Märchenzeit!

Märchenzeit!

Dass er jemals Weltruhm genießen würde, hätte sich Peter I. Tschaikowsky niemals träumen lassen. Jedes seiner Werke, die heute Inbegriffe romantischer Musik sind, entstand unter großen physischen und psychischen Anstrengungen. Stets fürchtete der Meister, seine Schaffenskraft könnte jäh und für immer erlahmen. Und dass es ausgerechnet seine Ballette sein würden, die ihm zur Unsterblichkeit verhelfen, darüber hätte er wahrscheinlich – geschmunzelt…

Ein Fiasko!
„Schwanensee“ fiel bei der Uraufführung durch. „Dornröschen“ erntete mäßigen Applaus. Und erst „Der Nussknacker“ – ein Fiasko! Eigentlich wollte Tschaikowsky den Stoff gar nicht komponieren. Er arbeitete gerade an einer sehr tragischen Oper über eine blinde Prinzessin, als ihn die Anfrage des Petersburger Marinskij-Theaters erreichte, ein Märchenballett zu komponieren.
Mit dem Sujet kann er vorerst gar nichts anfangen: Zum Weihnachtsfest erhält die kleine Clara von ihrem Onkel einen hölzernen Nussknacker geschenkt. In der Nacht träumt sie von ihm, und siehe da: Das Spielzeug ist eigentlich ein verzauberter Prinz. Mit ihm gemeinsam zieht sie in den Kampf gegen den bösen Mäusekönig und verhilft dem Prinzen zum Sieg. Da kommt ein Schneesturm auf und entführt die beiden zum Schloss der Zuckerfee. Und dort erwartet die kleine Clara ein Fest, wie sie es bislang noch nicht gesehen hat. Alles, was ein Kinderherz begehrt, erwacht zum Leben. Da tanzen Tassen, aus denen heiße Schokolade dampft, mit närrischen Kasperle-Figuren und Blumen einen seligen Reigen.
Zwar nimmt Tschaikowsky den Auftrag an, aber erst allmählich freundet er sich mit dem Gedanken an, die skurrile Geschichte nach der Novelle des deutschen Romantikers E. T. A. Hoffmann in musikalische Bilder zu übersetzen. Heute sind die an die Mechanik einer Spieluhr gemahnende Ouvertüre, der rauschhafte Schneewalzer, der Reigen der Blumen, das witzige Divertissement der tanzenden Schokolade-Tassen, der mitreißende Trepak nicht mehr aus der Konzertliteratur wegzudenken.

Benjamin Millepied
„Als Weltstar ist er nach Dortmund gekommen, als Freund kommt er immer wieder.“ Ballettdirektor Xin Peng Wang ist auf die enge Zusammenarbeit mit dem Starchoreographen Benjamin Millepied sehr stolz. 2006 zeigte das Ballett Dortmund erstmals eine Kreation von ihm. Ein Jahr zuvor hatte Millepied in Genf Tschaikowskys „Nussknacker“ inszeniert. 2015 präsentierte das Ballett Dortmund erstmals diese Inszenierung, der das Bühnen- und Kostümbild des französischen Designers Paul Cox ihr unverwechselbares Gepräge verleiht.  Seither ist Benjamin Millepied’s „Nussknacker“ fester Bestandteil des Dortmunder Ballettrepertoires. „Unterhaltsam-rasante Nummernrevue mit zeitgemäß-anspruchsvollen Tanzsprachen“, urteilte der WDR anlässlich der Premiere. „Der Opernfreund“ lobte: „Wer Wert auf schöne Tanzbilder legt, einen farbenfrohen pastösen Bilderreigen noch genießen kann, dem wird das Herz nicht nur auf-, sondern übergehen.“ Und die WAZ befand: „Ein starker Theaterabend aus unserer Zeit!“

Für kleine und große Träumer
Zur Weihnachtszeit bietet das hinreißende Ballett „Der Nussknacker“ allen kleinen und großen Träumern Gelegenheit, sich in eine Welt der Phantasie und Sinnenfreude entführen zu lassen. Auch in Bonn und Gütersloh wird die Darbietung zu sehen sein.

This article was written by
Christian Baier

Christian Baier, geboren in Wien. Musiktheaterdramaturg und Schriftsteller. Nach seiner Tätigkeit als Chefredakteur der Österreichischen Musikzeitschrift war er Chefdramaturg der Wiener Festwochen, der Wuppertaler Bühnen und des Theater Dortmund sowie Künstlerischer Produktionsleiter in der Intendanz der Deutschen Oper Berlin. Daneben zahlreiche Gastdramaturgien, u.a. Semperoper Dresden, Theater an der Wien, Landestheater Linz, Musiktheater im Revier Gelsenkirchen und Hong Kong Ballett. Seit 2006 arbeitet er mit Xin Peng Wang zusammen. Seit 2011 ist er Chefdramaturg des Ballett Dortmund, seit 2013 Künstlerischer Leiter der Internationalen Gluck Opern Festspiele.

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