musste dann doch die Kompositionskunst eines Richard Strauss aufweisen.

Paul Lincke, der Komponist von Frau Luna (Premiere in Dortmund am 13. Januar 2018), machte in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Lincke war ein großer Verehrer von Richard Strauss und bearbeitete mit Genehmigung des Meisters einige Stücke aus dem Rosenkavalier 1940 zu einem „Kleinen Rosenkavalierwalzer“, mit dem er seinem Operettenpublikum Strauss‘ große Komödie näher bringen wollte. Umgekehrt galt das nur sehr eingeschränkt. In einem Gespräch mit NS-Propagandaminister Joseph Goebbels soll Strauss auf dessen Frage, welche Komponisten der Unterhaltungsmusik er gelten lasse, gesagt haben: „Allenfalls noch Paul Lincke. Die anderen sind doch niedrigstes Niveau!“ Wenige Augenblicke später relativierte er auch dieses Lob: „Wenn man sehr nachsichtig ist, ist Paul Lincke ein U-Komponist mit ein paar harmlosen Sachen.“
Aus dem Munde des Operetten-Verächters Strauss konnte das trotzdem als Kompliment gelten. Der Grund dafür könnte eventuell eher im privaten als im musikalischen Gebiet zu suchen sein. Wie Jan Kutscher in seiner neuen Lincke-Biografie nachweist, spielten Strauss und Lincke öfter zusammen Skat. Beide waren begeisterte Kartenspieler. Das hatte auch Folgen für ihr Komponieren: In Strauss‘ Oper Intermezzo von 1924 eröffnet eine Skatpartie den 2. Akt, Lincke schrieb ein Stück mit dem Titel Eine fidele Skatpartie – natürlich ein Terzett. Über die Spielkarten-Beziehung der beiden Musiker schreibt Kutscher: „Am liebsten soll Lincke mit seinen Komponistenkollegen Richard Strauss und Siegfried Translateur gespielt haben, weil beide ‚am wenigsten dazwischenquatschten‘. Von Richard Strauss soll Lincke einen Brief aus dessen Heimat Garmisch besessen haben, in dem Strauss einen Fehler bei der letzten Abrechnung ihrer Skatpartien nachgewiesen und eine entsprechende Nachforderung von 3,80 Mark geltend gemacht habe.“ Spielschulden sind Ehrenschulden!

Wie oft und wann zuletzt sich Strauss und Lincke zum Skat getroffen haben, wissen wir nicht. Sicher ist, dass Strauss auch gerne mit Kollegen spielte, deren Kunst er weniger hoch einschätzte als seine – sonst hätte er schließlich Patiencen legen müssen.

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Georg Holzer

Hier sieht man ihn an des Dramaturgen Lieblingsplatz: dem Schreibtisch. Georg Holzer ist mit seiner umfassenden Bildung, seinen klugen Ideen und seinen Formulierungskünsten so etwas wie der „Think Tank“ der Oper Dortmund. Wer einmal eine seiner übrigens brillanten Einführungen gehört hat, weiß: Georg Holzer kommt aus Bayern. Studiert hat er dann aber in Berlin, Poitiers und Florenz, bis er als Dramaturgie- und Regieassistent sein erstes Theaterengagement an den traditionsreichen Münchner Kammerspielen antrat. Heute ist er Chefdramaturg der Oper Dortmund. Überdies ist er auch ein gefragter Übersetzer, nicht nur der Übertitel der Oper Dortmund, sondern auch diverser Theaterstücke und insbesondere französischer Lyrik. Den nötigen Ausgleich zu so viel Kopfarbeit findet er bei ausgedehnten Jogging-Runden durch Dortmunds Parks.

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