10 Dinge, die Sie über „Frau Luna“ wissen sollten

Berlin, 1899
Ein ingeniöser, aber total abgebrannter Mechaniker erfindet den lenkbaren Luftballon und gondelt mit zwei ebenso abgebrannten Freunden vom Tempelhofer Feld in die Luft. Der Plan, seiner Wirtin zu entrinnen, misslingt freilich, denn im letzten Augenblick erscheint diese und fährt mit in die Wolken. Der Ballon landet auf dem Monde, und man kann sich denken, welch tolle Szenen der Verfasser nun aneinander gereiht hat.
Berliner Tageblatt, 3. Mai 1899

Der Komponist Paul Lincke
Paul Lincke wollte eigentlich Militärmusiker werden, fiel allerdings bei der Musterung durch. Also ging er zum Theater, wo er zunächst als Orchestermusiker, dann als Repetitor und Dirigent arbeitete und sich schließlich als Komponist einen Namen machte. Die Uraufführung von „Frau Luna“ am 1. Mai 1899 im Berliner Apollo-Theater war der Höhepunkt seiner Karriere. Einige Jahre lang lieferte er eine Erfolgsproduktion nach der anderen. In den 20er Jahren wurde es dann allerdings still um den Komponisten: Er konnte mit der neuen Musik aus Amerika, nach der das Publikum verlangte, wenig anfangen.

„Fräulein Kadett“
Auch in Dortmund gab es eine Uraufführung einer Operette von Paul Lincke: Im Olympia-Theater am Burgwall wurde am 25. Dezember 1914 „Fräulein Kadett“ gegeben. Die Kriegsoperette spielt in Lüttich und handelt von einem jungen Kadetten, der als Frau verkleidet eine Verschwörung gegen die deutschen Besatzer aufdeckt. Das Terzett „Wir müssen siegen!“ wurde als Einzelnummer populär und als Parole an die Soldaten ausgegeben.

Zweite Karriere
Unter den Nationalsozialisten machte Paul Lincke noch einmal Karriere: Die neuen Machthaber feierten ihn, einen der wenigen nicht jüdischen Komponisten in der Unterhaltungsbranche, als verdienten Altmeister. „Frau Luna“ erhielt prächtige Fest-Aufführungen und wurde zum ersten Mal verfilmt. Paul Lincke ließ sich die Huldigungen gerne gefallen. Er starb am 3. September 1946.

Vater der Berliner Operette?
Ebenso wenig wie Jacques Offenbach die Operette im Alleingang erfunden hat, ist Paul Lincke der alleinige Vater der Berliner Operette. Aber er war ein wichtiger Mitbegründer und entscheidender Impulsgeber dieser lokalen Spielart und einer der wenigen Komponisten aus den Anfangsjahren des Genres, die noch heute auf den Spielplänen stehen.

„Frau Luna“
Als „Frau Luna“ uraufgeführt wurde, war das Stück noch ein Einakter. Den Gepflogenheiten des Apollo-Theaters zur Folge waren die Kurzoperetten nur ein Teil in einer illustren Folge von so genannten Spezialitäten wie Akrobatik, erotischen Tänzen, Chansons etc. Später passten die Autoren die Operetten den geänderten Publikumsbedürfnissen an und bauten sie zu einer zweiaktiven Fassung aus, indem sie aus zahlreichen anderen – eigenen – Werken musikalische Nummern in „Frau Luna“ einfügten. Die Fassung wurde 1922 ebenfalls im Apollo-Theater uraufgeführt.

