Ansprühen, bürsten, toupieren

Ansprühen, bürsten, toupieren

Auf der Wunschliste der Dortmunder Maskenwerkstatt stand das Musical „Hairspray“ ganz oben. Schließlich geht es um eines ihrer wichtigsten Handwerkzeuge: Haarspray ist aus dem Alltag der Maskenbildner nicht wegzudenken, und auch nicht aus den heutigen Badezimmern. Dabei ist das Produkt noch relativ jung, gerade Mal 60 Jahre alt.

Das flüssige Haarnetz
In Deutschland ersetzte das „flüssige Haarnetz“ den Glanzlack, der aus in Alkohol aufgelöstem Schellack bestand. Hans Schwarzkopf brachte 1937 einen ersten Prototyp auf den Markt, bei dem das Alkohol-Lackgemisch mit einem Pumpzerstäuber auf die fertige Frisur gesprüht wurde. Sie hielt daraufhin zwar lange, aber wurde bretthart. Noch konnte der Glanzlack nicht fein genug versprüht werden. Die Lösung dieses Problems versprach die „Selbstsprühdose“, an deren Entwicklung mehrere Ingenieure beteiligt waren. In Norwegen wurde 1927 das „Verfahren zum Versprühen von Flüssigkeiten“ patentiert, die Geburtsstunde der Aerosoldose. Der Insektenforscher William N. Sullivan war der erste, der die mittlerweile verbotenen Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffe (FCKW) als Treibmittel verwendete und damit der Spraydose zum Durchbruch verhalf. Sullivan ging es in erster Linie um das effektivste Aufsprühen von Insektenbekämpfungsmittel – seine „Bug bomb“ (Insektenbombe) schützte im 2. Weltkrieg zahlreiche amerikanische Soldaten vor den Stichen der Malariamücken. Das günstig zu produzierenden Ein-Zoll-Ventil des Amerikaners Robert Abplanalp war schließlich das letzte i-Tüpfelchen, das die Spraydose zum Verkaufsschlager machte. 1955 wurde in den USA das erste Haarspray hergestellt. In Deutschland hatte Hans Schwarzkopf auf diese Innovation nur gewartet; ebenfalls 1955 brachte er sein Haarspray mit dem Namen „Taft“ auf den Markt. Da das englische Wort für sprühen – to spray – in Deutschland nicht bekannt war, nannte man es lange Jahre „taften“, wenn man Haarspray verwendete.

Die Frisuren der 60er Jahre wären ohne Haarspray undenkbar gewesen. „Große Köpfe“ waren in Mode (wie zuvor um die Jahrhundertwende und danach wieder in den 80ern). Man toupierte die Haare, um mehr Volumen zu bekommen. Die oberste Haarschicht blieb jedoch glatt, wurde über die toupierten Haare gelegt und mit Haarspray fixiert. „In den 60er Jahren“, so Chefmaskenbildnerin Monika Knauer, „wusch man sich in der Regel nur alle 14 Tage die Haare. Durch das tägliche Ansprühen, Bürsten, Toupieren war schließlich so viel Material in den Haaren, dass sie eigentlich schon von alleine hielten. Man konnte sie legen, wie man wollte, sie hatten kein Eigenleben mehr. In den 80ern dagegen war die tägliche Haarwäsche üblich. Das war ein Problem: Man benötigte nun ein stärkeres Haarspray bzw. Haarlack, der das ersetzte, was man sich in den 60ern in 14 Tagen erarbeitet hatte.“

35000-50000 Knoten
In „Hairspray“ sieht man viele dieser auftoupierten Turmfrisuren auf der Bühne – und damit gibt es in der Maskenwerkstatt viel zu tun. Jede Darstellerin hat mindestens zwei Perücken in dieser Show. Sie werden von Hand geknüpft. Für eine Perücke benötigt man im Durchschnitt 40 Stunden, über 200g Haare und je nach Kopfgröße und Frisur 35000-50000 Knoten. „Fast jede Perücke wird nach Maß gefertigt. Wir benutzen dafür Echthaar aus Osteuropa oder Indien. In eine Perücke von Edna Turnblad wird aber auch ein wenig Büffelhaar eingeknüpft, weil es eine so krüselige Struktur hat. Damit kann man mehr Volumen erreichen, ohne allzu viel toupieren zu müssen.“

Im Gegensatz zu den Frauen haben die Männer in den 60er Jahren kleine und ordentliche Köpfe, das Haar wurde mit Frisiercreme glatt gelegt. Diese Fettcreme sorgte zwar für den nötigen Glanz, wurde aber nicht – wie das heutige Haargel – mit der Zeit fest. Deswegen mussten die Männer ständig ihren Kamm zücken und nachziehen.
Heutzutage sind auch bei den Frauen mal wieder kleine Köpfe modern: langes, glattes und glänzendes Haar. „Es muss vor allem gesund aussehen, und auch dabei hilft natürlich ein spezielles Haarspray“, berichtet Monika Knauer. „Das Angebot ist heutzutage riesig, regelmäßig kommen Vertreter, um ihre neuen Produkte vorzustellen.“ Dass der Haarspraymarkt heiß umkämpft ist, zeigt auch das Musical: Die „Corny Collins Show“ wird von dem Hersteller der fiktiven Marke „Ultra Clutch“ gesponsert.

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Wiebke Hetmanek

Sie ist eine der wenigen Dramaturginnen Deutschlands, die sich nicht nur der Oper verschrieben hat, sondern ein spezielles Faible für die so genannte leichte Muse hat: Wiebke Hetmanek nimmt Operette und Musical verdammt ernst – und liebt sie leidenschaftlich. Nach „Funny Girl“ folgt nun mit „Roxy und ihr Wunderteam“ ihre zweite Ausgrabung am Theater Dortmund. Geboren in Kiel, studierte Wiebke Hetmanek Musikwissenschaft, Literaturwissenschaft und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften an den Universitäten Bochum und Köln. Erste Station ihrer beruflichen Laufbahn war die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg, es folgte das Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, und seit 2011 die Oper Dortmund. Wiebke Hetmanek ist außerdem die sehr erfolgreiche Autorin der Kinderopern „Der kleine Barbier oder Eine haarige Angelegenheit“, „Kaimakan und Pappatatschi oder Piraten fluchen nicht“ sowie „Ritter Eisenfraß“.

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