„Berliner Luft“ und andere Hits
Zu den neuen Einlagen gehörte auch die berühmte „Berliner Luft“, die eigentlich aus der gleichnamigen Revue von 1904 stammte. Der Marsch ist die berühmteste musikalische Nummer aus der Operette und gilt als heimliche Hymne Berlins. Linckes Tradition folgend wurde für die Dortmunder Fassung die Operette ebenfalls um einige Nummern ergänzt: „Es war einmal“ („Im Reiche des Indra“), „Bis morgen früh um fünfe“ (aus der Revue gleichen Namens) und „Glühwürmchen“ („Lysistrata“)

Luftballett
„Die Einlage des Grigolatischen Luftballetts ist eine so ausgezeichnete Nummer, dass der stürmische Beifall, der ihr folgt, wohl zu begreifen ist“, schwärmte das Berliner Tageblatt nach der Uraufführung. „The Grigolatis“ waren in dieser Zeit eine Attraktion. Namensgeberin dieser Truppe war Preciosa Grigolatis, die 1884 von Preußen in die USA ausgewandert ist. Ihr Mann Friedrich Zschiegner hatte schon 1881 ein Patent angemeldet für „Neuerungen an Apparaten zum Bewegen und Heben von Personen und Gegenständen für Theaterzwecke“. Er baute eine Luftballetttruppe auf, bei der die Damen in metallenen Korsagen an unsichtbaren Seilen über die Bühne flogen. 1904 gab es weltweit bereits drei Kompagnien dieses Namens. Auch in der Dortmunder Produktion wird es ein Luftballett geben, wenn auch kein Grigolatisches.

Mondsüchtig
Der Stoff von „Frau Luna“ war nicht neu: Schon Jacques Offenbach hatte 1875 sein Operettenpersonal auf den Mond geschickt. Das Vorbild für alle Mondreisenden des 19. Jahrhunderts hatte Jules Verne 1863 mit seinem Roman „Die Reise von der Erde zum Mond“ geliefert, und das Thema Fliegen war in Berlin, das mit den „wissenschaftlichen Luftfahrten“ ein Zentrum der Ballonfahrt war, sowieso en vogue.

Stratosphärenrückstoß-Expressballon
Im Juli 1894 flog der Berliner Meteorologe Arthur Berson mit 515 Kilometern die weiteste Strecke, die bis dato mit einem Ballon zurückgelegt worden war – von Berlin nach Dänemark. Am 4. Dezember desselben Jahres stellte er mit 9155 Metern außerdem einen neuen Höhenrekord auf. Arthur Berson war auch der Spiritus Rector der „Berliner wissenschaftlichen Luftfahrten“, die zwischen 1888 und 1899 regelmäßig stattfanden und v.a. die Erforschung der höheren Luftschichten zum Ziel hatten. Auch Kaiser Wilhelm II. ließ sich hin und wieder bei den Ballonaufstiegen sehen, die in dieser Zeit noch keinesfalls selbstverständlich waren. Paul Linckes Librettist Heinrich Bolten-Baeckers verfolgte diese Experimente ebenfalls sehr aufmerksam, denn er sollte ein passionierter Ballonfahrer werden – ebenso wie Fritz Steppke in „Frau Luna“.

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Wiebke Hetmanek

Sie ist eine der wenigen Dramaturginnen Deutschlands, die sich nicht nur der Oper verschrieben hat, sondern ein spezielles Faible für die so genannte leichte Muse hat: Wiebke Hetmanek nimmt Operette und Musical verdammt ernst – und liebt sie leidenschaftlich. Nach „Funny Girl“ folgt nun mit „Roxy und ihr Wunderteam“ ihre zweite Ausgrabung am Theater Dortmund. Geboren in Kiel, studierte Wiebke Hetmanek Musikwissenschaft, Literaturwissenschaft und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften an den Universitäten Bochum und Köln. Erste Station ihrer beruflichen Laufbahn war die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg, es folgte das Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, und seit 2011 die Oper Dortmund. Wiebke Hetmanek ist außerdem die sehr erfolgreiche Autorin der Kinderopern „Der kleine Barbier oder Eine haarige Angelegenheit“, „Kaimakan und Pappatatschi oder Piraten fluchen nicht“ sowie „Ritter Eisenfraß“.

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